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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nt. 25 
Jahrg. 2S 
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Ich rührte mich nicht. Ja, ich bestrebte mich, den 
Atem leiser gehen zu lassen. Aber plötzlich, während 
sie sonst ganz reglos blieb, taten sich ihre Augen auf. 
Sie richteten sich voll auf mich, sehr groß, doch ohne 
Verwunderung, schwarz und kühl. Sie machten mich 
irre an dem Geschöpf, dem sie angehörten; sie paßten 
nicht in dieses Gesicht. Geschlossen, mit den langen 
Wimpern — wunderbar. Aber in dieser ruhigen, welt 
lichen Offenheit — nein. Es waren schöne Augen, 
zweifellos. Aber sie waren leichtfertig, voll Überlegen 
heit, und es lag eine Welt von Erfahrungen darin. Sie 
kamen mir vor wie ein paar unliebe Flecken in diesen 
guten Zügen und ließen einen Zweifel in mir aüfkom- 
men an der Reinheit, von der das unverändert schöne 
Mündchen sprach. 
„Nun?“ fragte das Mädchen gedehnt, indem sie ihre 
Lage beibehielt. 
Auch ihre Stimme war schön. Aber sie paßte zu den 
Augen. Als sie sprach, ließ sie durch die Finger der seit 
wärts ausgestreckten Hand langsam Sandkörnchen 
rinnen. 
„Ich kam hier vorüber und sah Sie, mein Fräulein. 
Da betrachtete ich Sie. Durfte ich das nicht?“ 
„Ich kann es Ihnen nicht verbieten; aber ich finde es 
nicht nett.“ 
„Verzeihen Sie, aber ich muß gestehen: fände ich Sie 
noch einmal so — wahrhaftig, ich täte es wieder.“ 
„Sie sind wenigstens offen“, sagte sie; und dann, nach 
einer Pause, mit ganz verändertem Ton: 
„Aber jetzt muß ich Sie erst einmal begrüßen!“ 
Sie reichte mir die Hand, die eben noch mit dem 
Sande gespielt hatte. Ich bückte mich, nahm sie und 
führte sie an den Mund. Dann sagte ich; 
„Ich heiße —“ 
„Pst!“ fiel sie ein. „Bitte nicht. Es ist so nebensäch 
lich, und ich liebe es gar nicht. Höchstens den Ruf 
namen. Aber auch das ist überflüssig.“ 
„Willi? Ah — sehen Sie; hübsch. Ich mag den Namen 
gern. Er klingt so — wie soll ich sagen? Ja: offenherzig 
Er erinnert an die Kindheit ... an die Heimat . . . 
„Und der Ihrige?“ 
„Es ist wirklich nicht nötig.“ 
„Aber ich bitte Sie darum.“ _ , 
. Sie sah mich einen Augenblick blinzelnd von der 
Seite an. Dann legte sie beide Hände übereinander aut 
die Stelle ihrer Brust, wo sich das Herz befindet, sah 
schmachtend zum Himmel auf und hauchte mit über* 
triebenem Pathos: 
„Martina!“ 
Ich hätte diese reizende Komik gar nicht bei ihr ver 
mutet. Sie bestrickte mich damit. Ich fühlte schon, wie 
es in mir zu brodeln begann. Die Leidenschaft, die 
rote, verzehrende Flamme. Ich fing an, alles um mich 
her zu vergessen. Und sonderbar: auch ihre Augen 
nahmen mich jetzt gefangen. Ich sah nichts mehr an 
ihnen von dem, was mich, vorhin daran erschreckt 
hatte. Sie waren schön, bildschön. Wie hatte ich nur 
erst so philisterhaft philosophieren können. Und dann 
der Mund, dieser weiche, rote Mund. 
„Ich will jetzt aufstehen“, sagte sie. „Wir wollen ein 
wenig gehen.“ 
Und dann: 
„Helfen Sie mir.“ 
Ich gab ihr die Hände, und sie richtete sich auf. Sie 
war fast so groß wie ich. Ich nahm ihr Plaid zusammen, 
das noch von ihrem Körper warm war, und warf es 
über die Schulter. Dann reichte ich ihr den Hut, den 
sie mit einer langen Nadel im Haar befestigte. 
„Dort hinunter“, sagte sie, indem sie nach Süden 
zeigte, also dem Bade und den Menschen abgekehrt. 
Ich bot ihr den Arm. Sie legte den ihrigen hinein, 
ohne Zögern. Dann gingen wir. Wir gingen in einem 
sonderbaren Schweigen, unter dem sich unsere Empfin 
dungen verbargen wie die Glut unter der Asche. Wenn 
„Ich drückte den Mund auf die leise geöffneten Lippen ...“ 
wir zuweilen einiges sprachen, galten unsere Worte den 
silbernen Möwen, die sich über uns tummelten und 
schrien. Wir lockten sie und streckten die Hände nach 
ihnen aus, indem wir mit den Fingern schnalzten. Es 
war eiii übertriebenes Interesse, das wir an ihnen 
naJimen, und das bald ein Ende finden mußte. Ich war 
mir dessen auch voll bewußt; und während ich noch 
daran dachte, spürte ich plötzlich mit zwiefacher Ge 
fühlsstärke den fremden, blutwarmen Arm in dem 
meinigen. Und wieder wallte es in mir auf. Ich sah die 
törichten Möwen nicht mehr und fühlte ein scharfes 
Prickeln auf der Haut, da wo der Arm lag, dessen ala 
basterne Weiße mich so entzückt hatte. Ich begann 
diesen Arm zu pressen, immer heftiger. Erst schien sie 
es nicht zu bemerken. Dann wurde sie ganz still. Aber 
sie ließ mir den Arm. Ich spürte keine Regung in ihm. 
Und ich preßte ihn schließlich so stark, daß es ihr 
Schmerzen verursachen mußte. 
„Sie tun mir weh“, sagte sie nun, und ich bemerkte, 
daß sie ein wenig fröstelte. 
„Es wird kühle“, entgegnete ich, „der Abend kommt. 
Soll ich Ihnen das Tuch umlegen?“ 
Sie nickte und benutzte die Gelegenheit, den Arm 
schnell aus dem meinigen fortzuziehen. 
Ich nahm das Plaid, faltete es, trat hinter sie und 
legte es ihr um die schmalen Schultern. Aber da ich es 
ihr umgetan hatte, ließen es meine Arme, die sie dabei 
umfaßt hatten, noch nicht los. Ich legte sie fest um 
ihren Leib und bog diesen sanft hintüber, so daß ihr 
Kopf mit dem reichen Haar an meine Schultern zu
        
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