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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jairg. 2g 
Nr. 26 
12 
Die Venus ohne Kopf 
Olga Saßmann (lOiai) 
ls Martha Altmann am Ostbahnhof 
dem Budapester Schnellzug ent 
stieg, erwartete sie ihr alter Freund, 
der Bildhauer Peter Karsten mit 
den Worten: „Sie werden über 
rascht sein, Martha! Denken Sie 
sich, Bruno Friesen hat sich gestern 
von Lisa scheiden lassen.“ 
Die junge, temperamentvolle 
' Witwe blieb einen xkugenblick stehen, sah den elegan 
ten Bohemien entsetzt an und folgte dann dem Ge 
päckträger. Durch das Getöse des Bahnhofes hörte sie 
die lässige Stimme des Bildhauers über das Ereignis 
berichten, das seit einer Woche die Gesellschaft der 
Großstadt in Atem hielt. 
Der Schauspieler Bruno Friesen, der Star des „Neuen 
Residenztheaters“, saß in seiner Wohnung in der 
Rainerstraße, die jetzt auf zwei Zimmer, — das Ar- 
beits- und das Schlafzimmer des Künstlers — be 
schränkt war. Die übrigen Räume, besonders aber die 
Zimmer seiner gewesenen Frau, standen leer und waren 
fest abgeschlossen. Friesen war wieder Junggeselle. 
Es war Abend. Er hatte im Theater nichts zu tun und 
fühlte sich außerordentlich wohl. Er streckte sich im 
Fauteuil der Länge nach aus, legte die Beine auf den 
Schreibtisch und rauchte eine Zigarette um die andere. 
Dabei studierte er seine neue Rolle: den „Herrn“ in 
Strindbergs „Wetterleuchten“. Er memorierte; „Keine 
Liebe, keine Freunde, nur etwas Gesellschaft in der 
Einsamkeit“. — Er gähnte mächtig, goß sich ein Glas 
Kognak ein und trank es in einem Zug aus. 
Das Läuten der Flurglocke schreckte ihn auf. Da er, 
um die Illusion des Alleinseins nicht zu zerstören, 
noch kein Dienstpersonal aufgenommen hatte, blieb 
ihm nichts anderes übrig, als die Beine vom Tisch zu 
nehmen und sich ins Vorzimmer zu begeben. 
Als er durch das Guckloch blickte und vor der Tür 
Martha Altmann und den Bildhauer Peter Karsten 
stehen sah, gab er sich einen Ruck und öffnete; „Kin 
der“, rief er und das berühmte Metall in seiner Stimme 
begann zu klingen, „wie nett von euch, daß ihr einen 
einsamen Mann besuchen kommt!“ Er drückte und 
schüttelte ihre Hände und geleitete sie ins Zimmer. 
„Ja, Kinder, ich bin wahrhaftig allein! Ganz ver 
lassen, — einsam!“ 
„Sie haben auch keinen Diener, wie ich sehe?“ Die 
junge Frau lächelte maliziös. „Sic sind ein bißchen auf 
fällig einsam.“ 
Der Künstler ging mit müdem Schritt und hängenden 
Schultern — ganz so wie auf der Bühne — zum Ofen 
und ließ sich in einen Lehnstuhl sinken. Karsten saß 
schon dort, wärmte sich und lachte innerlich. 
„Jetzt sagen Sie mir um Himmelswillen, Friesen, wie 
ist denn dieses Unglück eigentlich geschehen?“ begann 
Martha den Angriff. „Ich hätte Karsten heute mittag 
beinahe für einen Lügner gehalten, als er es mir am 
Bahnhof erzählte.“ „Wenn mir jemand gesagt hätte, 
daß Sie und Lisa sich je trennen werden, ich hätte ihm 
ins Gesicht gelacht. 1 
Friesen breitete die Arme aus; „Soll ich denn die 
ganze Tragödie noch einmal erleben, Kinder? Erspart 
es mir doch, davon zu reden.“ 
Er sprang auf und begann mit großen Schritten im 
Zimmer auf- und abzugehen. Dabei fuhr er sich nervös 
durch die Haare. „Sie quälen mich, Martha!“ Er blieb 
endlich unter dem Luster in guter Beleuchtung stehen 
und sagte wie jemand, der sich ergibt: „Wenn ihr es 
durchaus wissen wollt aber Ihr werdet es natür 
lich nicht verstehen. Ihr werdet es nicht begreifen, 
daß die Liebe eines Mannes nur der Traum eines Dich 
ters sein kann. Wir formen uns die Geliebte solange, 
bis sie unserem Traumbilde entspricht. Wir korrigieren 
im Rausch der Liebe alle Mängel der Geliebten mit der 
Meisterhand unserer exaltierten Phantasie, die natürlich 
eines Tages ermüdet und sich der Behexung entzieht.“ 
„Lisa ist schön“, sagte Karsten leise.
        
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