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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 3 
Philosophen? Die Gedanken jagten ihm in krauser Eile 
durch den Kopf, es hetzte einer den andern, und der 
letzte Rest von Vernunft sagte: „Zieh’ ihn aus, es ist 
das Beste!“ 
Er streifte das elegante Kleidungsstück ab und über 
gab es mit ein paar gemurmelten Worten, die philoso 
phischer Tiefsinn oder auch glatte Alltäglichkeit sein 
konnten, dem rechtmäßigen Besitzer. 
Und schlug sich seitwärts in die Büsche. 
Lämmel schlüpfte in seinen Pelz, sah dem Davon 
eilenden nach und hob die weiße Nelke auf, die jenem 
aus der Hand gefallen war. Er drehte sie zwischen den 
Fingern, pfiff ein paar Walzertakte. Da kommt ein 
wundernettes Mägdelein angehüpft. Mit dem der 
Jahrg. 28 
heutigen Jugend eigentümlichen, ursprünglichen Impuls 
geht die Kleine auf Lämmel zu und spricht: 
„Die weiße Nelke ist’s, die mir den Weg zeigt. 
Kommen Sie, wir wollen ein wenig abseits gehen und 
plauschen!“ 
Lämmel ist nicht begriffsstutzig. Er überblickt wie 
ein Napoleon mit einem Blick die Situation und plauscht 
mit. Plauscht so eindringlich und so betörend, daß nach 
einer Stunde, als der Irrtum nicht mehr zu verschleiern 
ist, das Mägdelein sagt: „Ach, das macht nichts. Wer 
weiß, ob der Richtige so nett gewesen wäre!“ 
Und hängt sich glückstrahlend in den dargereichten, 
medizinischen Arm. 
Kätechen 
PAULA SUMR 
\ \/ J ie lange stand sie nun schon so und wartete? 
\ \ / Noch hatte sich kein Stundenkreis vollendet, 
y Y seit sie neben ihm gestanden hatte, seine Augen 
* »suchend, warm und ehrlich. 
Nun aber stand sie allein hier am Brückengeländer 
und sah hinunter in schmutzig-trübes Wasser. 
Dachte sie nicht mehr an ihn? 
War nun alles vorüber? 
Still war es um sie. Die Dämmerung hatte ihre 
grauen Tücher ausgebreitet und lastete kalt und 
schwer. Es fröstelte sie. Sie schlug den Mantelkragen 
hoch und beugte sich weit über die Brüstung und 
bohrte tränenblinde Blicke in verschleierte Tiefen. 
All ihre runden Gedanken krochen in sich zusammen 
und sie empfand nichts als den stechenden Schmerz 
in den Schläfen. 
Dachte sie nicht mehr an ihn? 
Unbewegt verharrte sie so in ihrer Stellung. Dann 
fühlte sie, wie langsam die Kälte ihren Körper durch 
drang, einen Schmerz durch Rücken und Arme ziehen, 
daß es sie schüttelte. Da überkam sie ein waches 
Grauen und sie ging. 
Im Gehen schlich die Erinnerung an sie heran und 
sie konnte ihr nicht wehren. Heimlich, tückisch und 
unentrinnbar nahm sie von ihr Besitz. 
Nein — nicht denken! Das war ja sinnlos, daß sie 
hier nun noch ging und grübelte und daran dachte, daß 
alles aus sei. Wie feig sie war und wie sentimental. 
Groß, einfach und überlegen sollte dieser Abschied 
sein! Sie zog die Brauen hoch und empfand eine müde 
Sehnsucht, lächeln zu können, zu lächeln, klug, fein 
und großmütig, wie sie es oft getan — früher, als noch 
das Leben da war. 
Weiter ging sie und kam in hell erleuchtete Straßen. 
Menschen glitten wie leere Schatten an ihr vorbei, 
Menschen mit ewig gleichen, unerträglichen Gesichtern. 
Nur nicht hineinsehen, dachte sie. Es verlohnte sich ja 
nicht. Sie vertrug nicht die fremden Blicke, die auf 
sie fielen. Es war ihr, wie wenn Hagelkörner gegen 
ihre Haut prasselten. 
Nein — nichts sehen, keine Menschen! Dann ging 
sie eine leere Straße und hörte, wie ihre Schritte auf 
den Steinen hallten. Sie versuchte leise zu gehen, 
lautlos . . . 
Und dann kam wieder das Erinnern. Da war es 
auch wieder, das kleine häßliche Wort, das ihr wie 
eine Messerschneide durch die Brust gegangen war. 
Ganz deutlich hörte sie, wie er es sprach. Und sie 
fühlte einen wehen Schmerz in der Kehle. Eine Träne 
rann ihr langsam über das Gesicht. Wie im Krampf 
preßte sie die Hand ans Ohr. Vielleicht höre ich es 
dann nicht, dachte sie. 
Liebte sie ihn noch? 
Sie sah ihn neben sich, sah ihre eigenen weiten, angst 
erstarrten Augen, die sich an ihn drängten und 
klammerten, und sah, wie ihr Leben langsam zerbrach, 
zu Boden fiel, und wie 
er sich ab wandte und es 
nicht aufhob. Schmerz 
haft deutlich fühlte sie 
dann wieder, daß nun 
doch das Ende kommen 
mußte. — Da nahmen 
ihre Gedanken eine 
wilde Hast, eine dumpfe 
Wut flackerte auf und 
es war, als müsse sie An 
klage erheben gegen ihn, 
den sie geliebt und der 
sie zertreten hatte. Aber 
da war auch wieder der 
stechende Schmerz in 
den Schläfen, der sich 
wie eine Klammer um 
alles Denken legte. 
Nein — nicht mehr 
zerfasern und zerglie 
dern, was sich nur noch 
halb bewußt, als mattes 
Erinnern in ihre Seele 
stahl! Konnte es sie noch 
berühren? Lag nicht das 
Leben hinter ihr — ein 
versunkenes, schon fast 
vergessenes? War nicht 
all ihr Leben Traum ge 
wesen? — Doch nun kam 
das Wirkliche, das Ein 
zige, das ihr noch Wirk 
lichkeit zu sein ver 
mochte, ihr, die sie nie 
Wirklichkeiten verstand 
— der Tod! 
Wieder stand sie an 
der Brücke. Scheu und 
zögernd begann sie auf 
Fortsetzung auf Seite 2o, 
Sturm
        
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