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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 27 
4 
FLIRT 
PAUL ROSENHAYN 
/ ie gefällt Ihnen die Blumenausstellung, 
i Y / Gnädigste?“ 
W „Ausgezeichnet!“ 
* * „Haben Sie such die Orchideen gesehen?“ 
„Natürlich.“ 
„Und die Victoria Regia?“ 
Die junge Dame hemmte ihre Schritte und sah dem 
Sprechenden ins Gesicht; „Warum fragen Sie mich alles 
dieses?“ 
„Warum? Nun — weil es mich zu wissen inter 
essiert.“ 
Die Dame schüttelte lächelnd den blonden Kopf. 
„Nein. Das ist nicht wahr. Diese Dinge, von denen 
Sie mich seit einer halben Stunde unterhalten, haben 
weder für Sic noch für mich das geringste Interesse. 
Und Sie denken in Wirklichkeit an etwas ganz anderes, 
während Sie mit mir darüber reden.“ 
„Sie glauben . . 
„Ja.“ 
„Ich dachte . . . glauben Sie . . . nicht an Sie, wäh 
rend ich . . .“ 
„Im Gegenteil. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie da 
bei an mich denken — und nicht an den Gegenstand 
unserer Unterhaltung.“ 
„Und welchen Grund sollte ich dazu haben . . .?“ 
Die Dame ließ sich auf der Terrakottabank nieder. 
„Setzen Sie sich zu mir.“ 
Der Aufgeforderte tat, wie ihm geheißen und sah die 
Dame erwartungsvoll an. 
„Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein“, begann sie, 
. . . „so heißt es wohl . . .“ 
„Sie machen sich über mich lustig . . 
„Hören Sie nur weiter; Es dürfte Ihnen nicht ent 
gangen sein, daß Ihre Bewerbungen um meine Gunst 
nicht dasjenige Maß von Erfolg gefunden haben, das 
Sie offenbar erwarteten.“ 
„. . . meine Gnädigste . . .“ 
„. . , das Sie zu erwarten berechtigt waren.“ 
„Berechtigt?“ 
„Nun ja. Denn Sie haben, glaube ich, im allgemeinen 
Glück bei Frauen. Wie sollten Sie auch nicht? Sie 
sind unterhaltend, Sie haben die Welt gesehen, Sie sind 
wohlhabend und ein hübscher Junge. Daß Fräulein 
Skaretzka, unsere entzückende Opernsoubrette, wäh 
rend dieser ganzen Zeit eifersüchtig zu uns herüber 
sieht, kann meine Meinung nur befestigen. Und trotz 
dem . . .“ 
„Und trotzdem?“ 
„Und trotzdem sage ich: Nein!“ 
„Und weshalb? Ah — ich verstehe. Sie gehören zu 
den Frauen, die solche Männer bevorzugen, die den 
anderen nicht gefallen.“ 
„Durchaus nicht. Im Gegenteil. Nichts wäre mir 
erwünschter als eine Kraftprobe. Denn, ich glaube 
schon fähig zu sein, eine Rivalin auszustechen. Nein. 
Es ist etwas anderes.“ 
„Dann müßte es schon etwas sein, was mir selbst 
nicht bekannt ist.“ 
„Möglich.“ 
„Ich bin wirklich gespannt.“ 
„Es ist — wie soll ich sagen — ein Charakterfehler 
bei Ihnen, der mich zögern läßt . . 
„Sie zweifeln an meiner Diskretion?“ 
„Nein.“ 
„An meiner Treue?“ 
„Ungefähr das ist es. Denn „Treue“ — das ist wohl 
nicht das richtige Wort an dieser Stelle. Es ist zu 
schwer für einen Flirt, zu ernsthaft. Es verweist auf 
Perspektiven, die nicht in Frage kommen. Und doch; 
es ist etwas Verwandtes. Es ist: ich zweifle — wie 
drücke ich es aus — an Ihrer Fähigkeit, sich zu 
konzentriere n.“ 
„ . . . mich zu kon . . . zen . . .?“ 
„Ja! Das ist es . . . Sie lieben mich?“ 
„Zweifeln Sie daran?“ 
„Nein. Ich bin überzeugt davon.“ 
„Nun also . . .“ 
„Allein . . . Ihre Liebe ist mir zu differenziiert. Zu 
wenig ursprünglich. Ich habe das Gefühl: mit dem 
einen Auge bewundern Sie, und Sie kritisieren mit dem 
anderen.“ 
„Sie glauben, daß ich kaltherzig . . . daß ich be 
rechnend abschätze . . .“ 
„Nein. Keineswegs. Sie sind ganz ehrlich. Sie 
möchten ganz in Ihren Gefühlen aufgehen. Indessen 
— Sie können es gar nicht. So sehr Sie sich auch Mühe 
geben. Fast möchte ich sagen: Sie tun mir ein bißchen 
leid. Denn Sie betrügen sich selbst um die Gunst des 
Augenblicks.“ 
„Ich wüßte nicht . . .“ 
„Sie hatten einen Flirt mit einer meiner Freundinnen.“ 
„Sie wissen das?“ 
„Ja. Und Sie waren überzeugt, sie zu lieben. Sie 
haben sie wohl auch geliebt. Und trotzdem — wenn 
Sie bei ihr waren, haben Sie ihr von mir gesprochen. 
Das heißt: Sie haben anmich gedacht.“ 
„Das kann für Sie • doch nur schmeichelhaft sein.“ 
„Vielleicht . . • wenn ich nicht gewohnt wäre, ein 
wenig weiter zu denken.“ 
„Und was fürchten Sie? 1 
„Wenn ich mich entschließen würde, Ihnen ein 
Rendezvous zu gewähren, — so würden Sie in Ge 
danken schon bei meiner Nachfolgerin angelangt sein.“ 
„Die ich noch gar nicht kenne. 
die Sie sich konstruieren würden aus den 
Dingen, die Sie bei mir . . . vermissen.“ 
„Ich schwöre Ihnen ... 
„Sie brauchen nicht zu schworen. Ich sagte Ihnen 
schon: Sie sind ganz ehrlich. Sie können eben nichts 
für Ihre unglückliche Veranlagung: sich in der Gesell 
schaft der einen mit zwingender Notwendigkeit nach 
der anderen zu sehnen. 
„Wollen Sie mich nicht auf die Probe stellen? Oder 
ist es noch etwas anderes? Vielleicht schreckt Sie der 
Gedanke ab: eine Nachfolgerin zu sein?“ 
„Eine Nachfolgerin ist man immer. Man muß sich 
nur hüten, allzu schnell eine Vorgängerin zu werden.“ 
„Nun wohl. Vielleicht gelingt es Ihnen, mich zu 
bekehren. Wenn Sie sich ein wenig Mühe mit mir 
geben würden? . . . Das müßte doch eine Aufgabe 
sein, die Sie reizen könnte!“ 
„Sehen Sie doch, wie Fräulein Skaretzka die Ohren 
spitzt.“ 
„Jetzt reden Si e von einer anderen!“ (Er blickt 
hinüber.) 
„Also . • ■ meinetwegen . . . ich gestehe Ihnen, ich 
sage Ihnen dieses, um die Rivalin auszustechen . . . 
ich werde am Freitag abend in der Loge 4 sein. Ganz 
allein . . •“ 
„Ich werde Loge 5 nehmen.“ 
„Und nun muß ich gehen . . . küssen Sie mir die 
Hand nicht zu lange . . . adieu . . 
„Adieu ... (er steht einen Augenblick unbeweglich 
und sieht der Entschreitenden nach). Reizend ist sie, 
und Temperament hat sie auch. Trotzdem . . . wenn 
ich nachdenke ... ob ich nicht besser Fräulein 
Skaretzka . . .“ (er sieht verlangend zu der Sängerin 
hinüber).
        
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