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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

M. 24 
Jakra 28 
8 
„Liebe Freundin“, sagte ich zu Madame Copieux, „Sie 
haben ganz recht daran getan, die Polizei zu ver 
ständigen , . . Aber ich habe nur eine sehr geringe Zu 
versicht in die Geschicklichkeit der Lokalpolizisten von 
Biarritz. Möchten Sie mir erlauben, daß ich mich privat 
mit dieser Sache befasse? Natürlich als Dilettant . . . “ 
„Ich bin Ihnen tausendmal zu Dank verpflichtet, lieber 
Freund . . . umsomehr, als ich mich allein in Biarritz 
befinde . . . Bieten Sie alles auf, um mein Halsband zu 
finden . , . Ich habe das Gefühl, als wäre eine Frau im 
Spiel . . , und mein Gefühl hat mich selten betrogen." . . 
★ 
Ich hatte in Gesellschaft von Madame Copieux den 
Kaffee eingenommen und stand dann aut: 
„Entschuldigen Sie mich jetzt . . . die kleine Unter 
suchung, die ich beabsichtige, ruft mich in den zweiten 
Stock.“ 
Es war mir nicht schwer, oben jenes Stubenmädchen 
anzutreffen, das den Dienst bei Madame Copieux be 
sorgte. Ich führte die hübsche Carlotta in das Zimmer 
ihrer Herrin und drückte ihr einen Geldschein in die 
Hand, wobei ich sagte: 
„Mamsell Carlotta, möchten Sie mir einige Auskünfte 
über die Personen geben, die in nächster Nähe des 
Zimmers von Madame Copieux wohnen? Wer befindet 
sich in dem Zimmer zur Linken?“ 
„Ein Amerikaner, Mister Daniels, glaube ich“ . , . 
„Ist er seit längerer Zeit im Hotel?“ 
„Nein, er ist vor einigen Tagen gekommen, wegen 
eines Tennismatchs . . . Mister Daniels ist ein junger, 
sehr eleganter Mann, sehr sportlich, wenn ich nach den 
Hanteln und anderen Turngeräten schließen darf, die 
sich in seinem Zimmer befinden.“ . . . 
„Und wer wohnt zur Rechten?“ 
„Herr und Frau Letillac . . . aus Paris!“ 
„Das ist alles, was Sie über dieses Paar wissen? Was 
sind es für Leute?“ 
„Oh ... es sind wahre Turteltauben ... so oft ich in 
das Zimmer komme, sind sie im Begriffe, zu Schnäbeln.“ 
„Was ist Ihre Meinung betreffs dieses Diebstahls? 
Haben Sie Mister Daniels in Verdacht . . . oder das 
Ehepaar Letillac?“ 
„Oh, mein Herr . . . weder der eine noch die andern! 
Wenn jemand der Schuldige ist, so ist er sicherlich nicht 
unter den Nachbarn von Madame Copieux zu suchen!“ 
Ich dankte der Zofe und holte dann in der Direktions 
kanzlei einige ergänzende Erkundigungen ein, worauf ich 
einen Spaziergang in Biarritz machte. Ich begab mich 
der Reihe nach zu allen Juwelieren der Stadt und stellte 
ihnen eine Frage, die meiner Meinung nach in einem 
gewissen Zusammenhänge mit dem Diebstahl stand. In 
einem der Geschäfte erhielt ich eine Antwort, die mich 
ziemlich befriedigte. Ich begab mich dann in das Hotel 
zurück, setzte meine Untersuchungen fort und dinierte 
dann mit Madame Copieux, der ich erklärte: 
„Teure Freundin ... ich muß Ihnen einen etwas son 
derbaren Vorschlag machen. Wollen Sie, daß wir für 
eine Nacht unsere Zimmer tauschen? Sie werden im 
dritten Stock schlafen, während ich Ihr Zimmer in Be 
schlag nehme.“ 
Madame Copieux war sehr erstaunt. Aber sie willigte 
sofort ein und fragte mich halblaut: 
„ . . . Andre . , . verfolgen Sie eine bestimmte Spur?“ 
„Ja und nein . . . auf alle Fälle will ich einen Versuch 
machen.“ . . . 
★ 
Nach neun Uhr abends bezog ich meinen Posten, 
während sich Madame Copieux höchst neugierig in mein 
Zimmer zurückgezogen hatte. Um keinen Verdacht zu 
erwecken, war sie eine Viertelstunde früher in pracht 
voller Abendtoilette in der Halle erschienen, so daß die 
Gäste glauben mußten, sie würde sich in den Kursaal 
begeben. Dann war sie auf der Hintertreppe heimlich 
zurückgekehrt . . . 
Ich mußte lange warten, in einem großen Lehnstuhl 
verborgen. Das Zimmer war finster, nur die Lichter 
vom Strande schufen ein Dämmern, an das sich die 
Augen allmählich gewöhnten. Die Stunden verflossen 
mir sehr langsam. Endlich, gegen halb zwölf, vernahm 
ich ein leises Geräusch an der Tür. Das Schloß kreischte 
ein wenig, der Türflügel schob sich auf und fch sah, wie 
ein Mann geräuschlos in das Zimmer glitt. 
„Flände hoch!“ rief ich, während ich mit der Rechten 
den Revolver gegen den Eindringling hob und mit der 
Linken das elektrische Licht aufflammen ließ. 
Der Mann fuhr entsetzt zurück, hob beide Hände 
empor und stammelte: 
„Mein Herr . . . ich flehe Sie an . . . machen Sie keinen 
Skandal . . , Ich kam, um meinen Fehlgriff gutzumachen. 
Sie glauben mir nicht? . . . Ich bitte Sie . . . ich halte 
meine Hände erhoben ... Sie können ruhig in die rechte 
Tasche meines Hausrockes greifen . . . Sie werden das 
Halsband darin finden . . . ich wollte es zurückbringen . , 
ich hatte es mir diesen Morgen ausgeliehen ..." 
Die Stimme des Mannes klang so aufrichtig, daß ich 
keinen Augenblick zögerte. Ich griff in seine Tasche 
und fand in der Tat das Perlenhalsband von Madame 
Copieux. 
„Sie sind Monsieur Letillac, nicht wahr?“ fragte ich. 
„Ja, mein Herr . . . Und Sie? Zweifellos ein Detektiv? 
Um Gottes willen, hören Sie mich an, ehe Sie mich ver 
haften lassen . . . ich bitte Sie . . . Lassen Sie sich er 
reichen ... ich bin kein Dieb ... ich wollte auch nicht 
stehlen . . . Kurz gesagt ... ich bin verheiratet . . . ich 
verlor die Mitgift meiner Frau in einer unglücklichen 
Spekulation , . . Man hatte mir ein sehr gutes Geschäft 
in der hiesigen Gegend angeboten . . . Wir sollten heute, 
meine Frau und ich, in Bayonne mit meinen künftigen 
Aktionären zu Mittag speisen . . . Aber man mußte den 
Leuten sozusagen einen Reichtum vortäuschen, den wir 
nicht mehr besitzen . . . wir mußten reich scheinen , , . 
Begreifen Sie mich? Meine Frau hatte mir die Idee ge 
geben, bei den hiesigen Juwelieren ein Perlenhalsband 
zu entlehnen. Sie hatte mir gesagt: „Wenn die Leute 
sehen, daß ich für 200 000 Francs Perlen am Halse trage, 
werden sie Vertrauen zu dir haben“ .... Natürlich 
wollten die Juweliere ohne Sicherstellung und Pfand 
nichts wissen . . ■ Und so . . . ich hatte das herrliche 
Halsband bemerkt, das die Dame dieses Zimmers auf 
den Kaminsims gelegt hatte . . , von dem Balkon meines 
Zimmers aus konnte ich das Kollier sehen . . . und ich 
hatte es schon früher bei Tische bewundert . . . Ich 
entschloß mich, das Schmuckstück zu entlehnen . . . das 
Fenster stand offen . , . ich bin ein guter Turner . . . 
Meine Frau trug es heute am Halse, in Bayonne . . . das 
Geschäft wurde abgeschlossen . . . und gerade in dem 
Augenblick, da ich die Perlen zurücktragen will, die mir 
Glück gebracht hatten . . . stürzt alles in Trümmer . . . 
ich beschwöre Sie . . . haben Sie Mitleid mit mir . . . “ 
Monsieur Letillac weinte, und ich war wider Willen 
gerührt über seine Verzweiflung, Er betrachtete mich 
mit den Augen eines Mannes, der im Begriffe ist, zu er 
trinken ... er wollte sich mir zu Füßen werfen . . . Ich 
hielt ihn durch eine Handbejwegung zurück und sagte: 
„Mein Herr . . . wir haben uns nie gesehen und werden 
uns nie mehr sehen . . .. Sie werden jetzt diese Tür be 
hutsam von außen schließen . . , Wenn Ihre Frau aus 
dem Kasino heimkommt, werden Sie ihr sagen, sie möge 
an die Geschichte mit dem Perlenhalsband nicht mehr 
denken . . . “ 
„Oh, mein Herr . . . meine ewige Dankbarkeit 
„Was mich betrifft, so werde ich dem Opfer Ihrer . . . 
Unklugheit sagen, daß ich das Zimmer sorgfältig abge 
sucht habe und dabei das Halsband zwischen dem 
Teppich und dem Parkett eingerollt fand . . . Gute 
Nacht“ ...
        
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