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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 26 
Der Bildhauer fand eine kalte Freude daran, dem 
Manne den Schmerz ein wenig zu vergelten, den er Lisa 
zugefügt hatte. 
Der Gedanke an diese Venus — die bekannte Unbe 
kannte — beschäftigte Friesen immer mehr. Mit seiner 
leicht entflammten Phantasie sah er hier das Nie-Er- 
lebte. Und er beschloß, diese Frau zu suchen. Er machte 
das so geschickt, daß der Klatsch der Großstadt um 
den Bildhauer Peter Karsten und sein Werk, die „neue 
Venus“ nach kurzer Zeit einen ganzen Legendenkreis 
zu weben begann. 
Der Lac Leman lag im Sonnenglanz. Ein paar schim 
mernde Segel stachen grell aus dem tiefen Blau von 
Himmel und Wasser. Die Boote zogen ruhig dahin, 
denn die Luft war fast unbewegt. 
Lisa blickte von ihrem Fenster aus auf die weiße 
Silhouette des Mont-Blanc und empfand Sehnsucht 
nach der Kühle des Tales von Chamounix. Denn in 
Genf war es heiß. 
Seit acht Tagen logierte sie schon im Hotel Beau 
Rivage am Quai du Mont-Blanc. Sie verbrachte die 
Nachmittage zumeist am See. Abends saß Lisa dann 
an der glänzenden Table d’höte und unterhielt sich. Die 
schöne Wienerin war ein grand succes. 
Als sie an diesem Abend im Speisesaal erschien, 
präsentierte sich ihr ein neuer Tischnachbar: Herr 
Matteo Zanini, Gouverneur der Banca internationale in 
Mailand. Zanini hatte Weltruf. Er war der Vertraute 
hervorragender Staatsmänner, der Freund gekrönter 
Häupter. Ein Mann von unwidersprochener Geltung. 
Der erste interessante Mann auf Lisas Weg. 
Und sie dachte: hier wäre die ganz große Chance, der 
unbestrittene, von allen beneidete Erfolg. Die Eroberung 
dieses italienischen Krösus’, dessen dunkle Augen mit 
Wohlgefallen auf ihr ruhten, lohnte sich. 
Es wurde ein klug angelegter Feldzug. Lisa sagte sich 
vor allem, daß dieser Nabob wohl überall an allzu 
großes Entgegenkommen gewöhnt, von ihrer gleich 
mäßigen, kühlgesellschaftlichen Höflichkeit eine ange 
nehme Kontrastwirkung empfangen würde. Und Zanini 
genoß in der Tat anfangs die reizende Nachbarschaft, 
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die ihn so gar nicht mit überströmender Aufmerksam 
keit belästigte. Allmählich freute es ihn, wenn in diese 
schönen Augen ©in leuchtenderer Blick trat, wenn dieser 
entzückende Mund freundlicher lächelte. Ihre Ge 
spräche nahmen langsam persönlichere Färbung an. 
Nach und nach wurde der interessante Mann der 
ständige Begleiter der „belle Viennoise“. 
Lisa beglückwünschte sich zu ihrer Klugheit. Biese 
von jeder Frau beneidete Eroberung war der zweite 
Triumph ihrer Schönheit, nach dem Schlage, den sie 
von ihrem Gatten erhalten hatte. 
Trotzdem liebte sie Bruno Friesen noch immer. Von 
Karsten, der ihr von Zeit zu Zeit halb melancholische, 
halb amüsante Briefe schrieb, erfuhr sie, daß der Schau 
spieler in Sorge war, die Stätte seiner langjährigen 
Wirksamkeit zu verlieren. Die drei großen Theater, 
an denen Friesen engagiert war, befanden sich in 
Schwierigkeiten. 
Lisa saß im Park des Hotels und las einen Brief 
Karstens. „Mein erster Mann tut mir eigentlich leid“, 
sagte sie nachdenklich. Sie schob den Brief wieder in 
den Umschlag und schlug die schlanken Beine über 
einander. 
„Warum?“ fragte Zanini, der ihre Fußknöchel be 
wunderte, „hat er einen Mißerfolg gehabt?“ 
„Das nicht. Aber er wird Wien verlassen müssen. 
Sein Direktor ist in Schwierigkeiten.“ Und Lisa erzählte 
geschickt von den Geldnöten des Theaterkonzerns, bis 
Zanini nachlässig meinte: „Das ist doch mit etwas Geld 
zu machen. Ich habe ohnehin manchmal Lust gehabt 
den Mäzen zu spielen. Wenn es Ihnen Freude macht 
Lisa, so finanziere ich die Sache.“ 
Die junge Frau lachte laut auf. Es unterhielt sie, daß 
der Gedanke, der einen Augenblick durch ihren kapri- 
ziösen Kopf geschossen war, bereits Wirklichkeit wurde: 
ihr erster Gatte, der sie weggeworfen hatte, — in Ab 
hängigkeit von ihrem neuen Verlobten! Das war mal 
eine richtige Frauensache! 
Anfangs September kehrte sie nach Wien zurück. 
Zanini begleitete sie, um persönlich seine Unterhand 
lungen mit dem langsam aber sicher verkrachenden Di 
rektor der drei Bühnen zu leiten, deren Seele der große
        
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