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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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und senkte den dunklen Locken 
kopf auf die duftenden Blumen 
kelche hernieder. 
Fedor Miriloffs strahlende Samt 
augen sogen sich an diesem Bilde 
fest. „Wie schön du bist, Sonja. So 
möchte ich dich malen.“ 
Ein leise girrendes Lachen Sonjas 
zeigte ihre schneeigen Zähne 
zwischen den tiefroten Lippen. 
„Kleiner, dummer Fedor . . .“ 
Dann saßen sie beim Tee, dessen 
Duft sieh mit dem Aroma der 
Zigaretten mengte. Und Fedor er 
zählte in seiner frischen, natürlichen 
Art von seinen künstlerischen Er 
folgen, die, wenn auch noch be 
scheiden, doch vielverheißend für 
eine große Zukunft waren. — Mit 
der unnachahmlichen Grazie der ge 
bildeten Russin bediente Sonja den 
jungen Künstler mit Gebäck und 
Wodka. 
Sie lachten und scherzten wie zwei 
sorglose Kinder. Vor Sonjas Augen 
entstand der Traum ihrer Jugend 
zeit und aus den leuchtenden Pu 
pillen Fedors lachte ihre Heimat in 
ihrem märchenhaften Zauber. 
Sie nahm die Balalaika von der 
Wand und reichte sie ihm. Fedor 
spielte zuerst eine alte russische 
Volksweise. Ein herber und doch 
so süßer Rausch durchrieselte Sonja 
beim Klang des vertrauten Liedes. 
Und als er geendet, trat sie ans 
Fenster. Abendliche Dämmerschatten 
ruhten auf den Kastanien. Nur ein 
paar rotgoldene Streifen der sinken 
den Sonne blinkten zwischen den 
Blättern hindurch . . . Sie zog lang 
sam die Gardine vor. In ihr war ein 
Ahnen von scheidendem Glück. Sie 
wußte, daß ihr die Kraft fehlte, es 
zu halten. Aber auskosten bis zur 
Neige wollte sie den Zauber der 
Stunde, dieses himmlische Zu 
sammensein mit Fedor, dem einzigen 
Menschen, der ihr heute nahe 
stand . . . 
Und sie goß von neuem die Glä 
ser voll. Wie dieser feurige Trank 
belebte, das Blut heißer pulsieren 
ließ! Sie schloß die Augen — fas 
ziniert von der eigenartigen Musik, 
die Fedor dem Instrument ent 
lockte. Dieses monotone Klagen 
und dann wieder dieses brausende 
Jubeln der Töne. Mit einer Dis 
sonanz ging der Spieler zu einem 
rassigen Nationaltanz über. Wie 
ein Rausch von Seligkeit kam es 
über Sonja. Ein Lachen und Wei 
nen war sein Spiel und lachend und 
weinend hätte sie bei diesen Klän 
gen alles — alles vergessen 
mögen . . • 
Da packte sie plötzlich eine wilde 
Lust zu tanzen — von der gilut- 
sprühenden Melodie entflammt — 
Und sie tanzte! . . . 
Fedors nachtdunkle Augen folgten 
entzückt ihren Bewegungen. Wie 
sündhaft schön war sie! Wie rassig 
und dabei doch so graziös bog sich 
ihr schlanker Körper. Diese weiche 
Nackenlinie mit dem Hauch von 
Elfenbein — wie vieles ließ sie doch 
erraten. Und der Mund, dieser 
sinnverwirrende, wie berauschend 
mußten seine Küsse sein ... Er 
war sich längst klar darüber, daß 
er nicht nur ihre Seele liebte. Nicht 
mit den Augen des Künstlers sah 
er diesen Körper. Weshalb sollte 
er leugnen, daß ihre Schönheit sein 
Blut berauscht, seine Sinne gebannt 
hatte? 
Warum aber hatte er nicht den 
Mut, vor sie hinzutreten und ihr zu 
sagen: „Sonja, ich war der Gespiele 
deiner Kindheit; ich war es, heute 
aber weiß ich, daß ich dich 
liebe . . .“ 
Doch nur seine Augen ent 
schleierten dieses Liebessehnen; sein 
Mund schwieg. Wie ein Mirakel 
erschien ihm diese Liebe; jedes 
profane Wort hätte den Zauber die 
ser Poesie zerstört. Sonja, aus 
deren Augen die Seele einer 
Madonna strahlte, mußte selbst 
fühlen, wie alles in ihm nach ihr 
verlangte mit dem Ungestüm seiner 
Jugend und der Glut seiner Leiden 
schaft . . . 
Und Fedor spielte . . . Immer 
feuriger wurde der Rhvthmus — 
immer wilder Sonjas Tanz. Im 
Taumel der Ekstase verlor sie die 
Beherrschung. 
„.Spiele, Fedor, spiele. Morgen 
beginnt meine Karriere. Heute 
tanze ich noch am Abgrund. Rette 
mich davor! Warum kannst du es 
nicht? Warum muß es Cornel 
Ferrer . . .“ 
Plötzlich erstarrten ihre Augen 
und mit einem erstickten Schrei 
brach sie zusammen. 
Eine leichte Ohnmacht hielt Son 
jas Augen geschlossen. Fedor 
Miriloff hatte sie auf die Ottomane 
gebettet und saß nun an ihrer 
Seite. Ein schmerzliches Verstehen 
war über ihn gekommen, seit er die 
Zeilen Dr. Ferrers gelesen hatte. 
Und er erhob sich leise. Ein 
stummes Nicken, ein letzter Blick 
aus seinen träumenden Augen und 
dann — — schloß sich die Türe 
hinter ihm . . . 
„Fedor — Fedor!“ Es war ein 
Schrei, aus tiefstem Unglück ge 
boren. Und die kalkweißen Hände 
Sonjas wühlten verzweifelt in ihren 
dunklen Locken . . . 
Es war am folgenden Tage. — Die 
Zigeunerkapelle spielte zum „De 
jeuner“ im Saal des vornehmen 
Flotels in der Bellevuestraßh In 
einem der durch schwere Portieren 
abgeschlossenen Separes saß Sonja 
Gorinow, ihr vis-a-vis Dr. Cornel 
Ferrer. Auf dem Damasttischtuch 
leuchteten die Reflexe der gefüllten 
Sektkelche. Der Ober nahm soeben 
mit .feierlicher Miene das Porzellan 
des letzten Ganges ab. Lautlos ver 
schwand er hinter der Portiere . . . 
Mit seinen brillantengeschmückten 
Fingern nahm Dr. Ferrer ein Schrift 
stück aus einer eleganten Saffian 
tasche. Ein siegessicheres Lächeln 
auf dem halbgeöffneten Mund 
reichte er es der jungen Russin. 
Sonja entfaltete es, während ihre 
Flände leicht erbebten. Es war ihr 
Engagementsvertrag mit der Film 
gesellschaft, dessen glänzende Be 
dingungen ihr beim Lesen das Herz 
schneller schlagen ließen. Die mar 
kanten Unterschriften am Schluß 
des Dokuments waren der Grund 
stein zu ihrer Karriere. Was alles 
lag hinter ihr? — Verlassenheit, 
Tage des Hungerns, Wochen des 
Darbens, Nächte des Frierens! 
Gänge zum Leihhaus und wieder 
trostlose Einsamkeit. Ein kleines, 
kaltes Zimmer in einer Mietkaserne 
unter Proleten war Monde hindurch 
das dürftige' Milieu gewesen, dem 
sie sich in stolzer Resignation an 
zupassen bemüht war. Alle diese 
trüben Erinnerungen sollten nun 
verblassen vor dem Glanz ihrer 
neuen Carriere. Wie würde nun 
das Milieu der Sonja Corinow aus- 
sehen? — Eine mit vornehmer Ele 
ganz ausgestattete Wohnung im feu 
dalsten Westen Berlins, Zofe, Auto 
und Chauffeur, prunkvolle Toiletten 
und kostbare Juwelen, dazu einen 
Beruf, der ihren individuellen, künst 
lerischen Ehrgeiz befriedigen würde 
— alles, was zu einer Dame der 
großen Welt gehörte, würde nun ihr 
eigen sein . . . Welch schreiender 
Kontrast mit dem Einst! Und dieses 
Märchenglückes Schöpfer war Dr. 
Cornel Ferrer, der Mann, der ihr 
gegenüber saß . . . 
Mit einem dankenden Wort gab 
sie dem Manne die weiße, kühle 
Hand, die er umständlich an die 
Lippen zog. Den Kontrakt legte 
sie in ihre kleine Ledertasche. 
„Liebste Sonja, wir wollen den 
Taufakt ihrer Karriere fortsetzen. 
Beim Fünfuhrtee in meinem Hause 
werden Sie Direktor Olmers und 
Sascha Normi begrüßen können. Ist 
es Ihnen recht, wenn wir jetzt hier 
aufbrechen?“ 
.Sie bejahte schweigend. Der Ober 
kam und der Boy brachte die Gar 
derobe. An der Seite Dr. Ferrers 
verließ Sonja das Lokal. Vor dem 
Portal wartete das Auto Cornels. 
Und nun saßen sie eng beiein 
ander — versunken in die weichen 
Lederpolster. Cornel Ferrers Blut 
kreiste rascher, doch seine Worte 
klangen ruhig und konventionell. 
Nur seine nervös flackernden Augen 
verrieten seine verhaltene Erregung. 
In dem luxuriös ausgestatteten 
Herrenzimmer war bereits der Tee 
tisch gerichtet. Vier kostbare 
japanische Porzellangedecke um 
gaben eine herrliche Kriställvase — 
gefüllt mit süß duftenden Miarschall 
Niel-Rosen. Schwere englische Stil 
möbel mit prachtvollen Schnitze 
reien, wertvolle Gemälde berühmter 
(Fortsetzung auf Seite 12.)
        
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