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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 2ö 
Jafirg. 28 
Venus von Karsten. Man war gespannt, man lachte und 
wiederholte den alten Klatsch. 
Lisa war blendend schön. Sie sah mit unruhiger Er 
wartung nach Karsten aus. Sie hatte von ihm nur einen 
Brief mit der lakonischen Nachricht erhalten: „Fürchten 
Sie nichts. Niemand wird erfahren, wer das Modell der 
Venus ist.“ Der Brief hatte sie beruhigt, sie war 
eigentlich jetzt mehr gespannt, als furchtsam. Sie kannte 
Karstens Verläßlichkeit. Endlich beugte sich seine lange 
Gestalt über ihre Hand. Sie hörte wieder die geflüsterten 
Worte: „Fürchten Sie nichts!“ 
Die Stunden rückten vor. Plötzlich wurden Lisas 
Augen groß und weit; sie hatte unter den Gästen ihren 
geschiedenen Mann entdeckt. Der Schauspieler kam an 
der Seite Zaninis auf sie zu, und die ehemaligen Gatten 
standen Auge in Auge. Friesen fand nicht gleich den 
richtigen Ton für die Begrüßung — es war für ihn ein 
peinlicher Moment. In Lisa aber erwachte mit aller 
Glut das alte, kaum gebändigte Gefühl für den Mann. 
Sie vernahm kaum Zaninis Stimme, welcher die Gäste 
um einen Augenblick Aufmerksamkeit für den Künstler 
und sein Werk bat. Karsten war schon auf das kleine 
Podium getreten, das mit einem Samtvorhang um 
schlossen war. Zanini stand an Lisas Seite und beob 
achtete sie scharf. Er war fest entschlossen, diese Frau, 
von der er sich betrogen glaubte, zu strafen, wie man in 
der Renaissance an Frauen Rache geübt haben mochte. 
Und Lisa fühlte jetzt, welche Absicht Zanini hatte;’ er 
brauchte ihren Gatten zur Vervollständigung ihrer 
Niederlage. 
Karsten stand neben dem Vorhang und lächelte. Die 
Spannung der Gäste war ungeheuer. Als Karsten Friesen 
mit Lisa und dem Italiener vor dem Podium erblickte, 
zögerte er einen Augenblick. Dann machte er aber eine 
entschlossene Bewegung. Der Vorhang fiel, und vor dem 
dunklen Samthintergrund stand in weißestem Marmor 
die wunderbare Gestalt einer Frau, der märchenhaft 
schöne Körper der geheimnisvollen Venus, aber 
ohne Kopf! Die herrliche Statue hatte keinen Kopf! 
Der Beifall raste. Eine wilde Verzückung bemächtigte 
sich der Gäste. Zanini war ganz blaß. Er starrte auf den 
wundervollen Körper in blendend weißem Stein, der 
Leben zu gewinnen schien, und der ihm ein Rätsel blieb. 
Lisa lächelte ihm tödlich zu: „Nun, bin ich es? Be 
weisen jetzt Sie es mir!“ Dann flüsterte sie; „Alles 
andere werden Sie von mir noch hören!“ Damit ging 
sie von der Seite des Mannes. Und er wußte, daß er die 
schöne Frau verloren hatte. 
Friesen hatte in einer ungeheuren Spannung den 
Moment erwartet, nach dem er sich monatelang gesehnt. 
Und nun war das Geheimnis enthüllt. Ohne Kopf — 
also noch immer rätselvoll, mysteriös. 
Er stand vor dem Podium und starrte das märchen 
hafte Bildnis an. Lisa trat zu ihm. In ihrer Stimme 
schwang und zitterte Leidenschaft und Spott, als sie 
sagte; „Nun? wie Befällt dir diese Frau?“ 
„Diese Frau muß das herrlichste Weib sein, das ich je 
gesehen habe“, platzte der Schauspieler heraus, , Man 
müßte sie suchen und wäre es bis ans Ende der Welt!“ 
„Such’ sie nur!“ lachte ihm Lisa ins Gesicht. „Such’ 
sie nur!“ 
XIII. 
Lisa hatte ihre Verlobung mit dem italienischen 
Krösus gelöst. Ganz Wien klatschte die wüstesten Dinge 
darüber. 
Indessen befand sich Friesen in einem Zustande ge 
linder Raserei. Eine fixe Idee schien ihn zu hetzen. Er 
bestürmte Karsten, ihm den Namen dieser sinnver 
wirrend schönen Frau zu nennen. Er hing stündlich am 
Telephon und verfolgte den Bildhauer überallhin mit 
seinen Anrufen. Im Theater machte er einen Krach um 
den anderen. Die Rolle des „Macbeth“ sandte er zurück 
und erklärte, nur den Romeo zu spielen. Er verfolgte 
Damen, die ihm das Urbild der Göttin schienen auf 
der Straße, und mancher groteske Auftritt trug sich zu. 
Lisa amüsierte sich königlich, als Karsten ihr das - 
alles getreulich berichtete: „Lassen Sie ihn nur zappeln!“ 
sagte sie. 
XIV. 
Friesen hatte Karsten wieder einmal in seinem Atelier 
aufgesucht. Er war verzweifelt, doch der Bildhauer blieb 
unerbittlich. 
„Du machst mich unglücklich!“ jammerte der Mime. 
„Ja, noch mehr! Du ruinierst mich. Im Theater bin ich 
schon fast unmöglich. Man macht Witze über midi. 
Neulich schickten mir die Schufte die alte Souffleuse in 
die Garedrobe, die, ohne zu ahnen was sie tat, mir ins 
Gesicht sagte: „Ich bin die Dame, die Sie suchen.“ Die 
Kerle hatten ihr das eingelernt. 
Es war im Atelier dunkel geworden. Friesen saß ge 
beugt im Sessel und rauchte eine Zigarette um die 
andere. Er hörte gar nicht, wie Karsten laut und 
deutlich, fast ganz ohne Anlaß sagte: „Du Narr!“ 
XV. 
„Was machen wir mit Bruno?“ wiederholte Karsten 
seine tägliche Frage an Lisa. „Wenn es so weitergeht, 
wird er bald ein Sanatorium aufsuchen müssen. Ich 
glaube, Sie sollten das Spiel nicht weitertreiben, Lisa! 
Ihr könnt beide noch glücklich werden.“ Der Künstler 
sagte das ganz leise. 
Lisa lachte nicht mehr. Sie schwieg sehr lange. 
Endlich sagte sie; „Sie sind gut, Karsten. Wie müssen 
Sie mich lieben, daß Sie so gut zu mir sein können! 
Wenn Sie wollen, so soll Bruno morgen seine Venus 
haben.“ 
'„Morgen Nachmittag?“ 
„Ja. Um vier Uhr!“ 
XVI. 
„Ich glaube dir nicht!“ sagte Friesen, der in Karstens 
/ohnzimmer diesem gegenüber saß. „Du hast mich 
x lange zum Besten gehalten! 
„Die Dame hat endlich eingewilligt dich kennen zu 
;rnen“, erwiderte Karsten. „Vielleicht hat der Fana- 
smus, mit dem du sie gesucht hast, sie gerührt. 
„Ich verstehe. Ihr habt euch über mich lustig ge 
iacht. Sie ist also deine Geliebte? 
„Ich gebe dir mein Wort, daß diese Frau nicht meine 
Wichte ist Sie liebt nur einen Mann und zwar einen, 
en ich zu den größten Narren der Welt zähle, denn 
r hat diese Frau verlassen. 
Das muß allerdings ein ausgemachter I( 
sehen?“ 
„Jetzt!“ 
Friesen wurde bleich vor Erregung: „Jetzt!“ 
Karsten sah auf die Uhr. Die Männer schwiegen 
wiedr. Endlich läutetees an der Entreeglocke. Karsten 
ging hinaus. Als er zurückkam, sagte er leise: „Sie ist 
gekommen. Sie erwartet dich!“ 
Friesen stand auf, reckte seine hohe Gestalt, trat vor 
den Spiegel und machte rasch ein bißchen Maske. Dann 
folgte er dem Bildhauer in sein Atelier, in dem es schon 
dämmrig war. Man sah eine verschleierte Frauengestalt 
sich vom Fauteuil am Kamin erheben. 
Friesen hörte Karstens Stimme wie aus einer Traum- 
tiefe: „Gnädige Frau, — hier bringe ich Ihnen meinen 
Freund Bruno Friesen. 
Friesen verbeugte sich. Hinter dem Schleier klang ein 
leises, helles Lachen. Karsten verließ schnell das Atelier. 
Eine schlanke Frauenhand streckte sich nach dem Licht 
schalter aus. Der Raum wurde blendend hell, uncf die 
Dame schlug d«i Schleier hoch.
        
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