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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

.Jahrg. 28 
Nr. 25 
der Tanzboden gewesen wären. Bei solchen Anlässen 
hat ein Nichttänzer gar keinen Wert, höchstens den 
eines Garderobenständers, als welchen mich meine ent 
zückende Dame auch ausgiebig und vertrauensvoll ver 
wendete. Und als Augenzeugen meiner hilflosen Wut 
standen ringsum soundsoviele gute Bekannte, darunter 
eine junge Frau, deren Lebensinhalt die Angelegenheiten 
der andern sind, vorüber sie unermüdlich des Langen 
und, ihrem Wüchse entsprechend, auch des Breiten 
reden kann. Die wird sich das nicht entgehen lassen und 
diese Neuigkeit in einem Satz verbreiten, in dem sie, 
ihrer Gewohnheit gemäß, die verschiedenartigsten 
Dinge ohne jede Interpunktion zusammenfaßt. Etwa so: 
„Die Leute sind so komisch, wo sie doch sonst so gut 
miteinander leben, aber sie hätten ihn sehen sollen bei 
dem Fest, wie er die Geschiedene nur angeschaut hat. 
Coriandoli hat man auch geworfen, mich haben sie die 
ganze Nacht gejuckt, und dabei hat er fortwährend ihr 
Cape und ihr Täschchen halten müssen bei der Hitze, 
das Bier hätte auch kälter sein können, direkt komisch, 
gehört sich das für einen verheirateten Mann?“ 
Dieser Satz wird, rascher als durch Brief und Tele 
gramm, durch Gesellschaftssport meine Frau erreichen, 
und wenn die erfährt, daß ich nichts erlebt habe, daß man 
mich bloß auslacht, das verzeiht sie mir nie. Denn ich 
soll mich doch ohne Aufsehen und große Unkosten zur 
linken Hand gut unterhalten. Wie sie sich das in ihrer 
naiven Modernität vorstellt. Überhaupt, ich habe diese 
Untreuestrapazen satt. Morgen fahre ich zu meiner 
Frau, mache ihr eine große Szene, an deren Ende sie 
mir schwören muß, daß sie fortan von mir unbedingte 
Treue verlangen und selbst ein eifersüchtiger Drache 
werden wird, damit endlich Ruhe und Ordnung ist. Ich 
möchte doch sehen, ob Seitensprünge zu den Pflichten 
einer modernen Ehe gehören. Und wenn sie sich weigern 
sollte, dann erlebt sie etwas .... 
fctdfiferie J $es(Sk 
IL O M A N * VON* EL C O R R E T 
Bilder: Bohi 
4. Fortsetzung 
Auf dem weiten, weiten Erdenrund herrscht der 
Menschenverstand mit seiner ganzen Klugheit und 
Blindheit. Überall da, wo Menschen wohnen, seien sie 
auch immer welcher Farbe, welcher Rasse, welchen 
Volksstammes, überall haften sie an dem, was sie Wirk 
lichkeit nennen. Diese Wirklichkeit ist ihre Welt, ihr 
Leben, ihr Ich. Dieser Wirklichkeit dienen sie, ihr 
bringen sie jegliches Opfer dar. Ihr sterben sie. 
Und mag diese Wirklichkeit noch so qualvoll sein, 
mag sie alles in Tränen und Blut ertränken, mag sie 
grinsen mit verzweifelter Pein und lächeln mit der Tor 
heit geschmeichelter Eitelkeit, niemand steht auf gegen 
jene tyrannische Wirklichkeit, dieses Menschenwerk 
ohne Sinn und Ende . . . 
In den Großstädten donnern die Getöse, brausen die 
Geräusche flutenden Handelsverkehrs. In den Häfen 
schaukeln die Masten, noch feucht von den Winden der 
offenen Meere. Die Eisenbahnzüge rollen Tag und 
Nacht durch die Ebene, schießen durch Tunnel und 
speien zischend Dampf und Menschenfracht aus. Tau 
sende sterben in einer Stunde, sei es im weißen Bett 
oder auf kalten Steinen. Tausende von Geborenen tun 
mren ersten Schrei, Millionen Hände arbeiten, Millionen 
Kopfe denken und sinnen und verzehren sich im eigenen 
leeren Feuer. Und Millionen um Millionen kämpfen 
miteinander um das Stück Brot, das ihren Hunger 
stillen soll. Einer ist des anderen Feind — bis aufs 
Blut. — 
Und jeder weiß: ich lebe in meiner Wirklichkeit. Ich 
rage mein eigenes wirkliches Gesicht zur Schau, ich 
ninle mein eigenes Herz klopfen, ich arbeite mit meinem 
op und meiner Hand und esse das Stück Brot, das 
mir gehört. 
\ i -.Plötzlich aber tut sich inmitten all dieser Wirk- 
lichkeiten ein Wunder auf. In dem Meer der brausen- 
en, flutenden, kämpfenden Wirklichkeiten erscheint 
eine Insel, eine kleine, fremdartige Insei mit Märchen- 
blumen und Zaubervögeln. Sorglose Menschen wandeln 
und tanzen im magischen Lichte und wissen nichts von 
Sorge und Leid. Alles liebt sich untereinander. Einer 
gönnt dem andern seine Pracht. Niemand sieht neidisch 
amf Krone, Schleppe oder blühendes Fleisch. Alle 
.Herzen jauchzen. Alle Sinne genießen. 
Die Insel schaukelt in einem Ozean der Lust. 
Solchen Eindruck macht ungefähr jedes Maskenfest. 
Die ganze Welt ringsum scheint vergessen und ver 
schwunden. Jeder einzelne verläßt seine Wirklichkeit 
und tummelt sich in Gewändern herum, die einer an 
deren Sphäre als der gewohnten entliehen sind, tummelt 
sich fremd zwischen fremden, verzauberten Gestalten, 
die ebenso unbekannt sein wollen, wie sie früher — 
außerhalb dieses Märchenlandes — bekannt, beachtet, 
berühmt oder gefürchtet sein wollen. 
Ein jeder ist losgelöst von dem früheren Ich. Und 
was jenes frühere Ich nicht mehr genießen kann oder 
soll, das erhascht nun die gierige Maske, das nimmt sich 
die fremde, glänzende Gestalt, die kein Gestern und 
kein Morgen kennt. 
Schon bei Anbruch des Abends begann das Fest im 
Kurhaus. Geschmückte Tafeln, üppige Büfetts luden 
zum Speisen ein. Die Räume des Kurhauses glichen zum 
Teil Blumengärten, zum Teil Krönungssälen mit Purpur 
draperien und einem so blanken Parkett, daß sie die 
Lichter und Prismen der Kronenleuchter als blendend 
weiße Flächen Im Glanze wiederspiegelten. 
LUNAPARK 
| der Vergnügungsplalz Berlins! 
= 2 grofje Kapellen für Orchester-Konzerte 
1 Feuerwerk / Artistische Sensationen /12 Tanz-Kapellen 
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