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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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DER PALADIN 
(Fortsetzung von Seite 3) 
„Danke, nickte Joe Jenkins, in ein 
paar mächtigen Zügen die Rauch 
wolken vor sich paffend. 
.. und überhaupt — ich verstehe 
Sie nicht, Mr. Jenkins. Wenn es 
wirklich wahr ist, was Sie mir erzählt 
haben: daß Sie bloß zu Ihrem Ver 
gnügen reisen — Sie könnten jetzt 
warm und weich in dem schönen 
Kopenhagen sitzen, könnten jeden 
Abend die herrlichsten Opern hören, 
könnten jeden Tag am Köngens Ny- 
torv mit den schönen Kopenhagene- 
rinnen flirten. — Nein, Sie müssen 
unbedingt die Fjorde 
sehen, und Sie suchen 
sich justament die Zeit der 
Aequinoktialstürme aus, 
um über das Skagerrak zu 
gondeln . . . Verrückte 
Amerikaner! Sie entschul 
digen schon . . .“ 
„Bitte“, lächelte der De 
tektiv, „genieren Sie sich 
nicht. Aber ich bin nun 
mal so. Ohne dieses biß 
chen Gefahr würde mir 
die ganze Fahrt keinen 
Spaß machen. Übrigens 
verspüre ich deutlichen 
Appetit auf einen Black 
and White. Kommen Sie 
mit, Herr Blomdal, ich 
lade Sie ein. 
Die Küste kam näher. 
Das Schiff schlingerte in 
der Dünung, die lebhafter 
einsetzte. Die beiden 
gingen mit den stampfen 
den Schritten des Seebe 
fahrenen die steile Treppe 
hinunter, die zum Rauch 
salon führte. 
Der Steward hatte die 
Gläser mit goldhellem 
Whisky gefüllt. 
„Wissen Sie, Mr. Jenkins“, begann 
der Norweger und tat einen herz 
haften Schluck, „wissen Sie, ich habe 
schon viel von Ihnen gehört — von 
Ihnen und Ihren Abenteuern. Sie 
können sich wohl denken: ich war 
nicht schlecht überrascht, als Sie mir 
Ihren Namen nannten, und es hat 
mich riesig interessiert, Ihre Be 
kanntschaft zu machen. Was ich von 
Ihnen gehört habe, hat mich — das 
sage ich unumwunden — mit großer 
Bewunderung für Ihre Leistungen er 
füllt. Und doch habe ich, offen ge 
standen, das Gefühl: Sie haben im 
mer ein ungeheures Glück gehabt.“ 
„Glück?“ wiederholte der Ameri 
kaner. „Inwiefern Glück?“ 
„Nun, ich meine, Sie .sind durch 
Zufall stets mit Leuten zusammen 
gekommen, denen Sie von vorn 
herein überlegen waren.“ 
„Meinen Sie?“ 
„Sie haben leichtes Spiel gehabt, 
Mr. Jenkins. Eine Kette von glück 
lichen Zufällen ist Ihnen zu Hilfe ge 
kommen. Ich meine, wenn Sie mal 
eines Tages auf jemand stoßen soll 
ten von der anderen Hälfte der 
Menscheit, wenn ich so sagen darf, 
— ich meine auf einen, der zu den 
Klügeren gehört — wer weiß, ob Sie 
dann reüssieren würden . . .“ 
Der Detektiv blickte stumm durch 
das kleine Bulleye, in dem die graue 
Fläche des Meeres in rhythmischer 
Abwechslung erschien und ver 
schwand. Auf sein Gesicht trat ein 
leichtes Lächeln. Er wandte sich 
langsam herum, sah seinem Nachbar 
ins Gesicht und fragte: 
„Sie meinen, wenn ich eines Tages 
mit Ihnen zu tun bekäme, Herr 
Blomdal?“ 
Das ist das Fest der fril h lingsjung an Erde, 
Die sich im Schöp ferdrange neu erschließt 
Und auf das Dauberwort „Es werde 
// 
In tausend Wundern überfließt. 
Das ist das Fest, da tote Wünsche drangen 
Aus dumpfer Gruft und Träume aufersteh ’n 
Und Glocken, wie von unsichtbaren Strängen 
Geläutet■, heimlich erklingen und verweh ’n. 
Das ist das Fist, da aus verborgenen Bronnen 
Ein Born der Gnade quillt■, das Herz berauscht> 
Das ist das Fest, da jeder still versonnen 
Seinem eigenen Frühling lauscht 
LOTHAR SACHS 
Blomdal lachte. 
„Vielleicht. Kann sein, daß ich an 
mich gedacht habe.“ 
Der Detektiv nickte und betrach 
tete aufmerksam die Messinglampe, 
die in ihrem Doppelring schaukelte. 
„Sie denken an den Diamanten, 
den Sie . . .“ 
Herr Blomdal stand auf, ging ein 
paarmal mit kurzen Schritten in dem 
kleinen Salon auf und ab, indem er 
die Hände auf dem Rücken ver 
schränkte, und blieb dann plötzlich 
vor dem Amerikaner stehen. 
„Nicht wahr, Mr. Jenkins . . . um 
den „Paladin“ zu bekommen, würde 
sich eine kleine Vergnügungsreise 
schon lohnen . . 
Der Detektiv zuckte die Achseln. 
„Ich glaube in der Tat, das würde 
nicht so leicht sein, was?“ 
„Weiß Gott nicht. Es haben sich 
schon mehrere die Zähne daran aus 
gebissen.“ 
Er setzte 'das Glas an den Mund 
und trank den Rest 'des Whiskys mit 
einem Zuge aus. 
„Alle haben sich daran die Zähne 
ausgebissen. Alle. Und ich sage 
Ihnen gleich, Mr. Jenkins, auch Sie 
werden kein Glück haben. Ich garan 
tiere Ihnen! Sie werden von 'dieser 
Vergnügungsreise“ er lachte spöt 
tisch auf, „mit leeren Händen zu 
meiner Frau zurückkehren.“ 
Joe Jenkins blickte aufmerksam 
auf die blanken Köpfe der Nieten, 
die die Bohlen des Fußbodens Zu 
sammenhalten. 
„Sie glauben also in der Tat, daß 
ich nach Oslo fahre, um Ihnen den 
„Paladin“ zu entführen?“ 
Der andere warf ihm einen raschen 
Blick zu. 
„Ich war nicht eine Se 
kunde im Zweifel, als ich 
Ihren Namen hörte!“ 
sagte er kurz. 
Der Amerikaner lächelte. 
„Nun, dann wäre ja der 
Fall eingetreten, von dem 
Sie vorhin sprachen. 
Dann wäre ich an einen 
Gegner gekommen, der 
mir ebenbürtig ist. Und 
da Sie meine Mission 
kennen, so will ich es 
Ihnen zugestehen: ' Sie 
haben recht. Kämpfen 
wir also mit offenem Vi 
sier. Es ist so, wie Sie 
vermuten: Ihre Frau hat 
mich beauftragt, den „Pa 
ladin“ zu holen. Ich soll 
ihr ihr Eigentum wieder 
bringen, das Sie wider 
rechtlich zurückhalten.“ 
Der Norweger verzog 
den Mund. 
„Wenn meine Frau Be 
weise in Händen hat, daß 
der „Paladin“ ihr gehört 
— nun wohl, warum läßt 
sie ihn mir nicht durch 
die Gerichte fortneh 
men?“ 
Der Amerikaner blickte Herrn 
Blomdal ins Gesicht. 
„Sie wissen genau, warum sie es 
nicht tut. Weil sie den öffentlichen 
Skandal scheut, den der Prozeß her 
aufbeschwören würde. Dieser Pro 
zeß, den Sie, Herr Blomdal, unbe 
dingt verlieren würden.“ 
„Und in dem alle Welt erfahren 
würde, daß'ich meine Frau mit ihrem 
Liebhaber erwischt habe.“ 
„Ganz recht. Wenigstens sah es 
damals so aus. Aber vermutlich 
wissen Sie es so genau wie ich, daß 
der Schein hier trügt, wie so oft, daß 
nur ein unglücklicher Zufall es woll 
te, daß Sie Frau Lillebil Blomdal 
zwar bei ihrem Jugendfreund auf 
dem Zimmer fanden —“ 
„Ja, ja, ich weiß schon, was Sie 
sagen wollen. Das kann man glauben 
und das kann man nicht glauben. 
Ich für meine Person, ich glaube es 
jedenfalls nicht. Ich halte mich an 
das, was ich mit meinen zwei Augen 
gesehen habe. Und kurz und gut: ich 
gebe den „Paladin“ nicht heraus.“
        
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