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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahtg. 38 
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und hat eine blitzende Schnalle. Das Gesicht ist schmal 
und hager. Die Nase springt jäh aus triftigen Brauen. 
Breite Schultern, die muskulöse Arme vermuten lassen. 
Das Kinn ist kantig, aber die Lippen wölben sich 
merkwürdig weich. 
Ich kenne den Mann. Es ist Fred Bauer. Einer von 
denen, die man einst Glücksritter nannte, denen es 
auf ein „Corriger la fortune“ nicht ankam. Jetzt macht 
er in Sport. Er hat sogar Erfolg. Er hat immer Erfolg, 
Er blickt herüber, stutzt. Dann schwenkt er zackig 
den Oberkörper. 
Ich blicke auf mein Gegenüber. Ihre Augen muster 
ten ihn kritisch. Ich sehe die in schönstem Leichner- 
Rot glühenden Lippen spöttisch verzogen. 
„Sie haben mokante Mundwinkel, meine Gnädigste.“ 
Sie neigt ihren Antinouskopf. Die langen Ohrringe 
sind in pendelnder Bewegung. Ein matter Glanz 
kommt von ihnen. Sie baumeln und scheinen leise zu 
klingen. Das kann aber auch Täuschung sein. Im 
übrigen sind sie von seltsamer Form. Es sind eigent 
lich keine Ringe, keine Ohr ringe, sondern Behänge, 
Prismen oder sehr spitze Dreiecke mit ganz schmaler 
Basis von orientalischem Aussehen. Man denkt an 
kohlgefärbte Augenbrauen, an hennarote Nägel, an 
klirrende Reifen an schmalen Knöcheln und breite 
Sprangen an vollen Armen, an alle Wunder der Serails 
von einst, an Scheherazade, die Märchenkundige, an 
Hurns Fatme, an . . . 
„Sie kennen den Herrn?“ 
„Nja, was man so kennen nennt. Netter Kerl — 
nicht?“ 
, Äh!“ Sie kneift ein Auge zu und sieht maliziös aus. 
„Talmi.“ 
„Wieso? ’n bißchen betont elegant vielleicht, aber 
sonst . . .“ 
„Ich bitte Sie, diese geradezu weibische Gewähltheit 
der Aufmachung, diese . . . na, ich danke. Alles Fassade. 
Nur Fassade.“ 
„Möglich“, räume ich ein. 
„Ein Geck, also ein Hohlkopf, ein Tropf. 
„Kann sein“, kopfnioke ich. 
„So einer würde für jede Frau von Geschmack und 
Kultur eine Verirrung bedeuten.“ 
„Nana . . .1 Sie unterschätzen den Mann vielleicht. 
Was freilich seine geistige Leistungsfähigkeit anlangt 
. . . darüber enthalte ich mich des Urteils. Man boxt 
ja schließlich — zur Hauptsache wenigstens — nun mal 
mit Muskeln und Fäusten. Er ist eine Hoffnung des 
Rings, meine Gnädigste, er ist up to date.“ 
„O . . . Boxer . . .! Soso . . .!“ 
Da steht er auch schon vor uns, der Fred. — „Lupus 
in fabula“ begrüße ich ihn. Fred versteht es meister 
lich, am überlegensten auszusehen, wenn er am 
schimmerlosesten ist. Er zeigt mir ein gönnerhaftes 
Gesicht. 
Dann stelle ich vor. Leichte Verbeugung hier, sou 
veränes Kopfneigen da. 
Die Ohrgehänge geraten in schaukelnde Bewegung. 
Ich muß sie betrachten. Sie faszinieren mich förmlich. 
„Merkwürdige Mode eigentlich“, erwäge ich. „Bubi 
kopf und Südseeinsulanerschmuck.“ Und diese Ohr 
läppchenbelastung da ist besonders merkwürdig. An 
dem zu seltsamen Arabesken verschnörkelten Metall 
hängt an winzige Kettchen ein Blutstropfen, ein dunkel 
leuchtender Rubin. Und wie ich ihn anstarre, scheint 
er ein kleines, blutendes Herz. 
Wir sitzen, trinken, rauchen und plaudern auch. Von 
diesem und jenem. Probleme sind es nicht, die wir 
erörtern. Dann und wann dringen Tonwellen zu uns. 
Das Geplätscher unserer Unterhaltung hält ihnen 
stand. Jetzt aber der Sturzbach rassiger, gebrochener 
Rhythmen! Shimmy. Wir schweigen. 
Am Nebentisoh summt man die Melodie mit. Dis 
kret und silbern klingt ein Löffel, taktlos knackt ein 
Zigarettenetui. Nun triumphiert, sieghaft, wirkungs 
bewußt, die Kehrweise dieses Schlagers jüngster 
Schöpfung. Dann spielt man einen Schmarren, einen 
alten, sogar uralten Schmarren. Rokokoständchen. 
Ein wippender Fuß fällt mir auf, an dem ein zier 
licher, spitzer Schuh mit hohem, geschweiftem Absatz 
sitzt. Es ist ein Schuh, wie ihn die Pompadour, die 
Lavalliöre oder die ewig schöne Ninon getragen haben 
kann. Ich seufze. Seufzte ich? 
„Wohin ging denn dieses Ach?“ 
„Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorüber . . .“ 
„Welche? Welche Zeiten?“ 
„Da . . . Lesen Sie bei Wildgans nach! Ich sah Sie 
soeben, Madame, im Reifrock und in Puderperücke, 
mit einem kleinen, entzückenden Pflästerchen auf der 
Wange, wie sie mit spitzen Fingern ein Frischen aus 
goldener Dose zu nehmen sich anschickten. 
„Ne Prise! Pfui!“ 
„Was wollen Sie? Damals war es ein Frischen, 
heute Zigaretten und Kaugummi. 
Fred lacht, kräftig, metallisch. 
Ein melancholisches Saxophon weint ein paar Takte, 
sehnsüchtige Geigen zirpen. Die beiden plaudern und 
lachen. 
Ich stehe auf, verabschiede mich, gehe . . . 
Einige Tage später bin ich bei Fred. Er faulenzt in 
seinem schwarzen Hausanzug mit fliederfarbener Ver 
schnürung auf dem mit gelbem Plüsch überzogenen 
Diwan. Ich räkele mich in einem niedrigen Klubsessel 
aus breitgestreiftem Cord. Ein Fliederduft liegt 
paradoxerweise in der Luft. 
Nachdem wir uns eine Weile angeschwiegen haben, 
meint er: 
„Ich danke dir übrigens. 
„Wofür?“ 
„Für die Bekanntschaft mit Daisy.“ 
,ySö.“ 
„Eine reizende Frau. Ein wirklich ganz patenter 
Kerl!“ 
„Soso.“ 
Da sehe ich etwas Goldiges schimmern in den Haaren 
des dunklen Diwanfelles. Ich bücke mich, hebe es auf 
und halte dieses Etwas zwischen den Fingern. 
Fred blickt auf, faßt das baumelnde Ding ins Auge, 
dann streift er mit einem eitlen, fast geschmeichelten 
Lächeln die Asche von seiner Zigarre. 
Es ist ein Ohrring, der kein Ohrring ist. Es ist ein 
aus gebuckeltem Metall gearbeitetes Gehänge. Es 
klingt ganz leise in meiner Hand. An schmalem 
Kettchen leuchtet rätselvoll ein Rubin.
        
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