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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 24 
Jatrg, 28 
,ySo etwas glaubt man nicht mit dem Verstand . . .“ 
raunte Kenn geheimnisvoll, erschrocken über sich selbst 
und seine unverschämten Listen. „Das haben Sie ja 
wohl soeben empfunden ... Und nicht erst jetzt . . . 
Schon beim ersten Sehen . . . und gestern . . . Wir sind 
füreinander bestimmt!“ 
„Wirklich?“ Ungläubig starrte sie ihn mit ihren 
großen blauen Kinderaugen an. 
„Weshalb zweifeln, wenn der Glaube uns glücklich 
machen kann!“ erwiderte Kenn mystisch gedämpft. 
„Wie selten ist es, daß man glauben kann!“ 
Während er sprach, war es Kenn seltsam zumute. Er 
spielte Komödie und war doch vollkommen aufrichtig. 
Er fühlte die Maske eines anderen über seinem Gesicht, 
er zwängte sein Wesen in die Form eines anderen und 
sprach doch aus seinem wahren Empfinden heraus. Er 
sprach es vielleicht offener, theatralischer aus, als er’s 
sonst getan hätte, ohne die Absicht, zu täuschen und 
zu überlisten. Er betrüg sich vor seiner eigenen Kritik 
geschmacklos, gewalttätig und gleichzeitig bodenlos 
heimtückisch. Aber der Erfolg bewies, daß er die 
rechten Mittel angewandt hatte, dieses sinnliche, leicht 
gläubige und nur äußerlich selbstsichere Weib zu er 
obern. 
Sie zitterte in Erregung. Sie war verwirrt von seinen 
mystischen Worten. Sie erglühte unter seinen Küssen 
... Er verlor jedoch nicht ganz die Besinnung. Weiter 
durfte der Betrug nicht gehen. Nur mit offenem Visier 
wollte er den letzten Kampf kämpfen. Er war doch 
kein Schurke! 
Gewaltsam mäßigte er sich. Tissa aber war schon 
entfesselt. Sie stammelte, sie weinte an seinem Halse. 
Sie sprach von ihrem Alleinsein, ihrer ersten Ent 
täuschung, ihrer Sehnsucht nach Liebe und Glück . . 
Henn flüsterte: „Zum Glück gehört Mut, du Liebe, 
Süße!“ Er wollte sie von neuem an sich ziehen, da 
hörte er Schritte nahen. Die Kellnerin fegte die 
Nebenlaube. 
Tissa erhob sich — 
„Wünschen Sie schon aufzubrechen?“ fragte Henn 
geschickt und sprang ebenfalls auf. Aber zu ihr ge 
neigt, fragte er schmeichelnd: „Und morgen? Wieder 
hier — oder in Sankt Annen?“ 
Sehr zeitig war er im Laub Wäldchen zur Stelle. 
Wozu zaudern? Sie fühlte, sich lächerlich damit zu 
machen. 
Ihren Hut befestigend, antwortete sie: „Besser hier 
— oder noch besser im Wäldchen dort. Ich werde da 
für sorgen, daß der Junge schweigt. Er — er kennt 
Sie ja auch nicht!“ 
„Vorläufig nicht!" Henn küßte nur ihre Hand, die 
sie ihm mit weicher, zärtlicher Bewegung hinstreckte. 
„Auf morgen . . 
Damit trennten sie sich. — 
Henn blieb noch eine lange Weile in der Laube sitzen. 
Die Sonne war nicht mehr so voll über ihm, nur Wärme 
und Duft umgaben ihn wonnevoll. 
Gleichwohl kam ihm kein Behagen. Im Gegenteil. 
Wie Ärger war’s in ihm. Fast dieselbe Stimmung wie 
gestern. Eine Art Ernüchterung und Selbstverachtung. 
Sie würde ihm nie verzeihen . . . Morgen mußte er ihr 
aber unbedingt die Wahrheit gestehen. — 
Allmählich verlor sich Henn in Sinnen. Er dachte 
über sich und sein Leben nach — dabei aber passierte 
es ihm, daß er unwillkürlich die angenommene Rolle 
beibehielt und über das Leben des Fürsten nachdachte, 
so wie er’s Tissa dargestellt hatte . . . 
Er dachte sich reich, unabhängig, und in der Lage, 
die Welt mit ihren Schnurren entbehren zu können. 
Würde er Tissa zu seiner Geliebten oder zu seiner 
Gattin machen? 
Er bejahte es sich nicht sogleich. Er kannte ihr Herz 
— ihre Seele noch nicht. 
Wie er die nächsten zwanzig Stunden verbrachte, das 
wußte Henn selbst kaum. Zerstreut wie er war, zog er 
wiederholt den erstaunten Blick seines Gebieters auf 
sich. Zuletzt empfand er es als Erleichterung, daß der 
Fürst wünschte, allein zu sein. Er sah nicht, welchen 
Schmerz er seinem fürstlichen Gönner ■ bereitete . . . 
Sehr zeitig war er im Laubwäldchen zur Stelle. Nur 
sie Wiedersehen, ihren wollüstigen Mund küssen und ihr 
den ganzen armen Kerl, den Heinrich Hennen, dieses 
wertlose Bündel von Leidenschaft und Torheit, vor die 
Füße werfen . . • Da würde er ja erfahren, ob ihre 
Gefühle echt, ihre Liebe zuverlässig war. Er seinerseits 
wollte ihr rundheraus einen Heiratsantrag machen — ja, 
das wollte er. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, daß
        
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