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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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HERBERT HAMELIN 
M ir scheint, Frauen sind 
leicht aufgebracht. Ich 
weiß, idaß das schon vor 
mir festgestellt worden ist, 
aber sie sind wirklich leicht aufge 
bracht, besonders über Zeitungen. 
Gestern gab es so eine interessante 
Ausgabe, ein paar nette Mörder, 
zwei oder drei reizende kleine Re 
volutionen auf dem Balkan und alles 
was man sich nur wünschen kann. 
Ich lehnte daher die Zeitung gegen 
die Kaffeekanne und setzte mich zur 
angenehmen Lektüre zurecht. 
„Entschuldige, Liebster“, sagte Lu 
vender und rückte meine Stütze fort, 
wodurch die Zeitung in die Butter 
fiel. Rasch schüttete ich den Toast 
aus und rettete die Reste für mich. 
Mir scheint, Frauen sind sehr un 
geschickt. 
„Was soll das bedeuten, Liebster?“ 
fragte Lavender, „kosten diese An 
züge wirklich so wenig?“ 
loh antwortete nur mit einem 
Brummen. 
„So kann ich schlecht lesen, fuhr 
sie fort, tippte mit dem Buttermesser 
auf die Zeitung und riß dadurch 
meine Stütze noch einmal um. 
Mir scheint, Frauen sind sehr hart 
näckig. 
Nachdem ich jedem etwas Mar 
melade gereicht hatte, gab ich La 
vender die Hälfte der Zeitung, 
natürlich den fettigen Teil, und ver 
suchte von neuem zu lesen. 
Unter dem Schutze des Marme 
ladenglases sah ich ängstlich nach 
der Uhr. Ich hatte noch zehn 
Minuten Zeit. 
„Die Uhr geht zehn Minuten nach“ 
sagte Lavender. 
Ich stürzte auf den Flur nach 
meinem Hut, stürzte zurück, küßte 
Lavender, ergriff die Zeitung und 
stürzte wieder hinaus — unid dann 
war ich sehr bestürzt, als ich in der 
Bahn entdeckte, daß sie mir das 
Blatt vom vorigen Tage angedreht 
hatte. 
Mir scheint, Frauen sind sehr 
hinterlistig. 
Im Geschäft war viel zu tun, aber 
ich hoffte auf eine ruhige Lektüre 
nach dem Abendbrot. 
„Hast du die Zeitung gesehen, 
Liebling“, fragte ich, als ich nach 
Hause kam. 
„Zeitung? N — nein, ich weiß 
nicht“, erwiderte sie gleichgültig, 
„vielleicht liegt sie in meinem 
Zimmer.“ 
Sie lag aber nicht da, ich suchte sie 
vergeblich. 
„Oh, es kann auch sein, daß sie im 
Badezimmer ist“, besann sie sich. 
Ich hielt es aber leider nicht für 
nötig, an einem so harmlosen Orte 
nach einer Zeitung zu suchen. Hätte 
ich es doch lieber getan, denn nach 
dem ich sie überall umsonst gesucht 
hatte, fand ich sie doch schließlich 
dort. Mir scheint, Frauen sind sehr 
schlumpig. 
Nun war endlich alles gut. Laven 
der machte einen Jumper, und man 
kann nicht sprechen, wenn man Jum 
per strickt, s i e kann es wenigstens 
nicht. 
Sie hatte anscheinend schwierige 
Kopfrechnungen zu lösen, z. B. fünf 
undvierzig, seohsund vierzig, oh, Feh 
ler . . . wo war ich denn eben? und 
so weiter. Da läutete das Telephon. 
„Hoffentlich will niemand mit uns 
ausgehen“, rief ich ärgerlich. 
Aber natürlich, Blogsons wollten 
mit uns eine Partie Bridge spielen. 
Ich sagte, ich ginge nicht. 
Lavender sagte, ich ginge. 
Wir gingen. 
Mir scheint, Frauen sind sehr an 
maßend. 
Als wir zurüokkamen, fand Laven 
der, daß es zum Lesen schon zu spät 
wäre und ich würde dann morgens 
nicht zur Zeit aufstehen. 
Mir scheint, Frauen machen von 
allem viel Aufhebens. 
Aber ich gehöre zu den Menschen, 
die ausführen, was sie sich vorge 
nommen haben, und ich hatte mir 
vorgenommen, gerade diese Zeitung 
zu lesen. loh stand also eine halbe 
Stunde früher auf als sonst und eilte 
in das Wohnzimmer. 
„Diese alte Zeitung, gnädiger 
Herr?“ antwortete Mary auf meine 
Frage, „.ich glaubte nicht, daß Sie sie 
noch haben wollten. Ich habe eben 
das Feuer damit angemacht. 
Frauen sind . . . ., aber ich glaube, 
das hat man schon vor mir festge 
stellt.
        
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