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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Afr. 23 
Inzwischen saß die Frau, die dies alles anging, in 
ihrem Schlosse in Charlottenburg, das früher dem 
Grafen von Schmettau gehört hatte, in einem prächtig 
eingerichteten Zimmer, mit der Durchsicht von Briefen 
beschäftigt. Alte und neuere Briefe waren es, die meist 
die Handschrift König Friedrich Wilhelms II. auf 
wiesen. Ein altes, schon brüchig gewordenes Papier 
kam jetzt zum Vorschein, der erste Liebesbrief. Dann 
ein anderes, erst wenige Jahre alt, in dem es hieß: 
„Die Stelle, die einst deinem Leben so gefährlich war, 
erregte in mir einem mit Dank gegen Gott vermischten 
Schauder. Wie herzlich freue ich mich, daß er die Ge 
fahr abwandte, die mich nicht allein um meine Ge 
liebte, sondern auch um die Freude gebracht hätte, mich 
jetzt mit einer Freundin zu unterhalten, die mir so 
teuer ist ..." — „Ins Feuer mit allen Briefen, nur mit 
diesem letzten nicht“, rief die Frau, indeß die ge 
fräßigen Flammen des offenen Kamins aufzüngelten“, 
ins Feuer mit allem Kram, der mir nur schadet, wenn 
e r nicht mehr am Leben ist.“ Und die Flammen 
leckten gierig weiter, bis nichts mehr als ein kleines 
Häufchen Asche von den Briefen übrig geblieben war. 
Die Frau hatte sich aufgerichtet, den einen, letzten 
Brief in ihrem Kleide geborgen. Sie war eine könig 
liche Erscheinung, sie, die von tief unten empor 
gestiegen war und mancher Hoftafel zur Zierde gereicht 
hatte. Vierundvierzig Jahre alt war sie geworden, und 
nun drohte ihr Stern zu sinken und im Dunkel zu ver 
löschen. Nun stieg vor ihrem geistigen Auge jener Tag 
herauf, der schon so lange zurücklag und der zu jenem 
allein erhalten gebliebenen Briefe den Anlaß gegeben 
hatte. Auf einer Reise nach Paris war es, wo in einem 
kleinen Städtchen der Champagne dem Reisewagen 
ein Unfall zustieß. Ein entgegenkommender unge 
schickter Kärrner stieß durch eine unglückliche 
Wendung mit der Deichsel seines Karrens in das 
Fenster des Reisewagens, dessen Rückwand dabei in 
Trümmer ging. Die Insassin hatte die Geistesgegen 
wart gehabt, aufzuspringen, wodurch sie der Gefahr, 
aufgespießt zu werden, entging. Dieser kleine Zwischen 
fall hinderte die Fortsetzung der Reise nur solange, bis 
der Wagen wieder ausgebessert war. Das erfolgte bald, 
und nach wenigen Tagen war Paris erreicht, Paris, die 
Stadt der galanten Welt, die nicht ahnte, daß ein 
Vierteljahrhundert später blaues Blut die Stufen des 
Schaffotts färben sollte. 
Aber noch weiter zurück in die Vergangenheit 
schweiften die Gedanken der Frau, die alternd und ein 
sam, fröstelnd jetzt am Kamine saß. Ihr Vater, Elias 
Enke, aus Hildburghausen gebürtig, war Trompeter in 
einem preußischen Regimente gewesen und später, als 
er aus dem Militärdienst entlassen worden war, in der 
königlichen Kapelle als Hornist angestellt worden. Die 
älteste Tochter Enkes, Margarethe genannt, war 
als Figurantin bei der italienischen Oper beschäftigt, 
und dort hatte das ebenso hübsche als gefällige 
Mädchen die Aufmerksamkeit des Prinzen Friedrich 
Wilhelm, des Thronfolgers, der damals noch unter der 
strengen Zucht seines Oheims, des Königs Friedrich II. 
stand, erregt. 
Prinz Friedrich Wilhelm wurde im Jahre 1744 zu 
Berlin geboren. Als er kaum das einundzwanzigste Jahr 
erreicht hatte, verheiratete der König ihn an die neun 
zehnjährige Prinzessin Elisabeth von Braunschweig- 
Lüneburg. Die Ehe war nur kurze Zeit glücklich, denn 
die Prinzessin kam bald dahinter, daß ihr Gatte die Ab 
wechslung liebte, und sie betrieb die Scheidung. 
Friedrich sorgte sofort für eine zweite Gemahlin des 
Prinzen, im Jahre 1769 verheiratete er ihn mit der Prin- 
Jahrff. PS 
zessin Luise von Darmstadt. Auch diese Ehe war keine 
glückliche, doch wußte sich Luise in die Umstände zu 
finden. 
Margarethe Enke war in wenigen Jahren so ver 
mögend geworden, eine eigene Hauswirtschaft einzu 
richten, schöne Kleider zu tragen, sich eine Mietkutsche 
zu halten, wozu ihre Liebhaber fleißig Geld herzugeben 
hatten. 
Es war kurz nach der zweiten Vermählung des 
Prinzen, als dieser in der Wohnung der Margaretha 
Enke deren siebzehnjährige Schwester, die dort die 
niedrigsten Dienste verrichtete, sah. Ein Streit war die 
Ursache, daß Margaretha ihrer Schwester so ins Ge 
sicht schlug, daß das junge Mädchen aus Mund und 
Nase blutete. Schnell eilte der Prinz hinzu, riß 
W i 1 h e 1 m i n e aus den Händen der Schwester, nahm 
das zitternde Mädchen in einen Wagen. Die Frau eines 
seiner Kammerdiener hatte in Potsdam ein kleines 
Häuschen, dorthin brachte er Wilhelmine, die in 
kürzester Zeit seine Geliebte wurde. Ein Zeitgenosse 
beschreibt uns Wilhelmine in jenen Jahren: „Sie konnte 
sich einer Figur rühmen, deren sich keine Nymphe der 
Flur schämen durfte und näherte sich dabei der 
Tizianischen Venus in den sanften Rundungen ihres 
harmonischen Gliederbaues. Ihr Gesicht, ohne regel 
mäßig schön zu sein, gefiel durch ein gewisses Etwas, 
für das man keinen Namen hat. Ihr Auge war 
sprechend, voll Feuer und Mutwillen, ihr Mund nicht 
klein, aber lächelte freundlich und schalkhaft und wies 
dabei zwei Reihen der schönsten Zähne. Ein nach 
sanften Wellenlinien geformter Hals und ein Busen, 
gleich dem der Geliebten des Paris, vollendete eine Ge 
stalt, die Jugend und Gesundheit mit unbeschreib 
lichem Zauber überstrahlte.“ 
War es bei diesen Reizen ein Wunder, wenn der 
Prinz daran Gefallen fand? Er tat nun alles, um sich 
die Geliebte zu erhalten, opferte ihr jährlich an 
30 000 Taler, um nur jede ihrer Launen erfüllen zu 
können. Seinen Einfluß als Thronerbe benützte er in 
ihrem Interesse, er mißbrauchte ihn so sehr, daß 
Friedrich II. sich veranlaßt sah, den Befehl zu geben, 
nie wieder Personen auf die Empfehlung des Prinzen 
anzustellen, da häufig die unwürdigsten Subjekte durch 
die Verwendung Wilhelminens Anstellung gefunden 
hatten. Endlich glaubte Friedrich dem allgemeinen 
Skandal dadurch ein Ende machen können, daß er 
Wilhelmine, die er in Sanssouci zufällig getroffen hatte, 
befahl, den ersten besten Mann zu nehmen. Für eine 
Aussteuer wollte der König selber sorgen. 
Der Prinz wollte anfänglich nichts von der Ver 
heiratung der Geliebten wissen, aber Wiihelmine riet 
selbst zur Befolgung des königlichen Befehls. Der 
passende Mann war bald gefunden. Rietz, der Kammer 
diener des Prinzen, Genosse und Anstifter vieler leicht 
sinniger Streiche, erklärte sich bereit, der Scheingemahl 
der prinzlichen Geliebten zu werden, und die Hochzeit 
wurde in ländlicher Zurückgezogenheit in einem Dorfe 
in der Nähe Potsdams gefeiert. Rietz hat später be 
hauptet, die Trauung sei nur eine Komödie gewesen, 
und hat auch deshalb die Scheidung durchgesetzt. 
Wilhelmine Enke war also jetzt vor den Augen der 
Welt verheiratet und nannte sich Madame Rietz, aber 
ihr Verhältnis zum Prinzen war dasselbe geblieben, wo 
mit sich sogar der König abfand, der auch den Befehl 
gab, für die Rietz ein Schlößchen in Charlottenburg zu 
kaufen. Jahre gingen nun vorüber, ohne das Verhältnis 
der Rietz zum Prinzen trüben zu können; durch den 
im Jahre 1770 geborenen Sohn, der den Namen 
(Tortsetzung auf Seite 2o)
        
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