Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 24 
Jahrg. 2<S 
14 
wirrende Frau, die in jeder Umarmung immer aufs neue 
vom angstvollen Mädchen zum feurigen Weibe werden 
mußte. Sie zwitscherte und plauderte, blieb stehen, ent 
zückte sich an hundert Dingen, ein zauberhaft leben 
diges Kind; und er hörte nur zerstreut zu, zog sie unge 
duldig von den Auslagen fort, streifte sie mit ebenso 
besitzheißen wie unzufriedenen Blicken; und dies alles 
reizte mich, ihnen zu folgen, ihre Unterhaltung auf 
zufangen und besonders an der süßen, zarten Frau meine 
Junggesellenphantasie spielen zu lassen. Nun, es war 
nicht gerade Unterhaltung, die sie pflegten. Er sprach 
kaum ein Wort, und sie plauschte nur von den Herrlich 
keiten, die sie in den Fenstern sah. Sie wünschte sich 
einfach alle. Diese Wohnungseinrichtung, diese ganze 
Auslage mit Perlen und Brillanten, diese fünf wunder 
vollen Pelze und sämtliche Rodelkostüme des nächsten 
Fensters. Sie war ein holdes, naives Kind, aber auf die 
Länge wohl doch ein bißchen zu unbedeutend und harm 
los. Und ich bedauerte schon ihren schönen, finsteren 
Mann. 
Ich beschloß, das Paar aufzugeben und interessantere 
Objekte zu suchen, als ein besonders heller Aufschrei 
der jungen Frau mich noch einmal fesselte. Sie standen 
vor dem tiefen Fenster einer Modistin, das als weiß- 
goldner Louis XVI. — Salon ausgestattet war. Auf einem 
Tisch in der Mitte stand als einziges Stück der ganzen 
Auslage ein Hütchen, offenbar ein Wunder der Hüte 
kunst, denn die junge Frau geriet in einen Paroxismus 
des Entzückens. 
„O“, rief sie, „sieh, Ferdinand! Der erste Frühlings 
hut! Ganz aus hellen Veilchen auf Goldgaze. Hast du 
schon jemals so etwas Entzückendes gesehen? Ach, 
wenn ich den hätte —“ Und da verging sie völlig in 
Sehnsucht, Begeisterung, Schmerz und Wonne. Ihr Ge 
sicht enthielt Verklärung und Entsagung zugleich; sie 
sah den Himmel offen und fühlte ihre Erdenschwere: 
ein Engel streifte ihre Stirn, und an ihrem Knie grinste 
Satan .... 
Wirklich, war es nicht Satan, der mir jetzt einen Ge 
danken der Hölle eingab? Aber mir schien es damals 
Eingebung des Engels. Mich rührte und lächerte zugleich 
die Verzückung der schönen, kleinen Frau, es floß mir 
heiß durchs Herz ein väterliches Gefühl, ein Schulbuben 
übermut, eines Verliebten Frohmut und Freude, der Ge 
liebten Wunsch erfüllen zu können. 
Also folgte ich den beiden sorgfältig und ungesehen 
durch einen großenTeil der Stadt bis an eine stille Ufer 
straße. Dort verschwanden sie in einem düsteren und 
gewaltigen Mietshause. Ich erreichte das Tor, indem ich 
noch ihre Schritte auf der Stiege vernahm. Ich hörte 
oben eine Knabenstimme „Guten Abend“ sagen, dann 
sprang ein Junge in den Torweg. Ich hielt ihn an und er 
fuhr im nächsten Augenblick, daß das der Herr Buch 
druckereibesitzer Huber mit seiner Frau gewesen wäre. 
Fünf Minuten später brachte mich ein Auto nach 
jenem Laden, in dessen Auslage der Veilchenhut die 
junge Frau so hingerissen hatte. Ich kaufte ihn mit drei 
Worten, gab die Adresse der Frau Huber, Kanalstraße 7, 
und schrieb auf einem zierlichen Tischchen, halb ver 
wirrt von dem holden Frauentand um mich, eine Karte: 
„Du Schönste, Liebste, in diesem Hut sollst du am ersten 
Frühlingstag zu mir kommen. Es vollendet mein Glück, 
deine Wünsche zu erraten. Du bist mir das Höchste, 
was Mensch dem Menschen sein kann: Sehnsucht, 
Traum, Schönheit. Ich liebe dich, ich bete dich an. Der 
Deine.“ 
Dann gab ich Auftrag, den Hut am nächsten Tage 
hinzuschicken, vormittags, denn sie sollte allein sein, 
wenn das Wunder geschah, daß ein unbekannter Lieben 
der ihren Traum erfüllte. Und söhr beglückt, froh 
meines Einfalls, ging ich. 
Ich vergnügte mich damit, mir vorzustellen, was alles 
an Aufregung, Entzücken, Eifersucht, Ratlosigkeit es in 
dem kleinen Haushalt des Herrn Huber geben würde. 
Wie würde die schöne Frau den Besitz des Hutes er 
klären? Würde sie das Briefchen vorweisen? Aber 
dann seine Eifersucht, obschon diese Offenheit ihre Un 
schuld beweisen würde. Vielleicht hielte er es für be 
sonderes Raffinement! Oder würde sie den Hut wohl 
verstecken müssen? Die ersehnte Herrlichkeit besitzen 
und nie den neidischen Freundinnen enthüllen? Das 
süße Hütchen im Kasten bergen und nur heimlich sich 
an ihm freuen, bei verschlossenen Türen ihn auf 
probieren, vor dem Spiegel sich wiegen? Oder würde sie 
ihn vernichten — aus Angst vor dem Gatten? Und 
dann, ihr Raten, Suchen, Beben: wer ist es? Konnte 
nicht an jeder Ecke der unbekannte Anbeter stehen, 
hervortreten, stammeln: „.Da bin ich — o, liebe mich . .“ 
Konnte nicht jede Post einen furchtbaren, wunderbaren 
Brief bringen, wieder ein Bote einen Pelz, eine Perlen 
schnur, seidene Strümpfe —? Lebt der Unbekannte im 
selben Haus, nebenan, visavis den Gartenfenstern in 
jener prächtigen Villa, deren Park sie von oben mit 
genossen? War sie in all ihrem Tun nochunbeobachtet? 
Schon liebte sie ihn, brannte nach ihm. Sie liebte — 
zum ersten Male —, war erwacht, fühlte, daß sie Frau 
war, angebetet, begehrt, Gegenstand von Sehnsucht, 
Dichtung. Alle Mädchenträume erfüllten sich: mitten im 
Roman stand sie, erlebte schaurig,herrlich es Abenteuer, 
wonnige Gefahr lauerte, es gab entsetzliches Geheimnis 
vor dem Gatten, sie betrog ihn fürchterlich und — war 
doch treu! Keine Sünde, nicht einmal Unrecht ward be 
gangen, kein Ehebruch belastete ihr zaghaftes Gewissen, 
von keinem Rendezvous kehrte sie angstvoll zurück. 
Und erlebte doch das große Abenteuer des Lebens in 
ganzer Fülle. 
So malte ich mir aus, wie ich ein armseliges Frauen 
dasein wunderbar bereichert hatte; lachte, wenn ich an 
Eifersuchtsanfälle des finsteren Gatten dachte; lobte 
mich, daß ich mit diesem netten Einfall ein bißchen 
farbiges Schicksal gespielt hatte — und vergaß dann 
eigentlich die ganze Geschichte. 
Nur ein Zufall — aber nun meint ihr ja, daß es nicht 
Zufall gibt, sondern nur unbewußte Direktiven unseres 
Willens — also denn: nach drei Tagen brachte mich un 
bewußte Neugier, unbehagliches Gewissen in die Nähe 
jener Uferstraße. Ich erinnerte mich, spazierte langsam 
dem bewußten Hause zu, im Morgensonnenschein, und
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.