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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Der Schatzmeister blickte er 
schreckt auf und fragte mißtrauisch: 
„Allein?“ 
Du Barry lächelte: „Fürchten Sie, 
daß ich Ihnen durchgehe?. Wegen 
der Zweimalhunderttausend Livres? 
Das stünde nicht dafür, die 
schöne Heimat zu verlassen. Ich will 
in Paris mit einigen Freunden 
sprechen. Bitte, wenn es Ihnen paßt, 
kommen Sie mit.“ 
St. Foix hielt es für geratener, Diu 
Barry nicht aus den Augen zu 
lassen. „Gut, ich habe hier ohnehin 
nichts mehr zu suchen.“ 
Da man aber Frau von Lancon 
nicht allein zurücklassen 
konnte, so reiste man 
also selbdritt an einem 
der ersten Septembertage 
nach Paris. 
« 
Früher als sonst hatte 
sich der Hof in diesem 
Jahre nach Fontainebleau 
begeben. Eine seltsame 
Unruhe des Königs, hieß 
es, den es an keinem 
Orte länger als einige 
Wochen duldete, sei der 
Grund für den vorzei 
tigen Abbruch der Iagden 
in St. Hubert. 
Du Barry, der über die 
Vorgänge bei Hof immer 
gut unterrichtet war, 
hatte davon erfahren. 
Darum hatte er auch auf 
eine Rückkehr nach 
Paris gedrängt; denn er 
durfte hoffen, zu dieser 
sonst noch stillen Jahres 
zeit heuer in Paris be 
reits Freunden und Be 
kannten zu begegnen, 
günstige Verbindungen 
anknüpfen zu können. 
Und Du Barry war 
nicht müßig. Er machte 
Besuche, zeigte sich, 
meist in der Gesellschaft 
Mariannens, überall, wo 
die große Welt sich traf, 
in den Theatern, im 
Restaurant, in den Champs-Elysees, 
und er trug nichts weniger als ein 
bedrücktes Wesen zur Schau. Man 
wußte zwar allenthalben schon von 
dem Mißgeschick, das ihn betroffen 
hatte, angesichts seiner unbe 
fangenen Haltung jedoch wagte man 
nicht, ihn laut zu bedauern; kam 
aber doch die Rede auf den Brand 
von La Guerche, so meinte er bloß 
obenhin: „Mein Gott, ja, eine unan 
genehme Sache - aber was will 
man machen? So etwas kann ge 
schehen . . .“ 
Was er eigentlich suche, ob er La 
Guerche an den Mann zu bringen 
trachte, ob er sich Geld auszuleihen 
beabsichtige oder neue Geschäfte zu 
unternehmen, oder ob er sie selber 
feilbiete, das wußte Frau von Lancon 
nicht. Wenn er bei ihr vorsprach, 
geschah es nur, um sie abzuholen, 
und er redete bei solchem Zusam 
mensein von allem anderen eher als 
von dem, was ihn doch am meisten 
beschäftigen mußte. Im übrigen war 
er sich selbst über seine Pläne nicht 
ganz im klaren. Nur das feste, auf 
Erfahrungen begründete Vertrauen 
hatte er, daß ein frecher Kopf in 
Paris nicht zu verzweifeln hätte. 
Seine schwierigste Aufgabe war 
es, den Schatzmeister hinzuhalten, 
was ihm jedoch dank seiner Kalt 
blütigkeit und Geistesgegenwart und 
der Macht seiner Überredungsgabe 
ausgezeichnet gelang. Er vertröstete 
St. Foix von einem Tage zum an 
dern, oft vom Vormittag auf den 
Nachmittag, erzählte von äußerst 
günstigen Geschäften, die sich viel 
versprechend entwickelten, und legte 
ausgefertigte Kontrakte vor, die er 
sich bei einem Winkeladvokaten um 
ein Stück Geld hatte schreiben 
lassen. Er setzte Termine fest: bis 
zum 10., bis zum 15. sei die Ange 
legenheit geordnet, und am be 
stimmten Tage kam er mit der 
Nachricht, der betreffende Ge 
schäftsfreund — dessen Namen er 
nicht preisgeben zu dürfen vorgab, 
sollte nicht alles in nichts zerrinnen ' 
— wäre erkrankt, ganz leicht nur, 
oder verreist, nur auf wenige Tage. 
Und der schlaue St. Foix ließ sich 
wirklich vertrösten. Der Beweglich 
keit von Du Barrys Geist war er 
eben nicht gewachsen. Er hatte nur 
den einen Trumpf auszuspielen: die 
Drohung mit dem Gefängnis. Aber 
Du Barry wies ihm überzeugend, 
nach, wie töricht und unsinnig es 
wäre, ihn hinter Schloß und Riegel 
zu setzen und ihm damit gänzlich die 
Möglichkeit zu nehmen, die Tilgung 
der Schuld betreiben zu können. 
„Habe ich Verwandte, die für 
mich zahlen, habe ich Freunde, die 
das tun möchten? Ist Ihnen damit 
gedient, mich in St. Sulpice zu 
wissen? Geben Sie nicht zu, daß ein 
Du Barry in der Freiheit mehr wert 
ist, als einer im Gefängnis? ..." 
Das waren Einwände, die St. Foix 
gelten lassen mußte, und es blieb 
ihm nichts übrig, als in 
ohnmächtiger Wut zu 
warten. Ja, Du Barry 
machte ihm sogar be 
greiflich, daß cs unklug 
wäre, Nachteiliges über 
ihn zu verbreiten, Miß 
trauen zu äußern. „Ich 
schulde Ihnen zweimal- 
hunderttausend Livres. 
Zeigen Sie den Leuten, 
daß Ihnen um das Geld 
nicht bangt, daß man 
Vertrauen zu mir haben 
kann, und Sie geben mir 
einen Rückhalt, Sie ver 
schaffen mir den Kredit, 
der in erster Linie Ihnen 
zum besten kommt.“ 
Und auch die Richtig 
keit dieser Vorstellungen 
sah St. Foix ein, und so 
kam es, daß in jenen 
Tagen niemand günstiger 
von Du Barry sprach als 
derjenige, der ihn am 
meisten haßte. 
# 
In einem Zwischenakt 
ging Du Barry hinauf in 
die Garderobe der Mes- 
nard. — 
Die xMesnard stand vor 
dem Spiegel, nur in 
Hemd und Strümpfen 
und rotseidenen Pan 
toffeln, und ließ sich von 
der Garderobiere anklei- 
den. Sie hatte ein breites, derb 
zügiges, gemeines Gesicht, aber ihre 
volle Figur war von wundervollstem 
Ebenmaß, und feurig und rassig 
wiaren Haltung und Bewegungen. 
Auf einem Taburett neben ihr saß 
der bucklige Herzog von La Vrilliere 
und hörte mit ernster Aufmerksam 
keit .die Zoten an, die sie erzählte. 
Sein fahlgelbes, runzliges Gesicht 
zuckte in unzählbaren Falten, er 
hatte dieses stumme Lächeln nach 
innen hinein, das nur in Grimassen 
und in einem Schütteln .des Körpers 
sich äußert. 
(Fortsetzung folgt.) 
* 
Die Buchausgabe dieses Romanes erscheint 
bei der Deutschen Verlagsanstalt, 
Stuttgart — Berlin
        
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