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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

IS 
Elisabeth Bergner und Walter Jansen 
i dem Lustspiel „Miß Cheneys Ende" (Theater i. d. KöniggrätzerSir.) 
Szenenbild aus dem Lustspiel „Viktoria". (Komödie). 
Photos: Zander A Labisch 
gemeinen auch die Opposition dank 
einer mehr oder minder guten Kin 
derstube der Besucher, sich wenig 
stens immer noch in gewissen 
Schranken hält, kann man z. B. auf 
dem Turf und sonstigen Sport 
plätzen das Publikum völlig ent 
fesselt und „losgelassen“, von allen 
äußeren und inneren Hemmungen 
frei, besonders eindringlich auf seine 
psychologische Einstellung hin 
prüfen. Das Resultat ist nieder 
schmetternd. Nehmen wir an, ein 
Jockey hat auf einem überlegenen 
Pferd ohne jede Mühe ein großes 
Feld hinter sich gelassen und leicht 
gewonnen. Beifallsstürme brausen 
ihm von den Tribünen entgegen, wie 
ein Triumphator wird er bei seiner 
Rückkehr zur Wage empfangen. Im 
nächsten Rennen wird der gleiche 
Jockey kurz vor dem Ziele, als das 
Publikum .schon mit seinem sicheren 
Siege rechnete, von einem Rivalen 
„abgefangen“ und um einen kurzen 
Kopf geschlagen. Trotzdem war 
unter Umständen seine Leistung 
eine fabelhafte, eine viel höher zu 
bewertende .als sein Sieg im vorigen 
Nebenstehend: 
Kurt Bois als französischer Tanzlehrer in 
dem Lustspiel „Viktoria" 
Rennen, denn er saß diesmal auf 
einem schlechten Pferde, das er 
überhaupt nur dank seiner glänzen 
den Reitkunst so weit nach vorn 
trug. Das Publikum hat für all das 
kein Verständnis. Es hält sich nur 
an die Tatsache, daß ihm der 
Jockey eine Enttäuschung berei 
tete. Pfiffe und unliebenswür 
dige, beleidigende Zurufe sind 
nicht selten die Begleitmusik auf 
dem Heimwege zur Wage. Beim 
Sechstagerennen, bei. Boxkämpfen, 
überall das gleiche Bild eines der 
Mehrzahl nach undisziplinierten 
Publikums, das in seinem Urteil 
parteiisch und ungerecht, willkür 
lich und launenhaft ist. Wer einmal 
durch das Studium der Psyche des 
Publikums zu dieser Erkenntnis ge 
langt ist, ist sich auch darüber im 
klaren, wie wenig ein Erfolg beim 
Publikum für den Künstler, Autor, 
Sportsmann usw. bedeutet und wie 
leicht ein Mißerf olg zu verschmer 
zen ist, und daß letzten Endes 
strengste, rücksichtsloseste Selbst 
kritik immer noch als der beste 
und richtigste Maßstab für die Be 
urteilung einer Leistung — gleich 
viel auf welchem Gebiete — gelten 
kann. L. S-s.
        
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