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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Szenenbild ans Jessels Operette u Prinzessin Husch“. Margit Snchy als Königin Luise. 
Photo: Zander & Labisch 
Ein Sprichwort sagt: vox populi, 
vox dei. Volkesstimme ist Gottes 
stimme. Man sieht, daß Sprich 
wörter, die im allgemeinen Wahr 
wörter genannt werden, nicht immer 
nur unumstößliche Tatsachen ver 
künden, sondern manchmal auch 
irreführende Thesen in eine wohl 
klingende Sentenz kleiden. Dafür 
ist der oben zitierte Ausspruch ge 
radezu ein Musterbeispiel. Denn 
nichts ist unberechenbarer, mehr 
allen Einflüssen zugänglich, unlogi 
scher, unkonsequenter, unzuverläs 
siger, als die sogenannte — Stimme 
des Volkes. Das wird jeder bezeu 
gen können, der des öfteren Gele 
genheit hat, die „Masse Mensch“, 
die Psyche des Publikums zu stu 
dieren. 
Man frage .die Schauspieler, die 
Sänger, die täglich im Rampenlicht 
vor einem bunt zusammengewürfel 
ten Auditorium stehen. Sie wissen 
zu erzählen, wie selbst ausge 
sprochene „Lieblinge“ oft über 
Nacht vom Thron gestürzt werden, 
den ihnen wankelmütige Volksgunst 
errichtet hat, weil sie einmal in 
einer Rolle versagt haben, vielleicht 
nur wegen einer körperlichen oder 
seelischen Indisposition. Aber das 
Publikum ist unnachsichtig, voll 
egoistischen Machtgefühls, nur auf 
den Augenblick eingestellt, vergißt 
im Ärger der Enttäuschungen alle 
vorhergegangenen großen Leistun 
gen und zischt heute den Künstler 
nieder, dem es gestern begeistert zu- 
gejubelt. Während aber im Theater 
und in anderen Kunststätten im all-
        
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