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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr, 24 
Jafirg. 28 
6 
mal schallte ein Lied durch die Dämmerung — das 
Bundeslied, das sie kannte von Kindesbeinen an: 
Nieder mit den Tyrannen! 
In den Tod mit den Tyrannen! 
Mitten in das Lied hinein krachten dumpfe Schläge 
gegen das eiserne Tor. Klirrend zertrümmerten Fenster 
scheiben; der Klang von Beilen, Spaten, Spitzhacken 
hallte bebend durch das Mauerwerk. 
Ein Schuß krachte. 
Ein gellendes Geheul antwortete. Und dann knatterte 
es plötzlich von allen Seiten. Heulende Schmerzens- 
schreie hier und drüben; ein fürchterlicher Krach wie 
von einer Explosion; der Luftdruck warf die Lauschende 
gegen die Mauer. 
Sie raffte sich auf, mit stockendem Atem, und zwängte 
den Kopf ein kleines Stück durch die enge, vergitterte 
Fensteröffnung. Eine Rauchwolke stieg dort draußen 
durch die klaffende Mauerlücke; dort lagen die 
schweren Torflügel geknickt, zerfetzt, am Boden. Und 
jetzt sah sie, wie eine rasende Menschenmenge, Männer 
und Frauen, durch die Mauerlücke in den Hof quoll. 
Das Durcheinander der Stimmen erhob sich von 
neuem und schwoll zu einer entsetzlichen Sinfonie an. 
Lauschend unterschied sie einzelne Worte. Und auf ein 
mal . . . auf einmal hörte sie ihren eigenen Namen . . . 
Blutunterlaufene, wutfiebernde Augen irrten an den 
endlosen Fensterfronten entlang. Irgendeiner mochte sie 
erblickt haben. Er deutete mit den zitternden Händen 
zu ihr empor. Wieder gellte ihr Name durch die Luft, 
und dröhnend, polternd und schreiend stürmte die 
Menge in das Haus hinein. 
Was wollten diese Menschen? Sie erinnerte sich der 
Worte des Direktors. Verdächtigte man sie . . . hielt 
man sie für eine Verräterin? Kam man, sie zu lynchen? 
Die Todesangst kroch langsam an ihrem Leib empor 
und legte sich klammernd um ihre Brust . . . wie eine 
ungeheure, entsetzliche, giftige Spinne. Ihr Atem 
stockte; von ihrer Stirn ■ rann in Strömen der kalte 
Schweiß nieder. Einen Augenblick setzte ihr Herz aus, 
dann begann es wie irrsinnig gegen ihre Brust zu 
pochen, als ob es die abgezehrte Hülle sprengen wollte. 
Es kam näher. 
Der ganze Korridor war erfüllt von dem Toben und 
Dröhnen und Schreien. Aus dem Höllenlärm drang 
immer wieder ihr Name. Sie griff mit der Hand nach 
dem Herzen und faßte taumelnd nach der Lehne des 
Stuhles. Ihr Herz hüpfte wie ein zerbrochenes Uhr 
werk. Plötzlich setzte es wieder aus . . . und wie vom 
Blitze gefällt fiel sie zu Boden. 
Ein Dröhnen war um sie herum. Wie im Traum 
drangen die tobenden Stimmen an ihre Ohren. Sie hob 
den Kopf ein wenig und lauschte . . und auf ihre Züge 
trat der Ausdruck eines grenzenlosen, fassungslosen 
Staunens . . . deutlich hörte sie, wie eine Frau schrie: 
„Wir wollen zu Anna Antos ja . . . wir müssen zu 
ihr . . . wir wollen Anna Antosja Teschkoff retten..“ 
Und wie im Chor fielen andere Stimmen ein: „Befreit 
sie! Rettet sie! Anna Antosja . . unsere Märtyrerin. !“ 
Sie hob sich ein wenig empor und über ihr Antlitz 
huschte es wie ein überirdisches Lächeln. Nein . . . 
w T as da von draußen hereindräng, das war nicht der 
Tod . . . nein, nein . . , das war die Rettung . . . das 
Leben . . . Sie wollten sich aufrichten. Mit einem 
dumpfen Laut sank sie zurück. 
Polternd krachte die Tür aus ihren Angeln auf den 
Korridorfußboden nieder. Ein Menschenknäuel wälzte 
sich in die enge Zelle. 
„Dort liegt sie!“ 
Hände streckten sich nach ihr aus und zogen sie be 
hutsam empor. Einer faßte nach ihren kalten Händen 
und sah ihr forschend und zweifelnd in das bleiche 
Gesicht . . . 
Plötzlich trat eine tiefe Stille ein. Dann sagte eine 
zitternde Männerstimme leise: 
„Sie ist tot!“ 
Der Hoteldieb 
FRANZ FARGA (WIEN) 
ls ich in die Halle des Palace-Hotels 
hinabstieg, bemerkte ich sofort, daß 
sich irgendetwas Ungewöhnliches er 
eignet haben mußte. Die Gäste stan 
den in Gruppen zwischen den röt 
lichen Marmorsäulen herum und dis 
kutierten lebhaft. Der Hoteldirektor 
und die Kellner liefen hin und her, 
und plötzlich sah ich Madame 
Copieux aus dem Hotelbureau herauskommen. Sie war 
bleich und schien sehr erregt zu sein. Ich stürzte auf 
sie zu. 
„Was fehlt Ihnen, teure Freundin?“ 
Sie zog mich nach der Terrasse, die auf den herrlichen 
Badestrand von Biarritz hinausging. 
„Man hat mir mein Perlenhalsband gestohlen“, er 
klärte sie mir, mit ziemlich unsicherer Stimme. „Ein 
herrliches Halsband. ... 88 Perlen, auf mehr als 
250 000 Francs geschätzt... Es war ein Geschenk meines 
ersten Gatten 1 ... Es ist unerhört . . . ich bin ganz außer 
mir!“ 
„Gestohlen! Sind Sie auch sicher, daß man es ge 
stohlen hat?“ 
„Ganz sicher ... ich habe es gestern, als ich aus dem 
Kasino nach Hause kam, auf dem Kaminsims nieder 
gelegt . . . Heute morgen befand es sich noch auf diesem 
Platze , . . gegen neun Uhr. .. . ich verließ das Zimmer, 
um zu dem Hotelfriseur zu gehen, und habe vorsichts 
halber das Zimmer abgeschlossen und den Schlüssel zu 
mir gesteckt ... als ich gegen elf Uhr zurückkam, war 
das Halsband verschwunden 
„Es ist hier ( also ein Hoteldieb? Vielleicht der 
Zimmerkellner ?“ 
„Einer oder der andere . . . ich habe sofort die 
Direktion verständigt, die nach der Polizei tele 
phonierte.“ . . • 
„Haben Sie die Kammerzofe ausgefragt?“ 
„Sie behauptet, daß sie das Zimmer nicht betreten 
habe. Die Saison ist mir gründlich verdorben . . . Ein 
so schönes Halsband, das mir über alles teuer war, 
teurer als mein ganzer übriger Schmuck . . . Denn es ist 
erstaunlich, daß ich auf dem Nachttisch zwei Spahir- 
ringe und drei Armbänder mit Brillanten liegen ließ, von 
nicht geringerem Werte als das Halsband . . . Aber man 
hat nur das Halsband gestohlen und ließ die anderen 
Schmucksachen unberührt.“ . . . 
„Dies ist in der Tat seltsam!“ 
„Der Hoteldieb hätte doch keine zwanzig Sekunden 
verloren, um auch die anderen Schmucksachen zu 
stehlen. . . Es ist sehr merkwürdig!“ 
Die Sache interessierte mich. Ich habe stets eine 
Vorliebe für Rätsel und geheimnisvolle Vorgänge ge 
habt. Wenn ich nicht Bank direkter wäre, würde ich 
den Beruf eines Detektivs vorziehen . . .
        
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