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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 3 
6 
DER MUND 
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Bilder: Boht 
arum ich mich von Ingrid getrennt habe, 
wenige Tage ehe wir heiraten wollten“, sagte 
Frank Aagreen zu seinem Freund, der seit Jahren 
zum ersten Male nach seinem Übersee-Aufenthalt 
ihm gegenüber in dem dunklen Herrenzimmer saß, — 
„deine Frage beweist mir, daß du nicht an all das ab 
scheuliche Geschwätz glaubst, das dieser Entlobung 
folgte; das sich nur an meine Person heftete, und das 
ich nicht Lügen strafen konnte, ohne Ingrid zu ver 
dächtigen. Aber ich danke dir, daß du mich nicht für 
den Wüstling hältst, zu dem mich hier die erbitterte 
Phantasie der Gesellschaft gestempelt hat. Ich wäre 
ja auch ein Narr gewesen, wenn ich ein Mädchen wie 
Ingrid, schön, unbescholten, reich, ohne einen zwingen 
den Grund verlassen hätte, nur um einer Liaison willen, 
die man das ganze Leben so billig haben konnte und 
haben kann.“ 
Also ist Ingrid vielleicht doch schuld“, fragte vor 
sichtig der Freund. 
„Schuld, schuld“, antwortete nachdenklich Frank, „als 
ob es bei Schicksalen immer um die greifbare, meßbare 
Schuld zwischen Menschen ginge; ach nein, mein Lieber, 
es gibt ganz andere Abgründe, andere Verhängnisse, 
die uns bestimmen, mit Menschen uns zu verbinden 
und uns von Menschen zu trennen. Was mich von Ingrid 
gehen hieß, die ich geliebt habe wie nie ein Mädchen, — 
war — aber nun halte mich nicht für geisteskrank -- 
denn auch diese Version läuft in der Gesellschaft um — 
war ein Lächeln von Ingrid. 
Ja, nun siehst du mich so an, als zweifeltest du wirk 
lich an meinem Verstände. Also laß mich dir erzählen. 
Du weißt, daß ich in den Jahren, die ich in Ubersee 
verbrachte, in bezug auf die Frauen keine allzu gute 
Meinung bekommen habe. Vielleicht lag es auch an 
mir, daß ich mich gerade solchen Frauen näherte, die 
Ingrids Gestalt entschwand meinen Augen immer mehr ... 
nur allzu schnell sich den Wünschen des Mannes er 
gaben. Vielleicht ist es auch so, daß in den heißen, in 
Farben und Linien aufgelösten Ländern auch die Emp 
findungen heißer, aufgelöster und den Leidenschaften 
preisgegebener sind. Aber >vie dem auch sei, ich hatte 
eine große Dosis Verachtung und eine große Dogis 
Übersättigung in mir, als ich für immer nach Schweden 
zurückkehrte. Und alle die Netze, die eifrige Mütter 
nach mir warfen, nachdem sie sich vermutlich sehr ge 
nau nach meinen Vermögensverhältnissen erkundigt 
hatten, alle diese Versuche machten mich immer 
spöttischer und abweisender. Dazu kam, daß ich auch 
hier bei den Frauen und jungen Mädchen allzuviel ver 
hüllte und unverhüllte Bereitwilligkeit sah. Und daß 
mir auch hier in dem kühleren Lande die Sitte allzu ge 
lockert erschien, obgleich nicht einmal das Verführende 
tropischer Länder Entschuldigung sein konnte. 
So vergingen zwei Monate, ich hatte wohl hier und da 
eine Beziehung zu Frauen, auch der Gesellschaft, aber 
alles war spielerisch, ich behielt mich in der Hand und 
beendete, wann ich wollte. Bis ich im Herbst auf das 
Forstensche Gut in Süd-Schweden zur Jagd geladen 
wurde. Unter den Gästen war auch Ingrid. 
Ich werde es nie vergessen, wie es war, als ich sie zum 
ersten Male sah. Sie stand vor dem Vorhofe in einem 
goldbraunen, weichen, seidigen Kleide. Die Mauer, an 
die sie sich lehnte, war überflutet von wildem Wein, der 
in allen Farben des Herbstes glühte. Ingrid stand vor 
diesem brennenden Rot und Gold und einem unwahr 
scheinlichen blauen Herbsthimmel. Ihr Haar war wie 
Kupfer in der Sonne was soll ich dir das alles 
beschreiben alles war ein Licht, eine Farbe — — 
und dabei so nordisch, so Heimat, nicht das schwüle 
übertriebene der Farben drüben. Man spricht soviel 
von dem nordischen Frühling und sagt, daß kein Land 
ihn erreiche. Aber noch viel zauberhafter und einzig 
ist der nordische Herbst. Lind ich erlebte ihn zum 
ersten Male wieder und Ingrid in ihrer strahlenden 
Schönheit war mir plötzlich das Symbol des Landes, ja 
noch mehr, sie war mir auf einmal das Symbol der 
Frau, wie ich sie ersehnt und in meiner Verachtung nie 
gefunden. 
Ich will dir nicht erzählen von den Tagen, die sich 
nun beglückend aneinanderreihten, denn ich fühlte, daß 
Ingrid meine Neigung erwiderte. Aber wenn ich an 
jene Woche zurückdenke, so ist alles in dem un 
beschreiblichen Lichte und Glanze auch der Seelen, 
wie in dem Glanze der blauen und goldenen Herbst 
tage. Und als wir nach einer Woche abreisten, hatte 
ich mich Ingrid erklärt und hatte ihr Jawort wie die Zu 
stimmung ihrer Mutter. 
Wir beschlossen, mit der Heirat nicht länger zu 
warten, als notwendig war, um die Vorbereitungen für 
unser gemeinsames Heim zu treffen. Und während 
Ingrid und die Mutter diese Vorbereitungen auf sich 
nahmen, reiste ich noch einmal für zwei Wochen nach 
Ägypten, wo ich endgültig einige Geschäfte liquidieren 
wollte, die immer wieder meine Anwesenheit drüben 
notwendig gemacht hätten, wenn ich sie nicht endlich 
ganz in die Hände meines Kairener Geschäftsfreundes 
gelegt hätte. 
Ich muß gestehen, daß mir die Trennung von Ingrid 
schwer wurde. Und ich besann mich seit meiner 
Kinderzeit nicht ein ähnliches Gefühl der Einsamkeit 
empfunden zu haben, wie in dem Augenblick, als mein 
Schiff drehte und als Ingrids Gestalt auf dem Kai immer 
mehr vor meinen Augen entschwand. Ich schloß mich 
auf der Reise niemandem an und war froh, als ich in
        
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