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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 24 
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■Freudestrahlend gab Fritz es zu und wich den ganzen 
Abend nicht von der Seite der jungen Frau, Er über 
schüttete sie mit Komplimenten und gegen zwei Uhr 
morgens riskierte er bereits ein: „Ich liebe Sie, ich 
habe Sie stets geliebt.“ Die junge Frau ließ ihn ge 
währen, aber auf seine Bitte um ein Rendezvous er 
widerte sie nur: „Morgen, mein Freund, werden Sie 
von mir hören.“ 
Er verabschiedete sich von ihr, berauscht von seinem 
Glücke. „Sie versprach damals viel“ murmelte er auf 
der Straße, „aber sie hält es bei Gott, sie hält es.“ 
Am nächsten Morgen erhielt er die versprochene 
Nachricht. Mit zitternden Händen löste er das 
Kouvert. Zwei vergilbte Blätter fielen heraus, von einer 
ungelenken Kinderhand beschrieben. Er las: 
17. Juli. Hier hält sich ein alberner Geck auf, der 
mit kurzen Badehosen in das Bad geht. — Ich würde an 
seiner Stelle diese Waden nicht präsentieren. Alle 
Welt lacht, wenn er sich sehen läßt. Er heißt Fritz 
Schröter. 
20. Juli. Der Geck schwimmt wie eine bleierne 
Ente. Heute mußte er tüchtig Wasser schlucken, der 
Bademeister holte ihn im letzten Augenblick heraus. 
Er war schon ganz blau. 
21. Juli. Warum stiert er mich nur immerzu mit 
seinen blöden, wässrigen Augen an? Er ist furchtbar 
häßlich, und der Smoking, den er mit Vorliebe trägt, 
entstellt ihn völlig. 
30. Jul i. Er folgt mir unaufhörlich. Mama meinte, 
er wäre sicher ein Hochstapler, aber Papa, der diese 
Leute vom Gericht her kennt, sagte: Dazu sieht er zu 
beschränkt aus.“ 
Hier brachen die Aufzeichnungen ab, aber in einer 
energisch ausgeprägten Damenhandschrift waren mit 
frischer Tinte folgende Zeilen hinzugefügt: 
„Das sind meine Erinnerungen an Sie, und der Ein 
druck, den Sie gestern auf mich machten, konnte sie 
nicht verwischen.“ 
RETTUNG 
PAUL ROSENHAYN 
JT W A _ ie hob lauschend den Kopf. In ihre Züge 
fV \-ZTj trat der Ausdruck einer ängstlichen 
\ Spannung. 
Durch den endlosen Korridor, an dem 
ihre Zelle lag, kamen dröhnende Schritte. 
VVgTV I Deutlich unterschied sie es: zwischen den 
VI schweren eisenklirrenden Tritten der 
kV Jf beiden Justizsoldaten war der Takt eines 
^ Dritten — leichter, federnder als jene. 
Vor ihrer Zelle machten sie plötzlich Halt. 
Ein schwerer Schlüssel drehte sich klirrend und 
rasselnd. Die Tür ging auf. Die beiden Justizsoldaten 
blieben ehrerbietig stehen; ein kleiner, breitschultriger, 
sorgfältig gekleideter Herr in schwarzem Zivil trat in 
ihre Zelle. Sie erkannte ihn, als das graue Licht aus 
dem schmalen Fensterchen über ihn rann: der Direktor. 
Er winkte kaum merklich mit der Hand; die Tür 
schloß sich schwer und langsam hinter ihm. Einen 
Atemzug lang blieb er an der Wand stehen, und seine 
grauen Augen wanderten forschend über ihre magere 
Gestalt, blieben eine Sekunde lang haften an ihren ab 
gehärmten Zügen. Seltsam, wie die frisierte Eleganz 
seiner Erscheinung abstach gegen die trostlose Mono 
tonie dieser Gefängniszelle. 
Sie blickte ihn starr an. Eine stumme Angst stieg 
in ihr auf; ihre Augen lösten sich von den seinen und 
irrten fragend und angstvoll über sein Gesicht, tasteten 
sich in fiebernder Erwartung auf seine Lippen. 
„Anna Antosja“; der Direktor ließ einen schnellen 
Blick zu ihr hinübergleiten, und sie erkannte zu ihrem 
Erstaunen, daß in der Tiefe seiner grauen Augen ein fast 
gütiges Lächeln aufglomm: „Anna Antosja . . . ich 
bringe Ihnen gute Botschaft.“ Er machte eine kleine 
Pause und zwinkerte stumm zu ihr hinüber. Sie tat 
einen Schritt auf ihn zu, und ihre durchsichtigen Hände 
falteten sich unbewußt. Der Direktor räusperte sich und 
zog ein großes Blatt Papier aus der schwarzen Tasche, 
die er zusammengefaltet in der Rechten hielt. „Seine 
Exzellenz, der Herr Generalgouverneur, hat die Gnade 
gehabt, die über Sie vethängte Todesstrafe niederzu 
schlagen, Anna Antosja, und dieselbe in eine zehn 
jährige Verbannung nach Sibirien umzuwandeln.“ 
Sie schloß die Augen und taumelte gegen die Mauer. 
Vor ihren Lidern drehte sich ein feuriger Kreis; ein 
seltsam dumpfes Summen schien in der Luft zu sein. 
Wie aus weiter Ferne drang die leise Stimme ‘ des 
Weitersprechenden zu ihr herüber: 
„Ich habe das Gesuch gern befürwortet, Anna 
Antosja. Sie waren die Verführte — ich weiß es.“ 
Er zog die Uhr. „Sie werden noch heute nacht trans 
portiert werden. Machen Sie sich bereit. Ich weiß es 
aus Erfahrung: solche Begnadigungen machen oft böses 
Blut in den Nihilistenkreisen. Man verdächtigt die Be 
gnadigten nur zu bereitwillig, ihre Begnadigung durch 
den Verrat ihrer Genossen erkauft zu haben. Darum 
wollen wir . . .“ Er hielt inne und hob den Kopf. Aus 
der Ferne kam ein seltsam schwellender Ton. Ein Klang, 
fast wie das leise Rauschen eines Wasserschwalls, der 
langsam, unerbittlich, seine Dämme überflutet. Der Ton 
wurde von Sekunde zu Sekunde lauter und drohender. 
Der Direktor pochte hart und scharf an die Tür, die 
sich gehorsam öffnete. Die Gefangene sah die bleichen, 
verstörten Gesichter der Justizsoldaten durch das 
Dämmer des Korridors schimmern. „Was gibt es 
draußen?“ hörte sie noch den Direktor fragen. Dann 
schlug die Tür zu, der Schlüssel drehte sich knirschend. 
Was die Gefragten erwiderten, konnte sie nicht hören. 
Irgendwo schlugen Türen. Über die hallenden Korri 
dore hasteten schwere eilende Schritte. Ganz in der 
Nähe klirrten Waffen; Kommandorufe gellten durch 
die Räume, dann wieder Trappeln und Türenschlagen. 
Das summende Branden draußen wuchs zu einem 
Dröhnen. Und plötzlich wußte sie’s: es waren Menschen 
— Menschenstirpmen, die durcheinander tobten, gegen 
einander schrien, übereinander gellten. Und jetzt unter 
schied sie auch das drohende Trappeln von Hunderten 
von Menschenfüßen.. Kein Zweifel; die Menge wälzte 
sich heran . . . auf die Zitadelle zu . . . 
Einer pfiff gellend. Und wie auf ein gegebenes 
Zeichen setzte ein vielhundertstimmiges, ohrenzer 
reißendes, heulendes Pfeifen ein, das drohend und Ent 
setzen kündend zu der Gefangenen hinaufgellte. 
Plötzlich, wie auf ein neues Signal, Totenstille. 
Jemand sprach. 
Sie konnte kein Wort verstehen. Aber die Stimme . . 
die Stimme kannte sie. Eben noch hatte sie sie gehört: 
es war der Direktor, der redete. 
Plötzlich setzte wieder das Pfeifen ein. Es schwoll an 
wie das Geheul einer Sirene — ohrenbetäubend, die 
Nerven bis zum Wahnwitz anspannend. Und auf ein-
        
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