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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahr ff. 28 
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stahl begangen hat. Der schöne Mann, der auf den ersten 
Blick nichts als seine Schönheit hat, bekommt keine 
Stimmen. Er ist lediglich ein Dekorationsstück. Die 
Frau nimmt ihn nicht ernst. Fragt man nach ihm, 
spricht man von ihm, so heißt es schlicht und lächelnd: 
„Er ist ein schöner Mann.“ Und mit zwei Worten 
sind tausend gesagt. Die Sprache hat ihre Geheimnisse. 
Es gibt einzelne Worte, die eine Rede, einen Folianten 
enthalten; es ist eine Augensprache. Man spricht ein ein 
ziges Wort gelassen aus, und es ist eine Riesenfontäne 
von Ausbrüchen der Mißachtung, Verspottung, ein Stru 
del von Hohn und Lieblosigkeit. Und so ist der „schöne 
Mann“ ein Begriff, der tausend stumme Definitionen 
ausspeit. Man spricht ihn aus, und es ist eine Schale, 
ein Brunnen, ein Meer von Bosheit und Spott, das man 
über den Unglücklichen ausgießt. Diese zwei Worte 
sind eine niederschmetternde Charakteristik, mit ihnen 
erklärt man den Betreffenden für völlig abgetan, für 
nicht in Betracht kommend, für einen Außenseiter, 
auf den man keinen Schilling setzt .... 
LENE 
PAUL BUSS 
ach einem langen Winter endlich 
warme Tage, endlich ein freundlicher 
Himmel und Sonnenschein und 
lachende Gesichter. Es will Früh 
ling werden. 
In Wald und Feld regt es sich, die 
Bäume schimmern schon ganz grün, 
über die Wiesen breitet sich ein farben 
bunter Teppich, in allen grellbunten 
Farben leuchtet’s, und frischer Erdgeruch von allen 
Seiten. Ach, er ist ein genialer Stürmer, der junge Lenz, 
ein Gigant mit eisernen Fäusten und mit den heiteren 
Augen des naiven Kindes. 
Auch ich habe einst für ihn geschwärmt. Aber das ist 
lange her. Damals, im Frühling — wenn ich daran 
denke, laut auflachen möchte ich, aber schön war’s doch. 
So sorglos durch das Leben zu rennen, so voll von 
naiver Freude, und im Herzen das stolze Kraftgefühl: 
du bist ein Mann und die ganze Welt gehört dir! Und 
so verliebt, so wahllos, wenn sie nur hübsch gewachsen 
ist und lustig lachen kann — dann liegt einem der Lenz 
in allen Gliedern, dann kommt die große Sehnsucht, die 
man in Worten nicht ausdrücken kann, — na und dann 
eines schönen Tages ist das Unglück geschehen. 
Sie wohnte mir gegenüber. Jeden Morgen, wenn sie 
ins Geschäft ging, sah ich sie. Immer das gleiche Bild, 
Die Augen noch ganz verschlafen, das Haar in aller 
Eile zusammengesteckt, nur im Nacken die drei wider 
spenstigen blonden Löckchen, die immer sich durch den 
kleinen Filzhut durchzwängten, die Stieleichen nur halb 
zugeknöpft, dieHandschuhe in der Hand und das Jackett 
nicht abgebürstet und fast immer mit einem Endchen 
aufgerissener Rückenansicht — lässig, oberflächlich 
alles; dabei aber ein Gesichtchen, rosig und frisch, zwei 
Reihen entzückender Zähne, zwei schalkhafte braun 
graue Augen und einen Mund, der zum Küssen geradezu 
herausforderte. 
Helene hieß sie, aber Lene nannte man sie kurzweg. 
Ich auch. Das heißt, später erst. Im Anfang unserer 
Bekanntschaft, wenn wir uns „so zufällig“ begegneten, 
lächelten wir uns nur an, zuerst verstohlen, dann aber 
ganz offen und herzhaft. So ging’s ein paar Tage lang; 
als dann aber die Sonne standhaft blieb und einmal über 
Nacht einen ganzen Blumenzauber hervorbrachte, da 
benützte ich die günstige Gelegenheit und verehrte 
ihr die ersten Veilchen — ich glaube, daß ich sogar 
Verse dazu gemacht hatte. Sie errötete — ich weiß 
nicht, ob über die Blumen oder über meine Verse — 
aber sie geruhte huldvollst anzunehmen und dankte 
mir mit vielversprechendem Lächeln. Darauf sagte ich 
zu mir; avanti! 
Man weiß ja, wie so etwas sich dann weiter ent 
wickelt — es ist ja wohl immer dieselbe Geschichte. 
Wir liebten uns . . Es war wirklich rührend, denn sie 
sorgte für mich, als sei ich ihr Pflegling, und ich ließ mir 
alle diese kleinen Aufmerksamkeiten gefallen; sie boten 
mir tausendfache Anregung, und ohne diese erste Liebe 
hätte ich niemals meinen ersten Band Gedichte heraus 
gegeben, was doch für die Literaturgeschichte ein Ver 
lust gewesen wäre. 
Also wir liebten uns . . . Sie war ein neckisches Ding, 
der rechte Kobold, immer bereit zum Scherzen, am 
lustigsten aber, wenn wir beide keinen Heller hatten. 
Und das kam recht oft vor, zu oft; denn sie liebte 
nicht nur mich, sie liebte auch den Frühling und liebte 
auch all die jungen Gemüse, die der Saisonanfang bringt. 
Ach, wenn ich noch daran denke! Diese Koteletts 
mit Spargel, diese Portionen Blumenkohl und Schoten 
und Karotten, und dann diese Maibowlen — o, sie hatte 
immer einen gesunden Appetit, die gute Lene. 
Und dabei mein Monatswechsel so knapp bemessen, 
und niemals ein Honorar für all die schönen, schönen 
Gedichte — o, es gab auch recht trübe Tage in unserem 
Liebesglück. 
Aber was auch kam, Lene verstand es trefflich, mir 
die Falten von der Stirn zu küssen, und wenn ich wirk 
lich einmal in Sorgen war, dann fuhr sie mir mit beiden 
Händen durchs Haar und bat und schmeichelte, bis ich 
mich hinsetzen und ihr die neuesten Poesien vorlesen 
mußte. Dann war alles vergessen, sie saß mir zu 
Füßen, stützte ihr Köpfchen auf meine Knie, hörte mit 
stummer Andacht meine Verse an und ließ den träu 
menden Blick durch den blauen Äther schweifen, im 
Reiche unserer Phantasien lebten wir dann, durch 
sonnige, blumige Gefilde wandelten wir, umjubelt von 
millionenstimmigem Lobgesang: Freude und Friede und 
endlos seliges Glück umschwebte uns , . . 
So entschwand uns der Frühling und Sommer, sechs 
Monate, wie ich sie nie im Leben wieder durchgekostet 
habe. 
Dann war das Semester zu Ende und ich mußte nach 
Hause zu meinen Angehörigen. 
O, dieser Abschied. 
Eine heiße Augustnacht. Mondlicht über der 
schlummernden Welt, drückende Schwüle erfüllte die 
Luft und im Wald klagten die Nachtigallen, 
Da preßte sie sich eng an meine Brust, umschlang 
meinen Hals und erstickte mich mit Küssen. 
Am nächsten Morgen war ich fort. 
Ich hatte versprochen zu schreiben, ich besann mich 
anders. Was sollte das? Am besten schon, man ver 
gißt und läßt die Zeit als Heilmittel wirken. 
Ich schrieb nicht, und da sie meine Adresse nicht 
kannte, bekam auch ich keinen Brief. Ich bezog im 
Herbst dann eine neue Universität und wollte die 
Dummheit vergessen. 
Aber es war umsonst — so viel ich auch büffelte, so 
energisch ich jede Erinnerung in mir todschwieg, um 
sonst, — der Gedanke an Lene war stärker, — und
        
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