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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 23 
Jahrfl 2S 
von der Mark annahm und durch die im Jahre 1778 
erfolgte Geburt einer Tochter wurde es nur gefestigt. 
Da starb Friedrich der Große im Jahre 1786, und 
Friedrich Wilhelm II. bestieg als vierundvierzigjähriger 
Mann den Thron. Seine erste Regierungshandlung war, 
den getreuen Rietz zum Schatzmeister zu ernennen. 
Madame Rietz aber gibt in ihrer Lebensbeschreibung 
selbst zu, von da an statt monatlich 100 Dukaten mehr 
als 300 Louisdor erhalten zu haben. Auch ließ der 
König sofort nach seiner Thronbesteigung eine be 
trächtliche Erweiterung ihres Charlottenburger Besitzes 
auf seine Kosten vornehmen. Friedrich Wilhelm hatte 
schon als Kronprinz eine besondere Vorliebe für eine 
Hofdame, namens Fräulein Julie von Voß gezeigt. Drei 
Jahre lang hatte er, unbeschadet seiner Liebe zu 
Madame Rietz, die junge Dame mit Liebesanträgen 
verfolgt, war aber stets zurückgewiesen worden. Dieses 
Fräulein wurde jetzt von ihrer eigenen Familie zur Ge 
liebten des Königs ausersehen, um die Rietz zu ver 
drängen. Nach langen Verhandlungen erklärte sich 
Julie dazu bereit, den Wünschen ihrer Familie nachzu 
geben, aber sie stellte Bedingungen, die niemals erfüll 
bar erschienen. Sie verlangte, daß Madame Rietz mit 
ihren Kindern nach Litauen verbannt werden müsse, 
daß der König mit ihr, mit Julie, ein Eheband zur 
linken Hand schließe. Der König, dem diese Be 
dingungen überbracht wurden, schlug mit Festigkeit 
die erste sofort als undiskutabel ab, über die zweite 
nahm er mit dem Konsistorium Rücksprache, das, 
unter Berufung auf die sogar von Luther gebilligte 
Doppdheirat des Landgrafen Philipp von Hessen, zu 
der Trauung zur linken Hand bei Lebzeiten der ersten 
Gemahlin die Einwilligung gab. Der neuen Gemahlin 
des Königs wurde in Potsdam eine Wohnung einge 
richtet, während sich Madame Rietz bescheiden auf 
ihre Besitzung in Charlottenburg zurückzog. Friedrich 
Wilhelm fand bei seiner zweiten Gattin aber nicht das 
Glück, das er erwartet hatte, bald sehnte er sich nach 
der heiteren lebenslustigen Genossin seiner Jugend 
zurück, die ihn auch ohne Vorwürfe mit offenen Armen 
willkommen hieß. Julie aber starb schon nach kurzer 
Ehe im Jahre 1789. Man munkelte von einer Vergiftung 
durch die Rietz, ohne dies beweisen zu können. 
Noch war Madame Rietz nicht auf der Höhe ihrer 
Macht angelangt. Unter den Hofdamen der regierenden 
Königin befand sich eine Blondine von großer Schön 
heit, die Gräfin Dönhoff, auf die des Königs Augen 
jetzt fielen. Geschickte Zwischenträger machten den 
König immer begehrlicher und die Dönhoff war bald 
mit der ihr zugedachten Rolle einverstanden. Auch sie 
folgte dem Beispiel der Gräfin von Ingenheim, welchen 
Namen Julie von Voß bei ihrer Verheiratung mit dem 
König angenommen hatte. — Das Konsistorium sagte 
„Je nun“ und am 14. April 1790 wurde in der Kapelle 
zu Charlottenburg abermals eine morganatische Ehe 
eingesegnet, während die rechtmäßige Gemahlin des 
Königs noch lebte. Aber es kam, wie es kommen mußte: 
in kurzer Zeit kehrte Friedrich Wilhelm abermals zu 
Madame Rietz zurück, während die Dönhoff zurück 
trat und in Angermünde lebte. Wilhelmine Rietz, die 
alternde Geliebte des Königs triumphierte wieder, 
fester denn je stand sie in der Gunst Friedrich Wil 
helms, die sie sich auch bis zu seinem Tode zu erhalten 
wußte. 
Im Jahre 1796 erbat Madame Rieitz die Erhebung in 
den Adelstand, die ihr auch sofort mit einem vom 
28. April 1794, also zwei Jahre vordatierten Diplom ge 
währt wurde. Sie erhielt aus besonderer Gnade vier 
Ahnen von mütterlicher und väterlicher Seite zuge 
sprochen, und Jeder, der an der Stiftsfähigkeit, Eben 
bürtigkeit und dem edlen Geblüt der neuen Gräfin 
zweifeln sollte, wurde mit königlicher Ungnade be 
droht. Zugleich wurde der Gräfin Lichtenau, wie sie 
sich jetzt nannte, die Erlaubnis erteilt, den preußischen 
Adler und die königliche Krone in ihrem Wappen 
führen zu dürfen. 
Nun war die Gräfin im Zenit des Glückes ange- 
langt. Der alternde König konnte ohne sie nicht leben 
und erfüllte alle ihre Wünsche, die täglich arroganter 
wurden. Sie wurde bei Hofe eingeführt, die Königin 
umarmte sie und beschenkte sie mit ihrem Miniatur 
bilde. „Die Lichtenau“, so schreibt ein Zeitgenosse, 
„ist außer sich und trunken von ihrem Triumphe. Sie 
kümmert sich wenig um die Besorgnisse der Freunde, 
die vor der Gewißheit zittern, daß sie nur die Rache 
der Gegner heraufbeschwor. Ihre Eitelkeit macht sie 
blind.“ Sie stürzte sich nun in den Taumel des Ver 
gnügens, unterhielt ein eigenes Privattheater, warf 
Geld mit vollen Händen hinaus, ohne an die Zukunft 
zu denken. 
Aber auch für Friedrich Wilhelm, den Vielgeliebten, 
sollte das Ende kommen. Am 16. November 1797 
schloß er die Augen für immer. 
Die Lichtenau sollte über ihr Schicksal nicht lange 
im Zweifel bleiben. Am Tage nach dem Tode des 
Königs, den sie aufopfernd gepflegt hatte, erschien ein 
Major der Garde bei ihr, um ihr die strengste Haft an 
zukündigen. Vielleicht war diese Haft das größte Glück 
für sie. Sie wurde dadurch vor der Volkswut geschützt, 
die nun zum Ausbruch kam. Tausende verwünschten 
ihren Namen, es hieß, sie habe große Summen aus dem 
königlichen Schatz gestohlen, der Leiche des Königs 
die Ringe von den Fingern gezogen, ja man behauptete, 
sie hätte den König vergiftet. Die sogleich eingeleitete 
Untersuchung ergab jedoch die Haltlosigkeit aller Ver 
dächtigungen. Trotzdem wurden ihre Güter und ihr 
Geld eingezogen, nur den Schmuck und das Silberzeug 
durfte sie behalten. Am 17. Februar 1798 wurde ihr 
Glogau als künftiger Aufenthaltsort angewiesen, den sie 
nicht verlassen dürfte. 
Ihr Roman war noch nicht zu Ende. In Glogau lernte 
sie einen jungen Schriftsteller, Franz von Holbein 
kennen, den sie mit königlicher Genehmigung im 
Jahre 1802 heiratete. Als Frau von Holbein durfte sie 
nun Glogau verlassen, wo sie fünf Jahre lang von 
Spitzeln bewacht worden war. Doch die Ehe sollte 
nicht vom Glück gesegnet sein, bald kam es zu Zer 
würfnissen zwischen den Gatten, besonders, als Hol 
bein in der Schauspielerin Betty Roose eine Geliebte 
gefunden hatte. Frau von Holbein beantragt nun 
selbst die Ehescheidung und die Ehe wurlde durch die 
Gerichte wieder getrennt. 
Inzwischen waren die napoleonischen Kriege ge 
kommen, die Franzosen standen in Deutschland. Dies 
bot der Gräfin Lichtenau, wie sie sich jetzt wieder 
nannte, die Gelegenheit, mit Hilfe Napoleons wieder 
in den Besitz der ihr durch königlichen Machtspruch 
entzogenen Güter zu gelangen. So konnte sie ihre 
letzten Tage wenigstens noch ohne Nahrungssorgen, 
wenn auch nicht in ihrem einstigen vielbeneideten 
Glanze verleben. Fast vergessen von ihren Zeit 
genossen^ ein mahnendes Bild der Vergänglichkeit, 
ist die Gräfin Lichtenau in Berlin, der Stätte ihrer 
einstigen Triumphe an den Folgen eines Leberleidens 
am 9. Juni 1820 gestorben. Ihre sterbliche Hülle ruht 
bis heute in den Grabgewölben der katholischen 
Hedwigskirche.
        
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