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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr 3 
Jahrg. 28 
12 
dammter Kerl, dieser Schellenbert, so lange Abschied zu 
feiern! „Wenn er noch lange in den Mauern der holden 
Lipsiae bleibt“, sagte einer, „ist es nicht unwahrschein 
lich, daß er doch noch dem Pedell in die Arme läuft.“ 
Johann Andreas Schellenbert war aber unterwegs, 
in andere Arme zu laufen. Er hatte sich überlegt: zu 
dieser Stunde nahm die holde Dame Braunrosenfeld ihr 
Bad im Zober; das neue Zöfchen war erst in ein paar 
Tagen von Pirna zu erwarten; der Herr Professor saß 
im Universitätsgericht, um ihn wegen der zwei ver 
führten Mägde und des blessierten Gesellen zu rele 
gieren — war also schon die Vertreibung aus dem Para 
dies unumgänglich, so sollte doch wenigstens auf das 
Sündenbäumchen noch ein kräftiges Reis gepfropft 
werden! 
Unter solchen Gedanken war der Studiosus in den 
Garten hinter Professor Meckerigs Haus gelangt und 
kundschaftete, im leisen Schnee vor- und rückwärts 
springend, das Nötige für sein Vorhaben aus: das 
Hinterpförtchen des Hauses war mit dem lockeren 
Riegel verschlossen, den ein Wissender mit einigen 
Stößen zurücktreiben konnte; die Holzstangen des 
Schuppens waren zwar mit Eis umklebt, aber man 
würde schon an ihnen hochklettern können, von dort auf 
das Dach des Hauses zu gelangen, war bei den vielen 
Ausbauten, Ecken und Rinnen nicht schwer; der Schorn 
stein qualmte lustig aus vollem Ofen gegen den fallen 
den Schnee an — es war alles günstig. 
Johann Andreas lockerte vorerst den Riegel der 
Hinterpforte und lehnte die Tür an, kletterte dann aufs 
Dach, kroch an den First und von dort rittlings zum 
Schornstein. Dort schob er mit beiden Armen die hohen 
Schneepakete, die sich auf dem Schornsteinrand und um 
den Schornstein herum gelagert hatten, in das Loch und 
sah mit Wonne, wie der weiße Staub es füllte. Der 
Qualm hörte auf. Jetzt mußte Adelgunde Braunrosen- 
felds Badestube voll von dem Qualm sein, der hier oben 
nicht gen Himmel steigen konnte . 
Rasch und klopfenden Herzens rückte er vom Dach 
wieder in den Garten hinunter, eilte zu der Pforte, 
riegelte sie hinter sich zu und raste die Treppe hinauf. 
Aus der Tür der Badestube drang üppiger Qualm. „Um 
Himmelswillen, was geschieht hier?“ schrie er und 
steckte den Kopf in den offenen Türrahmen. Die 
Frau Professor, Adelgunde, geborene Gräfin von Braun 
rosenfeld, stand in ihrer zierlichen Schönheit da, ein 
Bein im Zober, eins auf dem Boden, hilflos, sprachlos, 
erregungslos. „Ich wollte mir nur das Büchlein von den 
Küssen des Johannes Secundus holen, das ich auf 
meinem Zimmer habe liegen lassen, aber nun — —!“ 
— „Schellenbert!“ schrie da Adelgunde plötzlich, wie 
zum Bewußtsein kommend, „schließt die Tür, frecher 
Bube!“ — „Aber ja!“ erwiderte er, „daß ich das ver 
gessen konnte, verehrte Frau! Ihr könntet Euch ja 
bitter erklälten!“ Und trat ins Zimmer und schloß 
hinter sich die Tür. „Macht, daß Ihr hinauskommt! 
Söll ich ersticken?“ rief Adelgunde, nach Luft lechzend. 
„Dann nur mit!“ Schellenbert breitete die Arme aus 
und trat auf sie zu. „Rettet mich! rettet mich!“ schrie 
sie und taumelte. Schellenbert bemerkte, daß der Qualm 
nicht mehr zunahm, sondern im Kamin schon wieder 
die ersten Flammen zu züngeln begannen. Er riß das 
Badelaken von der Leine, hüllte es um die Schöne und 
legte sie sanft zu Boden. „Ihr holt Euch den Tod, teure 
Gräfin, wenn wir Fenster oder Tür öffnen; der Januar 
würde scharf in Eure weichen Glieder schneiden; laßt 
mich etwas anderes tun!“ Adelgunde seufzte und 
wimmerte auf dem Boden; Johann Andreas nahm den 
Puster und blies das Feuer an; im Nu schlugen die 
Flammen hoch, er legte Holz nach und in kurzer Zeit 
sog der Kamin den Qualm aus der Stube und warf ihn 
durch den Schornstein in den Himmel. 
In den Himmel warf sich auch Johann Andreas 
Schellenbert. Während die erste Glut durch die Stube 
schimmerte und trockene Wärme sich verbreitete, 
schälte er sein lächelndes — für die gelungene Lebens 
rettung dankbar lächelndes — Opfer aus dem Badetuch, 
kniete nieder, breitete das Tuch aus und warf sich vor 
der rosigen Götttin nieder, die wie in Schnee gebettet 
schien. Sie drehte sich, wand sich — vermochte aber 
nicht, ihre Lippen dem zudringlichen Amor zu ent 
ziehen; er küßte, umarmte sie und nahm für die hoch 
notpeinliche Relegation so vollkommen wie möglich 
Rache ... 
Zu eben dieser Stunde aber vernahm der Herr Pro 
fessor Meckerig mit dem Lächeln der Genugtuung auf 
den Lippen das Urteil des Universitätsrichters; daß 
Johann Andreas Schellenbert, bis anhero studiosus iuris 
an der Universität Leipzig, wegen notierter Straftaten in 
contumaciam relegieret sei . . . 
* 
Die fetzte Szene 
Lothar Sacfrs 
E rich Wussilow hatte einen eigenartigen Beruf: 
er war Frauenpsychologe. Mit unermüdlichem 
Forschungseifer suchte er das „Rätsel Weib“ zu 
lösen und stieg in die geheimnisvollen Gründe 
der Frauenseele hinab, um für alle Äußerungen weib 
lichen Affekts irgendeine psychologische Erklärung zu 
finden. Erich Wussilow hielt sich für einen großen 
Frauenkenner. Darum wurde er auch von allen seinen 
Freundinnen betrogen. Aber er fand sich resigniert da 
mit ab, wenn er nur für die Handlungsweise der Frau 
immer — eine psychologische Erklärung hatte. 
Da ereignete sich etwas, was ihn sozusagen vor ein 
Problem von reizvoller Kompliziertheit und Eigenart 
stellte. Er hatte seit mehreren Monaten eine Freundin, 
die ihn durch ihre vollendete Schauspielkunst zu fesseln 
verstand. In jeder Frau steckt bekanntlich eine Komö 
diantin; aber hier erhob sich die Komödie, die Nelly im 
Leben spielte, weit über den Durchschnitt. Nelly liebte 
ihn nicht. Aber eines hatte sie vor manchen anderen 
Frauen ihrer Art voraus: sie verstand die Komödie 
einer liebenden Frau dem jeweiligen Liebhaber so echt, 
so lebenswahr vorzuspielen, daß dieser beinahe selbst 
daran glaubte. Wer sie beobachtete, wenn sie mit 
Erich Zärtlichkeiten austauschte, wer den sanften Klang 
ihrer Stimme hörte, in ihre Augen blickte, der mochte 
vermuten, daß Nelly einer Liebe von fast romantischer 
Färbung fähig sei. Und doch war, wie gesagt, alles nur 
Theater, allerdings gutes, kultiviertes Theater. 
Da erhielt eines Tages Erich Wussilow von Nelly, 
die auf eine Woche verreist war, folgende, in ihrer 
Kürze doppelt nüchtern wirkende Zeilen: 
„Mein lieber Junge! 
Nimms nicht tragisch: ich kehre nicht mehr zurück. 
Ich vertrage die Abhängigkeit von Dir nicht länger. Ich 
will frei sein. Sei mir nicht böse, aber ich kann nicht 
anders handeln! Deine Nelly.“ 
Hier versagte auch Erich Wussilows Psychoanalyse. 
Denn welches auch immer die Beweggründe Nellys sein 
mochten, eine so gute Schauspielerin mußte sich einen 
besseren Abgang suchen, vielleicht in einer großen 
dramatischen Aussprache mit geistvollen Bonmots oder 
in einer letzten temperamentvollen Szene mit Tränen, 
blitzenden Augen, Türzuschlagen und anderen be 
währten Requisiten. Statt dessen ein paar nichts 
sagende Zeilen . . . Erichs Enttäuschung war so groß, 
daß er auch in seinem Antwortschreiben aggressiver 
wurde' als er ursprünglich beabsichtigte. Er schrieb: 
„Liebe Nelly! 
Bilde Dir nicht ein, daß ich versuchen werde, Dich 
von Deinem Entschluß abzubringen. Nur eines tut 
mir leid: Ich habe bisher immer geglaubt, daß Du 
wenigstens meisterhaft Komödie zu spielen verstündest. 
Leider hast Du mich auch in diesem Punkte grausam
        
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