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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Ein Ka valier 
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JOLANTHE MARES 
aron Rastorf — vielmehr Walter Zöllner, 
wie er sich hier in Westerland nannte — 
watete durch den heißen Sand. Seine 
Augen spähten in jeden Strandkorb hinein. 
Zwischen den vielen kleinen Strandburgen 
|war sie verschwunden. Eine von ihnen 
[mußte diese niedliche kleine Person auf ge 
nommen haben. 
Wenn sie ihn abfallen ließ? 
Ausgeschlossen. Ihre Augen hatten ihn ja direkt 
auf gef ordert ihr zu folgen. 
Übrigens — er hatte nicht den Eindruck, daß sie eine 
Dame der Gesellschaft sei. Leichte Ware. Da konnte 
er schon ohne Umstände vergehen. 
„Ha!“ beinah hätte er es laut geschrien. Es wurde 
aber nur ein Gedankenblitz. 
Dort — hinter der großen Sandburg — im Körb mit 
dem flatternden roten Wimpel, leuchtete ihr rotes 
Kleid. 
Er ging um den Korb herum. Stolperte. Lag im Sand, 
ihr zu Füßen. 
Sie hatte gelesen. Wenigstens waren ihre Augen auf 
das Buch, das sie in Händen hielt, gerichtet. Jetzt 
blickte sie erschreckt auf. Lächelte als sie ihn sah. 
„Haben Sie etwas dagegen, Gnädigste, wenn ich hier 
liegen bleibe?“ 
„Wenn es Ihnen bequem ist — bitte.“ 
„Bequem? Das könnte ich nicht grade behaupten. 
Aber, es ist ein angenehmes Gefühl zu ihren Füßen 
liegen zu dürfen.“ 
„Schmus!“ klang es von ihren Lippen. 
Er lächelte. Also richtig eintaxiert. Kleine Ver 
käuferin oder so was ähnliches. Er rückte ein wenig 
näher, so daß er ihren Fuß berühren konnte. „Natür 
lich Schmus“, erwiderte er, .damit fängt man an. 
„Was an?“ .. . 
„Sollten Sie das nicht wissen, mein Fräulein. 
Sie zuckte zusammen. „Halben Sie eigentlich einen 
Namen?“ 
„Ah — Sie legen Wert auf Korrektheit?“ Er lag auf 
der Seite, hatte den rechten Ellenbogen in den Sand 
gegraben, den Kopf in die Hand gestützt. Durch seine 
Stimme klang Verwunderung. „Walter Zellner, Ver 
treter einer Schmieröl-Gesellschaft.“ 
„Schmieröl?“ Sie musterte ihn. „Danach sehen Sie 
nicht aus.“ 
„Muß man mir das öl denn ansehen?“ 
„Kann man denn mit so was überhaupt Geld ver 
dienen?“ 
„Na, ob! Ich kann schon was drauf gehen lassen. 
Und nun — darf ich mir wohl die Gegenfrage ge 
statten —“ 
„Ich bin Tänzerin und heiße Isabella Däumling.“ 
„Ah — Tänzerin! Mit — oder ohne was an?“ 
„Aber — Herr Zellner —“ 
„Entrüstung kleidet Sie nicht, mein Fräulein. Und 
jetzt möchte ich mir eine Bitte erlauben. Da wir unsere 
Personalien festgestellt haben, unsere Bekanntschaft 
also eine beschlossene Sache ist, möchte ich Ihnen ein 
wenig näher rücken. Darf ich die Hälfte Ihres Strand 
korbes in Besitz nehmen?“ 
Aufspringend stellte er sich vor sie hin. Seine Augen 
lachten sie an. 
„Wenn Sie friedliebend sind“, sie rückte ein wenig 
zur Seite. 
Das geht ja wirklich als ob ich Schmieröl in der 
Tasche habe, dachte er. 
„Ich bin sehr friedliebend wenn — man mich nicht 
reizt.“ 
„Ich werde mir Mühe geben —“ ein Lächeln legte 
sich um ihren Mund. 
„Däumling — das ist kein schöner Name für eine 
Tänzerin.“ 
„Ich habe natürlich einen Bühnennamen.“ 
„Das kann ich mir denken. Und — sind Sie in Be 
gleitung hier?“ 
„Ich bin allein hier.“ 
„Und wie lange soll der Aufenthalt dauern?“ 
„Eine Woche. Es ist nämlich nur ein kleiner Ab 
stecher, den ich gemacht habe.“ 
„Das ist eine kurze Zeit.“ 
„Sehr kurz.“ Sie seufzte tief. „Wir haben Proben. Ich 
muß zurück. 
Sein Arm legte sich um ihre Hüfte. Sie stieß ihn 
zurück. Das schien ihr doch ein zu forsches Vorgehen. 
„Aber, Kindchen — eine Woche ist wirklich kurz. 
Man muß die Zeit ausnutzen.“ 
„Zwei Tage davon sind schon futsch.“ 
„Na also —“ er versuchte wieder sie an sich zu ziehen. 
Da erhob sie sich, sagte: „Lassen Sie uns einen Spa 
ziergang machen.“ 
Weit in die Dünen wanderten sie hinaus. Als sie 
zurüokkehrten, nannte er sie Bella und sie ihn Walter. 
Am Konzertpavillon trennten sie sich mit dem Ver 
sprechen sich in einer Stunde wieder zu treffen, um 
gemeinsam zu Abend zu essen. 
Walter Zellner stand vor dem Spiegel und behandelte 
sein Haar mit Brillantine. Wenn der Baron sich auch 
in einen einfachen Geschäftsreisenden verwandelt hatte 
so hinderte das doch nicht, sich elegant und raffiniert 
zu kleiden. 
Die Haare glänzten. An den Schläfen waren sie ein 
wenig grau. Aber, was tat das? Trotzdem machte er 
Eroberungen auf den ersten Hieb. Er studierte sein 
Gesicht. Famose Idee, sich den Bart abnehmen zu 
lassen. Viel bedeutender sah er aus, ohne diese kleine 
Bürste unter der Nase. Er hatte es getan um sich ein 
anderes Äußere zu geben. Die Eifersucht seiner guten 
Thekla war zu allem fähig. Er war mit der Absicht 
abgereist, sich und anderen zu beweisen, daß er noch 
jung und froh sei. Natürlich durften die anderen nicht 
aus Hinterpommern stammen, wo er seine Klitsche 
hatte und als Gutsbesitzer und Familienvater für eine 
angesehene und solide Persönlichkeit galt. Aber, diese 
Würden hatten so viel Langeweile im Gefolge, daß 
ihm graute, wenn er nur daran dachte. 
Eine vierwöchentliche Sommerrreise hatte er sich 
mit allen möglichen Listen erkauft. Während seine 
Frau die fierrschaft übernahm, wollte er seiner Lebens 
lust die Zügel schießen lassen. Die Vorsichtsmaßregeln 
die er getroffen — Abnehmen des Bartes — falscher 
Name deuteten auf ein Sichauslebenwollen großen 
Stils. 
Thekla, seine liebe gute Frau, hätte es wohl fertig 
bekommen, einen Detektiv hinter ihm herzuhetzen, 
wenn auch nur das leiseste Wort eines um sein Seelen 
heil besorgten Freundes, ihr eine Andeutung gemacht 
hätte. 
Walter Zellner kramte lange unter den Krawatten bis 
er die passende gefunden hatte. Endlich warf er eine 
rötlich schimmernde um seinen Hals, knotete sie und 
strahlte in voller Befriedigung.
        
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