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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg. iS 
,V. 24 
Wenn man ein Tagebuch führt... 
ALFRED BRIE 
' ritz Schröter schlendert« die Tauent- 
zienstraße entlang. Von einer längeren 
Geschäftsreise zurückgekehrt, betrach 
tete er wieder mit Vergnügen das groß 
städtische Leben, das allabendlich in 
dieser Hauptverkehrsader der Metro 
pole sich entwickelte. 
Plötzlich umspülte der diskrete Ge 
ruch eines französischen Parfüms sein 
Gesicht und, sich umwendend, erblickte er eine junge 
Frau in einfacher, geschmackvoller Toilette. Über 
rascht blieb er einen Augenblick stehen. Wo hatte 
er dieses pikante Gesicht schon gesehen? Einer un 
willkürlichen Eingebung folgend, schritt er in einiger 
Entfernung hinter ihr her. War das nicht Frau Berg 
heim, die junge Frau des Bankiers, von deren Schön 
heit man sich Wunderdinge erzählte? Er hatte zwar 
noch nicht Gelegenheit gehabt, sie persönlich kennen 
zulernen, aber auf einem Wohltätigkeitsfeste war sie 
ihm von einem Freunde gezeigt worden. 
Welche Erinnerungen konnten sich also an sie 
knüpfen? Vergeblich zermarterte er sein Hirn. Wie 
ein Blitz hatte es einen Augenblick die Nacht der 
Vergangenheit durchleuchtet, aber sofort hatte sich 
wieder die Dunkelheit des Vergessens über den 
lichten Moment der Erinnerung gelegt. Längst hatte 
er die Spur der schönen Frau verloren und schritt, in 
Gedanken versunken, achtlos weiter, da schreckte ein 
lautes Lachen ihn aus seinen Grübeleien. 
„Nanu, Fritz, bist du Nachtwandler geworden? 
Woran denkst du so eifrig, daß du deinen besten 
Freund anrempelst, ohne ihn zu erkennen?“ 
„Sag’ mal, Gustav“, erwiderte Fritz, noch ganz im 
Banne der schönen Frau stehend, „kennst du Frau 
Bergheim?“ 
„Na gewiß“, lachte Gustav Werner, „wer wird die 
schöne Frau Bergheim nicht kennen. Aber wie kommst 
du zu der komischen Frage?“ 
„Ich habe sie eben gesehen, und sie erinnerte mich 
an jemand oder an etwas, noch weiß ich selbst nicht, 
an was . . . Kannst du mir vielleicht etwas näheres 
über sie sagen?“ 
„Mit dem größten Vergnügen: Sie ist mit Franz 
Bergheim verheiratet und wohnt Lennestraße 62. 
Übrigens eine hochanständige Frau. — Hände we«, 
mein Lieber.“ 
„Alter Sünder, wer denkt denn an dergleichen. Aber 
sehr befriedigt hat mich deine Auskunft durchaus 
nicht. Was du mir erzähltest, wußte ich bereits, aber 
ich muß diese Frau früher gekannt haben, ich weiß 
nicht . . .“ 
„Halt“, unterbrach ihn Gustav, „wenn dies vielleicht 
deine irrende Seele erleuchten kann: bevor sie Frau 
Bergheim wurde, hieß die schöne Frau Eva Steffen.“ 
„Eva Steffen. Ich wußte ja . . . Besten Dank. Gott, 
wie lange ist das her . . . Aber jetzt auf Wiedersehen, 
Gustav, ich habe eine Verabredung.“ 
„Er ist verrückt“, brummte Gustav Werner und trat 
in das hellerleuchtete Romanische Cafe. 
Zu Hause begab sich Fritz an seinen Schreibtisch 
und kramte dort lange herum. 
„Eva Steffen“, murmelte er, fieberhaft in allen 
Papieren wühlend, „in Norderney war es, vor acht 
Jahren, sie war damals kaum sechszehn Jahre, es 
stimmt. Und wie hübsch sie in ihrem Badekostüm 
aussah, dem kurzen Röckchen und dem flatternden 
Haar. Sie hat gehalten, was sie damals versprach • • • 
Wo habe ich nur mein Tagebuch aus Norderney? 
Eine brillante Idee übrigens, mir überall meine Reise 
eindrücke zu notieren. Ich werde es durchlesen . . . 
wo habe ich es nur hingelegt . . . und mich bei näch 
ster Gelegenheit Frau Bergheim vorstellen lassen. 
Dann werde ich die alten Geschichten auffrischen, sie 
wird mich mit ihren großen Märchenaugen erstaunt 
anblicken: „Wie, Sie denken noch daran?“ — „Aber 
gewiß, meine Gnädige, schon damals liebte ich Sie.“ 
. . . Wenn das keinen Eindruck macht! . . . Hurra, 
Norderney! . . . hier ist es. Er las die vergilbten 
Blätter: 
17. Juli. Ein sonderbares Geschöpf, diese Eva 
Steffen. Die echte Berlinerin, vorlaut und altklug, 
aber hübsch und pikant. Sie lacht, sie springt, sie tanzt 
kindlich umher, und dabei flimmert ein Etwas in ihren 
Augen, das viel vermuten läßt, ein Rätsel, das man 
lösen möchte. 
2 0. Juli. Sie badet mit sechs Altersgenossinnen, 
stets in schwarzem Badeanzug, einfach aber raffiniert. 
21. Juli. Lächerlich, ich hab’ heute von ihr 
geträumt. 
3 0. Juli. Heute hatte sie einem Taugenichts, der 
sie hinterrücks umarmen wollte, eine kapitale Ohrfeige 
versetzt. Wie reizend sie in ihrem Zorne aussah. Diese 
Augen, diese Zähne. Wäre ich 20 Jahre, ich würde 
sie heiraten, aber . . . 
Fritz Schröter schloß das Buch. 
Das genügt, das schwarze Badekostüm, die Ohrfeige, 
ich habe genug, um die Vergangenheit wachzurufen, 
um ihr zu beweisen, daß ich ihrer Schönheit schon in 
den Kinderschuhen huldigte. Und vielleicht . . . Ihr 
Gatte ist ein nüchterner Geschäftsmann . . . der ge 
heimnisvolle Schimmer ihrer Augen, damals versprach 
sie etwas für die Zukunft . . . natürlich ... sie wird 
es halten. 
★ 
Acht Tage später bat Fritz Schröter gelegentlich 
einer kleinen Festlichkeit um die Ehre, Frau Bergheim 
vorgestellt zu werden. Er verbeugte sich tief vor der 
schönen Frau, sie betrachtete ihn einige Augenblicke 
schweigend, dann sagte sie lachend: 
„Fritz Schröter . • . pardon, mein Herr, aber wir 
kennen uns, nicht? Es ist allerdings schon lange her. 
War es nicht in Norderney? Ich erinnere mich nicht 
mehr genau ■ • • 
Fritz triumphierte, also auch sie hatte ihn nicht ver 
gessen! Er ließ sich nicht lange bitten und kramte 
seine Erlebnisse aus. Die junge Frau hörte zu, neu 
gierig, mit einem gewissen mokanten Lächeln. Als er 
mit leiser, melancholischer Stimme, die in Erinnerung 
an die Vergangenheit zu beben schien, das schwarze 
Kostüm und die Ohrfeige erwähnte, machte sie ihm 
über sein wunderbares Gedächtnis ein Kompliment: 
„Ja, ja, das schwarze Badekostüm ist auch heut noch 
mein Vorzug . . • und die Ohrfeige . . . wissen Sie, 
der Taugenichts von damals ist heute mein Gatte, so 
rächt sich alles auf Erden.“ 
Fritz Schröter zuckte bei dieser unerwarteten Er 
öffnung zusammen, aber Eva Bergheim fuhr 
lachend fort: 
„Gestehen Sie nur offen, Herr Schröter, Sie haben 
damals ein Tagebuch geführt, ein solches Gedächtnis 
wäre mir unheimlich. Auch ich führe ein solches seit 
vielen Jahren, auch damals in Norderney, und wenn 
ich nicht irre, ^findet sich auch Ihr Name in meinen 
Memoiren . . .“
        
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