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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Maler der Gegenwart, antike Fa 
yencen und Vasen, moosweiche 
Smrynateppiche verliehen dem Raum 
ein vornehmes, intimes Gepräge. 
Sonja und Cornel nahmen in den 
breiten Fauteuils Platz. Der Diener 
meldete mit monotoner Stimme: 
„Herr Direktor Olmers und Herr 
Normi bedauern der Einladung 
nicht Folge leisten zu können. Eine 
wichtige Konferenz verhindere sie 
daran.“ 
Sonja entging es nicht, wie sich 
ein fast unmerkliches Augenspiel 
zwischen Dr. Ferrer und seinem 
Kammerdiener vollzog. Und sie 
fühlte, wie ein eisiger Schauer ihren 
Körper überrieselte. Komödie, 
Schwindel! Und doch keine Gewiß 
heit darüber. 
Nun war sie allein mit ihm . . . 
„Liebste Sonja, wollen Sie mir 
Tee geben; ich möchte jetzt keine 
Domestiken um mich sehen. Und 
es ist so reizvoll für einen Mann, 
von einer schönen Frau beim Tee 
bedient zu werden.“ 
Ein gezwungenes Lächeln auf den 
Lippen — goß Sonja schweigend 
die Tassen voll. Der Mann mit den 
Fauniaugen entzückte sich an der 
Grazie der Russin. 
„Sonja, ich möchte eine Frage an 
Sie stellen. Sie haben jetzt das 
Papier in Händen, das Ihnen eine 
glänzende Zukunft — ein Leben 
voll von Freuden und Genüssen 
garantiert. Und trotzdem bleiben 
Ihre schönen Augen melancholisch. 
Freuen Sie sich nicht über das Er 
reichte?“ 
„Ich freue mich, Herr Doktor und 
werde Ihnen stets dankbar dafür 
sein.“ 
„Und habe ich mir damit Ihre 
Freundschaft verdient, liebe Sonja?“ 
„Ich werde bemüht sein, lieber 
Doktor, in Ihnen stets einen Freund 
zu sehen, der durch seine selbst 
lose Hilfsbereitschaft und seine 
warme Anteilnahme an meiner 
künstlerischen Laufbahn meine Sym 
pathie und meinen Dank verdient 
hat.“ 
„Sonja, sprechen Sie nicht in dieser 
konventionellen Weise. Wozu 
überhaupt diese ganze Komödie!“ 
Die Augen der Russin blitzten 
auf; kalt klang ihre Stimme: „Herr 
Doktor, was meinen Sie damit?“ 
„Sonja, Sie sind eine Frau, die 
mehr verlangen kann, als banales 
Liebesgestammel entzückter Ver 
ehrer, die erhaben ist über kokette 
Flirts und romantische Liaisons. 
Sie sind eine Frau, die von einem 
Manne geliebt werden muß, der ihr 
alles das zu geben vermag, was ihrem 
Geist und ihrer Schönheit ge 
bührt . . . Sonja, sehen Sie in mir 
diesen Mann! . . .“ 
Grabesstille herrschte in dem 
Zimmer. Ihr eisiges Schweigen 
deutete er günstig. Mit einer jähen 
Bewegung stand er auf und beugte 
sich über ihr versteinertes Gesicht. 
„Sonja, — küsse mich!“ 
Die Frau im Fauteuil fühlte sich 
plötzlich an allen Gliedern gelähmt. 
Selbst ihre Zunge versagte den 
Dienst. 
So preßte der Mann seine Lippen 
auf ihren geschlossenen Mund. 
Kein Schrei kam aus ihrer Kehle . . . 
Erwacht aus seiner Verwirrung, 
schrak Cornel Ferrer zusammen. 
Hatte er eine Tote geküßt? Dieses 
Weib war kalt und starr wie Mar 
mor . . . 
Und er wankte zurück; feige 
Angst malte sich auf seinen Zügen. 
Sonja kam wieder zu Sinnen. 
Ihre weit geöffneten Augen starrten 
eine Sekunde in maßlosem Ekel auf 
diesen Dämon im Frack. Dann 
nahm sie aus der Ledertasche den 
Vertrag und zerriß ihn mit be 
benden Fingern in viele kleine 
Stücke. Wie weiße Schneeflocken 
wirbelten diese auf den blutroten 
Teppich . . . 
„Sonja Gorinow verkauft sich 
nicht für eine Filmkarriere, mein 
Herr! Und nun lassen Sie mich 
gehen.“ 
Ihre Stimme war wie ein heise 
res Kreischen, 
In Cornel Ferrer loderte Wut und 
Haß empor. Er läutete dem Die 
ner. „Bitten Sie Herrn Dr. Alsen 
in das Büro.“ 
Sonja horchte auf. Was sollte 
das bedeuten! 
„Nur noch die Regelung einer 
geschäftlichen Angelegenheit.“ 
Einige Minuten später setzte sie 
ihre Unterschrift unter einen 
Schuldschein, der sie verpflichtete, 
die geliehene Summe von 500 Mark 
innerhalb von drei Tagen an Dr. 
Ferrer zu bezahlen. 
Der Diener geleitete die blasse 
Frau an die Türe . . . 
Ziellos irrte Sonja durch die 
Straßen. Alles, alles war nun ver 
loren. Der Traum von ihrer 
Karriere war in Nichts zerstoben. 
Das alte Elend begann von neuem. 
Mit dem letzten Rest ihrer Kraft 
schritt sie weiter. Fedor Miriloff —- 
zu ihm mußte sie. Nur er allein mit 
seinen Träumeraugen und seiner 
warmen Stimme hatte die Macht, sie 
zu retten . . . 
Die Lichter der Straßen waren 
entflammt. Ein leichter Nebel ver 
schleierte die abendlichen Silhou 
etten. Aus den Schaufenstern 
flutete eine leuchtende Pracht. 
Einem Impuls gehorchend, blieb 
sie plötzlich vor einem Juwelier 
laden stehen. Das war der Aus 
weg! Aber es war auch der Gang 
nach Golgatha . . . 
Als Sonja das Amulett vom Halse 
löste, spürte sie an der Stelle, wo 
es gehangen hatte, ein Brennen wie 
von glühendem Stahl. 
Der Juwelenhändler gab ihr 
lächelnd für das Schmuckstück, was 
sie verlangte; vielleicht hätte er ihr 
ebenso lächelnd das Doppelte ge 
geben. — Und dann reichte sie dem 
Postbeamten fünf zerknitterte 
Scheine. Mit bebenden Händen 
nahm sie die Bestätigung in 
Empfang. „Cornel Ferrer; wir beide 
sind quitt!“ Für die Rettung ihrer 
Ehre hatte sie den Talisman ihres 
Lebens hingegeben. Das sengende 
Brennen am Halse wurde immer un 
erträglicher. 
So kam sie in Fedors Atelier. Ein 
Aufatmen ging durch ihre Brust. 
Seine schlanke, schöne Hand würde 
leise über die brenende unsicht 
bare Wunde streichen . . . Ein ein 
ziger Blick aus seinen Augen würde 
ihrer gepeitschten Seele Ruhe ein 
flößen. 
Fedors Wirtin geleitete sie durch 
den dunklen Korridor. Sie haßte 
diese saloppe Frau mit dem lauern 
den Hyänenblick . . . 
Als Sonja die Portiere zurück 
schlug, erstarrte ihr Lächeln. Fedor 
Miriloff lag auf einem weißen Fell 
zu Füßen seines Modells, und die 
Hände des Mädchens wühlten in 
seinem dunklen Haar. 
„Fedor!“ 
Ein schriller Ton entquoll ihrer 
Kehle. Ihre Finger krallten sich 
krampfhaft an der Portiere fest. Es 
war ihr, als ob alles um sie ver 
sinken würde. 
Fedor hielt sie in seinen Armen, 
während er ihr die wirren Haare 
aus der Stirn strich. Und als er sie 
ins Atelier trug, huschte das Modell 
lautlos an ihm vorbei und ver 
schwand lim Korridor . . . 
Ein schmerzliches Glück erfüllte 
des jungen Künstlers Inneres. Wie 
eine Erleuchtung war es über ihn 
gekommen. Sie liebt mich und 
gönnt mich keiner anderen! Aber 
Cornel Ferrer? . . . 
Eine Stunde später wußte er alles. 
Sonja hatte erst zögernd, dann mit 
ruhiger, fester Stimme ihm alles 
wahrheitsgetreu gebeichtet. Und 
mit diesem Bekenntnis hatte sie 
auch die drückende Last von ihrer 
Seele gewälzt. 
Als Sonja in eine warme Decke 
gehüllt — am prasselnden Kamin 
feuer saß und langsam den 
dampfenden Tee schlürfte, ließ 
Fedor sie eine kleine Weile allein. — 
Jetzt erst fühlte Sonja, was ihr der 
junge Maler war . . . Und wie 
mußte er gelitten halben in dem 
Wahne, sie habe sich an Dr. Ferrer 
verkauft? 
Leise -Schritte weckten säe aus 
ihrem Sinnen. Es war Fedor, der 
soeben zurückgekehrt war und sie 
mit einem zärtlichen Kuß begrüßte. 
In ihre Hände aber legte er mit 
einem glücksfrohen Aufleuchten 
seiner schönen, treuen Augen — 
das kleine, goldene Amulett . . .
        
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