Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

6 
„Wie froh ich bin, daß ich den 
dummen Jungen durchgegangen 
bin“, dachte er sich. Das war jetzt 
ein richtiges, wunderbares Silvester 
abenteuer. „Die Kerle werden 
Augen machen, wenn ich ihnen das 
morgen erzähle.“ 
Sie fuhren nicht lange. Der 
Chauffeur gab drei kurzabgerissene 
Huppensignale, der Wagen verlang 
samte seine Fahrt, ein großes Tor 
wurde aufgemacht, der Führer rief 
einigen Lakaien etwas zu, die Auto 
türe öffnete sich, und Gunhild und 
Jens stiegen aus. 
Jens sah sich um. „Ja, das war 
ja ... Ja, das war ja, das ist ja 
nicht möglich.“ Jens fuhr sich mit 
der Hand über die Augen. 
Jal, Jens hatte ganz richtig ge 
sehen, das war Sköyhald, die Irren 
anstalt. Zwei Männer traten auf 
ihn zu. Jens wurde furchtbar un 
heimlich zu Mute. 
„Was wollen Sie denn von mir“, 
schrie er auf. 
Genau dasselbe hatte ihn Gun 
hild vor einer Stunde gefragt. 
„Beruhigen Sie sich nur“, mahnte 
einer der fremden Herren. „Aber 
ich bin doch nicht verrückt.“ Das 
war wohl das Dümmste, was Jens 
in dieser Situation sagen konnte. 
„Nur Ruhe“, mahnte der Herr 
wieder. 
„Das ist ein Irrtum, das ist ja 
Wahnsinn, ein Mißverständnis.“ — 
„Ja, Wahnsinn“, sagte der mah 
nende Herr mit verdächtig herab 
gezogenen Mundwinkeln. 
Und nun verfiel Jens auf das Un 
sinnigste, was er nur tun konnte. 
Er brüllte und fing zu toben an. 
Und Gunhild. Gunhild weinte. 
Sie weinte gianiz herzzerreißend. Der 
arme, hübsche junge Mann tat ihr 
so schrecklich leid. So jung und 
schon so schwer krank. Vielleicht 
unrettbar. 
Nun, sie nahm sich vor, wenn es 
irgendwie erlaubt sein sollte, diesen 
armen Teufel hie und da zu be 
suchen. Vielleicht hatte er gar 
keine Verwandten, die sich seiner 
annahmen. 
Der „arme Teufel“ aber tobte 
weiter. Wollte sofort zum Direktor 
geführt werden. 
Und er wurde geführt. In ein 
ganz kleines Kabinett. Prächtig 
ausgestattet. Gepolstert von oben 
bis unten. 
Langsam beruhigte er sich dort. 
Und als die Glocken das neue Jahr 
einläuteten, lächelte er bereits. 
Er lächelte über eine Anzeige im 
„Götarikebladet“. Es war doch 
eine verrückte Idee gewesen . . . 
Das beruhigte Gewissen 
H arriet weilte in einem Sana 
torium, um ihre, von der 
Geselligkeit des Winters 
ein wenig angegriffenen 
Nerven zu kräftigen. Harald war 
ihr gefolgt, hoffend, daß sie, fern 
von dem Gatten, eher bereit sein 
würde, seinem Liebeswerben nach 
zugeben. Aber, er sah sich ge 
täuscht. Harriet freute .sich zwar 
seiner Anwesenheit, seinen Ein 
flüsterungen verlieh sie jedoch kein 
williges Ohr. 
„Die Gewißheit, daß ich deine 
Liebe erwidere, muß dir genügen.“ 
„Nein, sie genügt mir nicht. Und 
ich muß dir sagen, daß ich mir in 
der Rolle eines schmachtenden 
Liebhabers, zu der du mich ver 
dammt hast, direkt lächerlich vor 
komme. Und — ich werde sie nicht 
weiterspielen — ich werde ver 
schwinden —“ 
Sie erschrak. „Du willst mich 
verlassen —“ 
„Du zwingst mich dazu.“ 
„Wenn du doch weißt, daß ich 
dich liebe“ klagte sie. 
JO LANTHE MAR&S 
„Du verlangst, daß ich an deine 
Liebe glauben soll und verweigerst 
mir jede Zärtlichkeit. Beweise ver 
lange ich, Harriet, Beweise!“ 
Ärger und Enttäuschung klang 
aus seiner Stimme. Mit finsteren 
Blicken starrte er auf die Frau, die 
lang ausgestreckt in ihrem Liege 
stuhl neben ihm lag. Er neigte sich 
aus seinem Korbstuhl ihr entgegen 
und sagte mit kalter, abweisender 
Stimme: „Nein, du liebst mich nicht. 
Du hast keine Ahnung, was Liebe 
ist.“ 
„Du — du hast mich doch ge 
küßt!“ — stammelte sie. 
„Zwei oder drei flüchtig geraubte 
Küsse!“ Er lachte auf. 
„Harald — ich bitte dich, quäle 
mich nicht — es wird mir ja nicht 
leicht — denn ich liebe dich wirk 
lich — aber — mein Mann — ich bin 
doch nun mal seine Frau — und ich 
will ihn nicht betrügen — du mußt 
doch begreifen —“ 
„Glaubst du, daß dein Mann so 
zart besaitet ist, wie du?“ 
„Nein — ich glaube nicht — aber 
— ich habe doch keine Beweise 
seiner Untreue — mein Gewissen 
ließe mir keine Ruhe — nein — ich 
kann mich nicht küssen lassen, 
Harald — du kannst es mir glauben, 
ich habe dich lieb — aber — ich 
kann nicht —“ Sie schwieg. Ein 
Seufzer kam von ihren Lippen und 
sie sagte mit einer Stimme, die von 
zurückgehaltenen Tränen schwer 
war: „Du hast recht — es wird das 
beste sein, wenn wir uns trennen.“ 
„Ja,“ erwiderte er, während seine 
Blicke noch immer auf ihr ruhten. 
Sie hatte die Augen geschlossen. 
Fest lagen die Lider mit der langen 
Wimperfranse darüber. Das feine 
Oval ihres Gesichtes war von der 
Sonne stark gebräunt. Der dunkle 
Ton der Haut ließ das kurze, licht 
blonde Lockengewirr noch heller er 
scheinen. 
Seine Fingerspitzen zuckten. Er 
hätte die Hände einwühlen mögen 
in dieses Seidengespinst. 
Der runde, ein wenig zu volle 
Mund! Wie er lockte!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.