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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Sonjas Karriere 
* 
E in rostrotes Kastanienblatt 
flatterte in Sonjas kleines, 
ärmliches Zimmer. Der 
Wind, der draußen durch 
die farbenbunten Bäume strich, wir 
belte es auf den alten abgenutzten 
Teppich, wo es mit einem leisen 
Knistern liegen blieb. 
Sonja saß in dem Gobelinsessel — 
dem Prunkstück des Raumes — und 
starrte mit leiser Melancholie in 
den Augen auf diesen ersten Boten 
der sterbenden Natur. 
Das letzte Stück des kostbaren 
Schmuckes, den ihre Eltern als rus 
sische Emigranten nach Deutschland 
gerettet hatten, war verkauft. Des 
Vaters Tod, das Begräbnis, — der 
Mutter langes Kranksein hatten so 
viel Geld gekostet. Und mit den 
letzten Juwelen hatte Sonja das 
Grabdenkmal bezahlt, das sie ihren 
Eltern weit draußen auf dem stillen 
Friedhof setzen ließ. 
Nichts war ihr geblieben, als ihre 
abgetragene Garderobe und das 
goldene Amulett mit dem Bildnis 
der Madonna von Ismailowitsch, das 
sie an einer Seidenschnur um den 
Hals trug. 
Die Mutter hatte es ihr am Sterbe 
bett als das Heiligste, was sie be 
saß, überreicht und wie ein Gebet 
hatte sie dabei die Worte gelispelt: 
„Halte es in Ehren, Sonja, auch 
wenn du in Not bist.“ 
Sonja wußte: Das Amulett hatte 
Familientraditionen; es barg das 
Fatum in sich, das der Trägerin be- 
schieden -war. Leise — mit Andacht 
hauchte sie einen Kuß auf das Bild: 
„Madonna, hilf mir . . .“ 
War es Zufall, daß in der gleichen 
Sekunde ihr Blick auf der weißen 
Karte haften blieb, die dort auf der 
roten Plüschdecke lag. Dr. Cornel 
Ferrer stand darauf, und sie las es 
mit quälendem Bangen in ihren 
dunklen Augen. 
Wieder glomm dieses eigentüm 
liche Angstgefühl in ihr auf, das sie 
stets vor diesem Manne empfand, 
der durch seine Protektion und seine 
pekuniäre Hilfe sie vor dem Hungern 
und Frieren bewahrte und ihr einen 
Weg zu neuer, sicherer Existenz 
bahnte. — Es war ihr, als müßte sie 
vor ihm fliehen, so weit sie ihre 
Füße trugen . . . Und doch! — Sie 
krallte die £Jägel ins Fleisch. Das 
Leben wollte den Kampf. Also 
mußte sie kämpfen, denn sie liebte 
das Leben trotz allem . . . 
In das leuchtende Gold der 
Herbstsonne mischte sich der erste 
abendliche Purpurschimmer. Sonja 
nahm eine russische Zigarette aus 
der Tabatiere. Während sie rauchte, 
CARL WALLNER 
fühlte sie, wie sich ihre Nerven lang 
sam beruhigten. Sie ergriff einen 
Roman von Zola und hüllte sich in 
einen schönen, alten Schal. Das 
herbe Aroma der starken Zigarette 
lenkte sie jedoch von der Lektüre 
ab. Sie konnte in dieser Stimmung 
nicht lesen. — Apathisch legte sie 
das Buch zur Seite. Dann nahm sie 
die Karte von der Kommode und las 
nochmals die steilen Schriftzüge 
Dr. Ferrers. „Liebste Sonja, ich bin 
glücklich, Ihnen sagen zu können, 
daß Ihr Engagement bei der 
„Gloria-Filmgesellschaft” unmittel 
bar vor dem Abschluß steht. Ihre 
persönliche Vorstellung hat auf 
Direktor Olmers einen sehr günsti 
gen Eindruck gemacht. Sie werden 
voraussichtlich als Partnerin des be 
rühmten Sascha Normi im nächsten 
großen Film beschäftigt. Nur Ihre 
definitive Gage ist noch nicht fest 
gelegt. Alles Nähere mündlich. Ihre 
sonstigen Verpflichtungen, auch Ihre 
Miete habe ich erledigt. Ich hoffe, 
Ihnen sehr bald den perfekten Ver 
trag überbringen zu können. In 
unbegrenzter Verehrung Ihr Cor 
nel.” 
Ihr Cornel! . . . Was alles sprach 
aus diesen zwei Worten. Ihre leise 
zitternden Finger ließen die Karte 
auf den Teppich gleiten; sie merkte 
es nicht. Manch bittere Ent 
täuschung hatte Sonja in ihrem jun 
gen Leben erleiden müssen und so 
war Mißtrauen in ihre Seele ge 
zogen, das wie brennendes Gift an 
ihr nagte. Gab es wirklich noch 
einen Menschen auf der Welt, der 
aus purer Nächstenliebe, aus rein 
ster Uneigennützigkeit einer edlen 
Handlung fähig war? Und war Cor 
nel Ferrer dieser Eine? 
Sie sah ihn plötzlich einer Chi 
märe gleich vor sich — mit seiner 
überschlanken, kraftlosen Figur, 
seinem pockennarbigen Gesicht und 
den häßlichen, lüsternen Augen 
eines Fauns . . . 
War diese Häßlichkeit nicht ein 
Abglanz seiner Seele? Diese 
dämonischen Augen — verrieten sie 
nicht die vulgären Instinkte seines 
Ichs, seine zügellose, sinnliche Be 
gierde? Ein Vampyr! . . . 
Nein, sie ging zu weit. So wie er 
war, war er nur das unschuldige 
Opfer einer Laune der Natur. 
Warum war sie so ungerecht? Wie 
oft war ein schöner Körper nicht 
mehr als eine Attrappe! 
Sonja zerwühlte ihr Gehirn mit 
all diesen wirren Gedanken und 
kam zu keinem Ziele . . . 
„Cornel Ferrer, deine Gestalt ist 
häßlich. Dein Gesicht ist häßlich, 
deine Augen . . . Wären deine 
Augen schön, ich könnte dir das 
andere verzeihen. Aber auch deine 
Augen sind häßlich! Und man sagt, 
die Augen seien der Spiegel einer 
Seele ...” 
Aus bebendem Munde kamen 
diese Worte Sonjas und plötzlich 
war es ihr, als neige sich das Ge 
sicht Dr. Ferrers über sie, als öff 
neten sich seine rissigen Lippen: 
„Gib mir den Lohn für meine Tat!” 
Entsetzt schrie sie auf und griff mit 
beiden Händen in die Luft. — 
In diesem Augenblicke klopfte es 
an der Türe. Sonja fühlte, wie ihr 
Blut erstarrte. Das war er! Kraft 
los sank sie auf das kleine Plüsch- 
sofa. Wie eine versteinerte Statue 
saß sie da, die Augen starr auf die 
Türe gerichtet . . . 
Da aber hörte sie eine Stimme, 
deren Klang sie erstaunt aufhorchen 
ließ. „Fedor!” ... In freudiger 
Überraschung leuchteten ihre 
dunklen Augen auf. Fedor Miriloff 
— ihr Freund aus frohen Jugend 
jahren war es, der auf der Schwelle 
stand und mit einem Lächeln auf 
seinem braunen Gesicht nun auf sie 
zukam. Ein Hauch von Jugend 
frische, von junger Männlichkeit 
ging von ihm aus, der sie wohl 
tuend berührte. Ein dankbarer 
Blick aus ihren fiebrig heißen Augen 
strahlte ihm entgegen. 
„Sonja, wie geht es dir?“ 
Sie reichte ihm ihre noch leise 
bebende Hand. Auch in ihrer 
Stimme klang noch leichte Erregung 
nach: „Ich danke dir, Fedor, daß 
du gekommen bist, daß du gerade 
jetzt gekommen bist.” 
„Sonja, was ist dir, bist du krank?’. 
„Nein, ich hatte nur einen quälen 
den Traum. Es ist schon wieder 
vorüber.“ 
„Es ist kalt bei dir; frierst du 
nicht? Hier habe ich dir eine Flasche 
Wodka mitgebracht. Wir wollen 
ein Stündchen dabei verplaudern.” 
Ein leises Lächeln umspielte 
Sonjas Lippen: „Mir scheint, du hast 
Geld verdient, mein Lieber!” 
„Ja, Sonja, denke dir, ich habe 
meinen ,Boris Godunoff' an die 
Kunsthandlung Burmann verkauft.“ 
Ihre weißen Finger strichen zärt 
lich über sein schönes, dunkles 
Haar. „loh freue mich so für dich.“ 
Dann trat sie an den Samowar und 
während das Teewasser brodelte, 
ordnete sie kleines Gebäck in eine 
Glasschale. Die leuchtenden Orchi 
deen, die der junge Russe mitge 
bracht hatte, stellte sie in die 
schlanke Vase auf dem runden Tisch
        
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