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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jatirq. 2S 
Nr. S7 
24 
bahnhaltestellen. Und so leicht zu realisieren. Mit 
Vierzig ist man doch ein junger Mensch.“ Ich muß 
etwas erleben, sonst läßt er mich nicht in Ruhe. 
• 
Sie ist rotblond und heißt Lily. So heißen sie ja jetzt 
meistens, diese kleinen Mädchen von ansprechendem 
Äußeren. Die Mutter ist Hausschneiderin und uner 
bittlich streng, auch der Vater hat Grundsätze, aber 
Lily hat, was mehr wert ist, den Haus- und Wohnungs 
schlüssel. Sonst hat sie mit dem längst ausgestorbenen, 
süßen Mädel keine Ähnlichkeit. Das war so schüchtern, 
echtfarbig und gemütvol und eine so schwache Esserin. 
Lily dagegen hat einen Hunger, wie eine ganze obdach 
lose Familie. Das hat sie wahrscheinlich von ihrer 
Mutter. Hausschneiderinnen essen immer sehr viel. Um 
mich in Stimmung zu bringen, ist ihr im Restaurant 
nichts zu teuer. Unwillkürlich muß ich an meine Frau 
denken, die sich immer das Billigste aussucht. Es ist 
ja wahr, Lily hat entzückende kleine Zähne, die mir 
aber noch viel besser gefallen würden, wenn sie nicht 
fortwährend den Zahnstocher im Munde hätte, wie ein 
alter Schieber. Sie spricht nicht sehr gescheit, aber 
dafür laut. Am liebsten von Seidenstrümpfen, Schuhen 
und Hüten. Besonderen Reiz erhält die Konversation 
durch die häufig eingeflochene Wendung „Mein letzter 
Freund“ oder durch das Zitieren einer Kollegin Fritzi, 
die einen Rumänen hat. Tief deprimiert spiele ich, so 
gut es geht, den feschen Kerl und komme mir dabei so 
grotesk vor, wie der Ehemann im „Reigen“. Am liebsten 
möchte ich mich von der Zensur verbieten lassen . . . 
* 
Heute ist ein Brief von meiner Frau gekommen. Sie 
schreibt, daß sie fleißig auf Kirschenbäume klettert und 
einen früheren Verehrer getroffen hat, einen sehr netten, 
ehemaligen Fliegerhauptmann. Und fügt noch hinzu; 
„Hoffentlich unterhältst auch du dich gut. Jetzt bis du ja 
allein und du weißt, ich habe gar nichts dagegen.“ Das 
ist nämlich ihre Art, eifersüchtig zu sein. Die Frau kennt 
sich aus. Nichts lähmt einen bekanntlich mehr, als die 
Erlaubnis, das Verbotene zu tun. Ein Krach, einen 
Tränenausbruch, ein zerbrochener Teller, und ich würde 
mich frei fühlen. Aber so kulant ist sie nicht. Oder 
sie gibt mir die Erlaubnis in folgender Form: „Man darf 
dich nicht sehen, es darf keine sein, die ich kenne, keine 
hübschere und vor allem keine, die dich auch seelisch 
interessiert.“ Was bleibt da noch übrig? Ich fürchte 
sehr, von ihrer mir gegebenen Erlaubnis zur Untreue 
wird sie draußen auf dem Lande Gebrauch machen. 
Überhaupt halte ich das Klettern auf Kirschenbäume für 
sehr gefährlich, namentlich, wenn ein ehemaliger, aber 
noch immer netter Fliegerhauptmann darunter steht. 
Wie leicht kann sie ihm da in die Arme fallen . . . 
• 
Vierzehn Tage dauert jetzt schon das Alleinsein, und 
noch immer bin ich meiner Frau treu. Mein Freund, der 
theoretische Erotiker, ist schon ganz verzweifelt. Nur 
die bedauerlich zahlreichen Bekannten meiner Frau 
scheinen mich für einen Wüstling zu halten. Es ist über 
haupt unerhört, wie sich jeder das Recht anmaßt, einen 
Ehemann zu kontrollieren. Und zum Schluß fügt jeder 
hinzu: ^„Recht haben Sie. Wozu sind Sie denn Stroh 
witwer.“ Wie mir dieses Wort schon auf die Nerven 
geht. Ja, es ist eine Art Junggesellendasein, aber nur 
mit allen Nachteilen, ohne die Vorteile und Reize. Sind 
es denn überhaupt Reize und ist das Ganze der Mühe 
wert? Mit Bewußtsein Dummheiten begehen, das ist 
das Dümmste, was man tun kann und dazu bin ich doch 
schon zu alt. Die rotblonde dumme Gans soll meinet 
wegen heute aibend bei der Straßenbahnhaltestelle 
warten, solang sie will. Die ausgeschnittenen Schuhe, 
die ich ihr noch schuldig bin, wird ihr schon ein anderer 
kaufen. Ich mache lieber Anschaffungen für den 
nächsten Winter: Kohle, Zucker, Fett . . . ach, wie ich 
mich sehne, mit meiner Frau darüber zu sprechen. Das 
sind Gespräche, die meinem Herzen wohl tun. Ganz im 
Emst. Wenn man mit einem weiblichen Wesen nur über 
den Frühling, über Küsse und ähnliche einschlägige 
Dinge spricht, das ist bestimmt keine Liebe. Aber wenn 
man vom nächsten Winter spricht, von Sorgen und 
Plänen, von nüchternen Zahlen, das sind vielleicht die 
einzigen, echten, verliebten Gespräche, die es gibt . . . 
Und jetzt, während ich daran denke, weiß ich mit einem 
Male, daß meine Frau mir noch nie soviel bedeutet hat, 
wie in diesen Wochen, wo ich versucht habe, mich für 
andere zu interessieren. Und daß ich ihr nie so treu war, 
wie im Sommer, der großen Untreuekonjunktur. Vor der 
albern, feschen Welt, die sich für überlegen und witzig 
hält, wenn sie gegen ihr besseres Gefühl spricht und 
handelt, werde ich das natürlich ängstlich verheimlichen, 
wie eine große Schande. Und wenn mein Freund, der 
theoretische Erotiker, mich wieder dringlich interviewt, 
so werde ich ihn geheimnisvoll beschwichtigen: „Ich 
habe schon etwas. Aber fragen Sie mich nicht. Ich kann 
gar nichts sagen . . .“ 
* 
BILDU NG 
LOTHAR SACHS 
"X "XT" JT ir hatten bei Bankdirektors sehr gut zu 
\ V j Abend gegessen. Nun verteilte sich die Ge- 
\ j Seilschaft in die Zimmerflucht der prunkvoll 
V V eingerichteten Villa am Wannsee. Die einen 
spannen ihre bei Tisch diskret eingefädelten Flirts weiter 
mit guter Aussicht auf galante Abenteuer, die anderen 
versanken in tiefen Klubsesseln und hüllten sich wie zur 
Abwehr einer Konversation in dichte Rauchwolken, die 
dritten bildeten kleine Gruppen und standen lachend 
oder ernsthaft diskutierend umher. Das war immer der 
große Augenblick, wo mein Freund Erich alle kleinen 
Bosheiten, die er als scharfer Beobachter und geistvoller 
Ironiker im Laufe des Abends in sich aufgespeichert 
hatte, an den Mann bezw. an die Frau brachte. 
Die aufdringliche Art, in der unsere Gastgeberin mit 
ihrer oberflächlichen Bildung bei jeder passenden und 
unpassenden Gelegenheit imponieren wollte, obwohl in 
solchen Fällen das Lückenhafte und Fragmentarische 
ihres Wissens besonders hervortrat, hatte meinen 
Freund schon zu mancher sarkastischen Bemerkung ver 
anlaßt, ohne daß die Frau des Hauses in ihrer dünkel 
haften Selbstüberhebung die Spitze fühlte. Auch jetzt 
unterhielt sich Erich in leichtem, angeregtem Plauderton 
über das Thema: Bildung und Halbbildung. 
„Sehen Sie, gnädige Frau“, wandte er sich an unsere 
Gastgeberin, „ich muß mich immer wieder wundern, 
daß selbst die sogenannten gebildeten Kreise kaum die 
primitivsten Kenntnisse auf dem Gebiet der Literatur, 
Musik oder Malerei besitzen. Nur einen kleinen Beweis 
will ich Urnen geben. Bringe ich da neulich in Gesell 
schaft das Gespräch auf den berühmten holländischen 
Landschaftsmaler Geert Bos, dessen Bilder in allen Ga 
lerien der Welt hängen. Was soll ich Ihnen sagen? 
Eine ganze Reihe der Anwesenden hörte überhaupt den 
Namen zum erstenmal. „Das ist allerdings höchst ver 
wunderlich“, entgegnete die Frau des Hauses. „Das sollte 
man wirklich nicht für möglich halten.“ „Aber ich bitte 
Sie“, mischte sich nun auch der Gatte ins Gespräch, 
„Geert Bos kennt doch schließlich jeder“ . . . 
Auf dem Nachhausewege ging ich eine zeitlang 
schweigend neben meinem Freunde her, dann hielt es 
mich nicht länger. „Also, lieber Erich, auch auf die Ge 
fahr hin, daß du mich für den größten Ignoranten der 
Welt hältst, muß ich dir offen sagen: ich habe auch von 
einem holländischen Landschaftsmaler Geert Bos in 
meinem ganzen Leben noch nichts gehört.“ 
„Na, meinste ich?!“ erwiderte Erich und lachte aus 
vollem Halse ...
        
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