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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 26 
JaHrg. 2S 
' Der berühmte Schauspieler Bruno Friesen fühlte es 
wie einen Schlag über den Kopf: denn er blickte in das 
Antlitz seiner — geschiedenen Frau! 
„Lisa!“ stammelte er, „du!“ 
„Ja, ich bin es. Das hättest du eigentlich wissen 
müssen!“ lächelte die schöne Frau pikant und malitiös. 
„Welcher Mann aber weiß das?“ klang es wie 
von geheimnisvollen Stimmen gesprochen durch das 
Schweigen, das entstanden war, als der Schauspieler 
seine Frau in den Armen hielt. 
Einige Monate darauf gab es in der Wiener Gesell 
schaft wieder großen, höchst amüsanten Klatsch. Es 
war sogar eine Art Sensation: Der berühmte Strindberg- 
darsteller Bruno Friesen, hatte seine geschiedene Frau 
zum zweitenmale geheiratet 
Der nicht abgegangene Brief 
Aus den Briefen der früheren Gräfin N. von PANTELLMON ROMANOW. 
Meine liebe Käte! 
“ ^ ch habe dich nun einmal zum Beichtiger 
erwählt und muß dir jetzt das schreiben, 
^was ich sonst niemand gesagt hätte. 
Es handelt sich um jene Seite des 
) Lebens, über die man gewöhnlich nur ins 
y\ Ohr flüstert und auch das nur seinen 
nächsten Mitmenschen. Ich weiß nicht, 
ob du mich jetzt so verstehen wirst, wie 
du mich bis jetzt verstanden hast. Die 
so verschiedenen Lebensbedingungen haben uns viel 
leicht zu weit auseinander gebracht. Vielleicht hat 
unsere Frauenseele in diesen vier Jahren hier in Rußland 
so viele Etappen zurückgelegt, daß das, was ich dir jetzt 
schreiben werde, dir unerlaubt oder einfach unmöglich 
scheinen wird. 
Du weißt schon, daß ich mit meinem Mann ausein 
ander bin. Mein jetziger Mann — ist eigentlich gar nicht 
mein Mann, da wir nicht getraut worden sind, sondern 
nur seit einem Monat zusammen leben. In Rußland 
herrscht in dieser Beziehung vollständige Freiheit, nie 
mand wundert sich mehr darüber. 
Ich werde dich aber bitten, zu vermerken, daß ich 
mich in ihm nicht getäuscht habe. Er ist ein pracht 
voller Mensch, ein schöner, liebevoller Mann. —- Um 
so schlimmer für mich . . . Ich habe jetzt erst erkannt, 
was für Abgründe in unserer Frauenseele verborgen 
sind. 
Das, was ich dir jetzt erzählen will, ist mir heute, 
also genau am dreißigsten Tage unseres Zusammen 
lebens, passiert. 
Wir sind eben aus dem Theater zurückgekehrt. Er 
schläft, ich aber schreibe dir jetzt in demselben Zimmer 
diesen Brief und habe dabei das Gefühl, meinen Verrat 
fortzusetzen. Mir ist eben bei dem Gedanken heiß ge 
worden, daß er aufstehen und zu mir hingehen könnte, 
um mir über die Schulter zum Scherz zu lesen, was seine 
liebende und geliebte Frau, erst seit einem Monat seine, 
hier schreibt. 
Wir haben erst kürzlich nach längerer Abgeschlossen 
heit wieder auszugehen begonnen, während der wir ein 
zig dem Gefühl unserer Nähe gelebt hatten. Jetzt 
strichen wir durch die Straßen, gingen in das Theater ... 
ich genoß bei alledem eine aufpeitschende Freude, be 
sonders, wenn Bekannte mich mit ihm zum ernten Male 
zusammen gesehen hatten. Darum verspürte ich, als 
er heute gesagt hatte, es wäre besser gewesen, abends 
zu Hause zu sitzen, eine Enttäuschung, beinahe eine Be 
leidigung. 
Unwillkürlich fiel mir dabei in ihm eine häusliche 
Schwere und Lässigkeit auf, wie sie sich bei dem Mann 
einstellt, wenn er sich nach den ersten Tagen des Be 
sitzes der Frau wieder beruhigt. 
Übrigens dauerte seine Weigerung nur einen Augen 
blick. Er war sofort einverstanden und wir fuhren ins 
Theater. 
Aber für die Frau ist dieser Augenblick des Durch 
bruchs der Beruhigung und der Schwere das ent 
scheidende Moment für ihre Beziehungen zu dem Mann. 
Unser in einer ungebrochenen Spannung ewig zu lieben 
und zu blühen sich sehnendes Gefühl registriert sehr 
fein diesen Augenblick, wie das Ende eines Festes. 
Als wir im Theater unsere Garderobe abgaben, sah 
ich neben uns ein Pärchen. Ein junger Mann half einer 
dreißigjährigen Blondine aus dem Mantel. Seine Hände 
verweilten dabei absichtlich länger als notwendig auf 
ihren Schultern, und ich sah, wie es sie erschreckte und 
im Geheimen erfreute. 
Und plötzlich fühlte ich Unmut in mir, weil mein 
Gefährte solange bei der Abgabe der Garderobe säumte. 
Du hast gemerkt, daß, wenn Mann und Frau ins 
Theater gehen, sie oft streiten. Die Frau hat das Ge 
fühl, ihr Mann wäre von dem Augenblick der Ankunft 
im Theater an langsamer, alltäglicher und einfach dumm 
geworden, zwischen all dem herumschwirrenden, fröh 
lichen Wortgeplänkel, den angeregten Gesichtern. 
Ich war natürlich von diesem Gefühl weit entfernt, 
aber einen Augenblick lang war der Vergleich doch da 
gewesen, und ärgerlich auf mich selbst und auf ihn 
folgte ich ihm in das Parkett. Du kennst natürlich 
jenen erregten, gespannten Zustand, der sich unser 
unter den blitzenden Lichtern der Lampen bemächtigt, 
wenn man die Operngläser der Frauen und Männer aus 
den Logen auf sich gerichtet sieht und spürt, wie von der 
erregenden Fülle schön angezogener Menschen, von 
den Klängen der im Orchester gestimmten Instrumente 
einem die Augen zu glänzen beginnen. Wenn du nun 
in diesem Zustand die um dich sitzenden Männer, die 
sich mit ihren Frauen beschäftigen, siehst, mit den 
Frauen, mit denen manche zum erste Male hierher ge 
kommen sind, dann fühlst du in dir eine unerklärliche 
Ungeduld und ein Neidgefühl auf sie, als erlebten sie 
etwas Schöneres als du. 
Und hier habe ich zum ersten Male gefühlt, daß ich 
gar kein Glück in der Nähe des geliebten Mannes 
empfinde. 
Wahrscheinlich gab es unter den Frauen hier solche, 
für die die Nähe der neben ihnen sitzenden Männer 
neu und aufregend war, während in unserer Nähe etwas 
Bestimmtes, Beschlossenes, durch den Monat unseres 
Zusammenlebens Sanktioniertes war. 
Wenn du in der Lage bist, so setzt du dich unwill 
kürlich nicht gleich, sondern bleibst eine Zeitlang an der 
Brüstung stehen und betrachtest das Publikum . „. Und 
sogar wenn du deinem Gefährten eine dir scheinbar auf 
fallende Gestalt zeigst, so tust du es unbewußt, damit 
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