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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Ja.hrff. SS 
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Der Wortsammler 
HANS BACHWITZ 
emigius Kranewitt, ein junger Mann 
von äußerst blonder Haltung, war 
nicht nur Ästhet, sondern lebte und 
webte auch danach. Jenseits aller Reali 
täten dieser Welt war er in die Idylle 
einer Philosophie eingesponnen, dered 
oberster Grundsatz „Nie daran 
rühren!“ war. Nicht nur, daß er seine 
sehr gepflegten und zärtlich ver 
wöhnten Hände dauernd in weiches säxnisches Leder 
hüllte, er trug vor allem auch seelisch Handschuhe. 
Jedweder geistigen Richtung hingegeben, die nur 
irgendwie künstlerische Erfüllungen möglich machte, 
fristete er zwischen alten Drucken, Inkunabeln, wert 
vollen Bildern, feinem, alten Hausrat ein Dasein, das 
infolge beträchtlicher väterlicher Erbschaft den zer 
störenden Rost der Alltagssorge nicht kannte. Treib 
hausartig entwickelte sich sein Geist und die Neigung 
zu Geistigem gleich letzter Vollendung in einem 
Orchideengarten der Schönheit. 
Nicht nur die bildende, malende, tönende Kunst 
schmückte diesen Garten — Remigius Kranewitt betete 
das Wort an. Nicht das profane alltägliche Umgangs- 
und Verkehrswort, auch nicht das Wort, dessen sich 
die Dichter bedienen, die Politiker, die Philosophen, 
sondern das Wort als Seltenheitswert. Wo immer er 
in alten und hypermodernen Schmökern eine Banalität 
in Form noch nicht oder kaum vorhandener Ausdrucks 
bizarrerie fand, zwickte er den Fund mit feiner 
Pinzette heraus und verleibte ihn seiner Sammlung ein. 
Diese bestand aus vielen, schmalen, in Antilopenleder 
gebundenen Heften, und jedes Heft trug auf goldenem 
Rückenschild die Kategorie der Begriffe, in die der be 
treffende Wortschatz gehörte. Z. B. „vom Lenzlichen“, 
„von der Liebe“, „von Wolken und Sonne“, vom 
„Wind“ usw. Die ganze Bibliothek hieß „Vokabular 
des Gipfels“, und ein berühmter Psychiater, der sie auf 
Betreiben von Kranewitts Familie einmal diagnostisch 
zu untersuchen hatte, mußte über ein Jahr in eine 
Nervenheilanstalt. 
Aber es genügte dem ästhetischen Ehrgeiz des 
Remigius nicht, nur von fremden Bäumen zu pflücken. 
Er züchtete selber Worte. In die Ecke eines daunen- 
gepolstcrten Lehnstuhls geschmiegt, der Huysmanns 
gehört haben sollte, starrte er in das grüngoldene Feuer 
eines merkwürdigen Getränkes, das er selbst erfunden 
hatte, und das, genossen, zu sofortigem Tod infolge 
r.kuter Alkoholvergiftung führen mußte. Regimius 
trank nicht davon — beileibe! Tod war der Erbfeind 
alles Schönen! —, er berauschte sich durch den Anblick 
und geriet in die hymnische Stimmung, deren er be 
durfte, um die Dinge beim absolut falschen, aber desto 
schöneren Namen zu nennen. Allabendlich von 
8—10 Uhr saß er dort und starrte in das grüngoldene 
Gift, und was es ihm schenkte, trug er in einen 
Folianten mit einer Umhüllung aus altem Kirchensamt 
ein. 
In diesem Zustande passierte ihm das Weib! Wohl 
war Remigius davon unterrichtet, daß es Frauen und 
Mädchen gab. Wohl hatte er aus den Begeisterungen 
einer gewissen, inferioren Literatur Kenntnis von der 
peinlichen Wirkung gewisser Beziehungen. Aber streng 
und unerbittlich in allem, was mit rein geistigen Mitteln 
nicht zu bewältigen war, hatte er es stets abgelehnt, 
dem Komplex „Weib“ anders als verbal gegenüber 
zutreten. 
Klärchen Hühnerkrall war die Tochter ehrbarer 
Leute, die in einer Vorstadtstraße teils dem Handel 
mit .gemischt n Waren, teils der Zucht von echten 
Harzer Kanarien-Edelrollern oblagen. Die Freude 
ihrer Jugend, der Stolz ihres Alters war besagtes 
Klärchen, das in Form einer schönen und sittsamen 
Jungfrau blühend heraufwuchs. Schon bewarb sich ein 
ehemals königlicher Feldmesser und ein auf Probe an- 
gestellter Hilfslehrer in Latein und Griechisch um ihre 
niedliche Fland, aber Mutter Hühnerkrall steckte das 
fünffach bereifte Kinn wuchtig in den Halsausschnitt, 
pfiff durch dieLippen und sagte „Pih — unsere Kläre — 
da muß was aus ’n andern Sortiment kommen!“, und 
Vater Hühnerkrall stand vor den Brutkästen und er 
widerte: „Wie du meinst, Mutter!“ Und dann pfiff 
er auf einer kleinen Flöte den Rollern solange echte 
Kanarientöne vor, bis die sie nachmachten. 
Eines Morgens fuhr Remigius in seinem wunder 
vollen Bugatti, dessen Karosserie wüstefarben lackiert 
und mit pfauenblauen Polstern versehen war, durch den 
Stadtpark. Er hatte tags zuvor etwas zu lange in die 
grüngoldene Karaffe gestarrt und eine sehr schlechte 
Nacht gehabt. Dabei war die geistige Ausbeute dieser 
Mühen gering gewesen. Ein einziges Wort zappelte ihm 
im Netze. „Tantalusierinnen!“ Er verstand 
darunter die Göttinnen aus Lust und Feuer, die den 
Sterblichen locken und fliehen, und er hatte eine Vor 
stellung von Andalusierinnen und Männern, die 
Tantalusqualen litten. 
Während er das, in den Bugatti gelehnt, mißmutig 
überdachte, schrie jäh die Hupe auf. „Weibsbild, 
damisches!“ brüllte der Chauffeur und trat auf Bremse 
und Kupplung. Gerade noch schlüpfte ein allerliebstes 
Etwas im weißen Musselinkleidchen, rotem Toque und 
schwarzem Bubikopf vorbei. Klärchen Hühnerkrall. 
Remigius befahl dem Chauffeur, blaß über dessen 
brutalen Schimpf und entschlossen, ihn noch heute zu 
entlassen, zu halten und der Dame seine Entschuldi 
gung zu machen. „Daß i net lach!“ entgegnete der 
Rebell am Steuerrad, „mag‘s ( doch aufpassen, die 
terrische Gans, die terrische!“ uemigius war einer 
Ohnmacht nahe, aber schon rief Klärchen vergnügt 
lachend: „Der Mann war ja im Recht! loh brauch ja 
nicht so über die Straße zu träumein! Aber ein grober 
Kerl ist er schon!“ Darauf nahm der Chauffeur die 
Kappe ab und murmelte „Pahdong!“, und Remigius 
stieg aus dem Bugatti, ging zu der Dame, verneigte 
sich, nannte seinen Namen und fragte, ob ihm die 
Gnädige das Vergnügen und die Ehre erweisen wolle, 
ihr Wegziel zu nennen. Sie werde von dem Schreck 
angegriffen sein und . . • 
„Kein Spur“, lachte das Klärchen, „aber in dem 
feinem Schnauferl führ ich ganz gern ein bissei mit!“ 
.Dank für die Auszeichnung! ‘ meinte Remigius und 
öffnete den Schlag. 
„Ich möcht lieber beim Schafföhr, wenns Ihnen nix 
ausmachtf“ erwiderte das Klärchen, und dann sauste 
der Bugatti auf weichen Federn der Vorstadt zu, in der 
die alten Hühnerkralls hausten. 
So begann es, daß Remigius Kranewitt das Weib 
passierte. Denn er geriet in der Folge in einem Zu 
stand, der von jeher nur mit einem Worte bezeichnet 
werden konnte, an dem nicht zu drehen und nicht zu 
deuteln war: in den Zustand der Verliebtheit! 
Nachdem er die zweifelhafte Freude genossen hatte, 
den Eltern Klärchens vorgestellt worden zu sein, 
jagte er nach Hause und versank in völlige Weltver 
lorenheit. Und so beängstigend wurde seine Stimmung, 
daß er wie ein vernünftiger Mensch mit sich selber 
sprach und immer mehr zu der Überzeugung kam, hier 
könne nur zweierlei helfen: Heirat oder Selbstmord. 
Aus gewissen Gründen entschloß er sich zunächst für
        
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