Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
N> . 23 
8 
Herren umschwärmt worden, die sie verwöhnten. Sie 
scherzte mit den Besuchern ihres Freundes, den sie jetzt 
bei seinem Vornamen Walter nannte, ließ auch dieses 
und jenes leichte Wort über die Liebe fallen und war 
bald die große Dame von Welt geworden, die nur dem 
Glanze des Augenblicks lebte und gewohnt war, daß 
jeder ihrer Wünsche sofort erfüllt wurde. 
Ein junger, russischer Student verliebte sich in sie. 
Es machte ihr Vergnügen, mit ihm zu spielen. 
Was war ein Mann? Sie wußte, daß sie schön und 
jung, sieghaft jung war. Hätte sie Walter sonst zu sich 
genommen? Sie wußte, daß der liebende Mann blind 
war. 
Und die Liebe war schön, das Leben war schön, der 
Reichtum war schön. 
Der Russe erschoß sich, weil sie ihn nicht erhörte. Sie 
erhielt am Abend vor ihrem achtzehnten Geburtstag 
die Kunde von seinem Tode und seinen wirr und über 
schwenglich geschriebenen Abschiedsbrief. 
Aber sie haßte alles Traurige. Sie wollte lustig sein, 
wollte die Sonnentags der Kindheit nachholen, wollte 
ihre Jugend auskosten. 
Ein alter Kommerzienrat brachte ihr Blumen und 
Schmuck, wollte sie ihrem Walter abringen. 
Aber Erika lachte ihn aus und bekam von Walter da 
für ein eigenes Auto zum Geschenk. 
Nun konnte sie an dem Laden vorbeifahren, darin sie 
früher hinter einem weißen Tisch gestanden hatte. Ihr 
Traum war erfüllt. 
Sie lachte und die eleganten Herren brachten ihre Kon 
fekt und goldene Ringe. 
O wie lustig dies Lachen war. Wie man durch Lachen 
so widersinnig einfach reich werden konnte. 
Erika nahm sich vor, nur noch zu lachen. Sie wollte 
immer reicher, immer schöner, immer begehrter werden. 
Mit ihrem Auto fuhr sie langsam an ihrer früheren 
Arbeitsstätte vorbei. Eine Kollegin erkannte sie. Und 
bald sah sie die alten Gesichter am Fenster und über 
allen das erstaunte Gesicht der Inhaberin. 
Da lachte sie wieder, tippte dem Schofför mit der 
Schirmspitze auf die Schulter. Leise sprang der Wagen 
an und war bald den Augen der Nachspähenden ent 
schwunden. 
* 
Walters Fabrik bekam keine Aufträge mehr. Er mußte 
sich einschränken und konnte Erikas Wünsche nicht 
mehr befriedigen. Sie schmollte und zürnte ihm. Aber 
als sie sein sorgenvolles Gesicht sah und daran dachte, 
daß er sie damals auf der Straße gefunden und zu sich 
genommen hatte 
Nun ja, aber hatte die Kollegin so Unrecht, die sie 
einmal auf der Straße getroffen hatte und die zu einer 
anderen Kollegin gesagt hatte: „Da kommt ja Erika. 
Man weiß ja, wie sie das Verhältnis des Fabrikbesitzers 
wurde,“ 
Sie hatte das hören sollen und hatte es gehört. Das 
war Neid, der das gesagt hatte. Aber trotzdem: Walter 
hatte sie nicht umsonst zu sich genommen .... 
Wenn er nun arm werden würde . . . Armut ist ja 
furchtbarer als der Tod . . . 
Ein Vierteljahr später las sie von dem Zusammen 
bruch seiner Fabrik und acht Tage später von seinem 
Selbstmord. Sie lächelte, war ein wenig wehmütig und 
nahm eine Einladung zum Ball für den nächsten 
Abend an. 
* 
Fürst Szegetty tanzte mit ihr, der stattliche, stein 
reiche und auch noch jugendliche Fürst trank mit ihr 
in einer verschwiegenen Ecke Sekt. 
Sie lachte, als er ihre Schulter küßte. 
Sie lachte, als er ihre schlanken Beine streichelte. 
Als er ihr sagte, daß er sie heiraten wollte, wurde sie 
ernst und fragte: 
„Warum scherzen Sie?“ 
„Ich scherze nicht.“ 
„Ich soll Ihre Frau werden?“ 
„Ja! Sie sollen nur noch meiner Liebe leben.“ 
„Sie waren mir immer schon sehr sympathisch, Fürst, 
aber es dürfte Ihnen doch bekannt sein, daß ich einmal 
in einem Geschäft . . 
„Was frage ich danach! Sie sind schön, bezaubernd 
schön und jung . . .“ 
„Aber Baron Witzgenstein?“ 
„Wird Sie nicht lassen. Ich fordere ihn heraus!“ 
„Und . . .“ 
Statt aller Antwort küßte er sie wild. 
Beim nächsten Tanze kamen der Fürst und der Baron 
gleichzeitig auf Erika zu, um sie zum Tanz zu bitten. 
„Wer darf nun tanzen?“ fragte der Fürst. 
„Das machen die Herren am besten selbst mitein 
ander aus“, lächelte Erika. 
„Wir werden losen“, schlug der Baron vor. 
„Das finde ich geschmacklos“, antwortete der Fürst 
und führte Erika zum Tanz. 
Lachend wiegte sie sich in seinem Arm. 
Nach dem Tanz kam der Baron an den beiden vorbei 
und stieß Erika an. 
„Man pflegt sich zu entschuldigen, wenn man eine 
Dame anstößt“, sagte der Fürst scharf. 
„Eine Dame?“ 
Der Fürst verbeugte sich steif und bat Erika einige 
Sekunden um Entschuldigung. Während dieser Sekun 
den sprach er mit einigen Herren, die dann zu dem 
Baron traten. 
Der Fürst nahm Erika mit sich in sein Schloß. 
ft 
Nun war sie am Ziel. Bald würde sie Fürstin sein. 
Alles in ihr jubelte. 
Sie tranken Sekt. Sie saß auf seinem Schoß. 
„Du schießt dich mit ihm?“ 
„Morgen früh um neun Uhr.“ 
Sie erschrak. „Wenn er trifft . . .“ 
„Ich bin ein besserer Schütze. Soll ich dir auf fünfzig 
Meter eine Fliege von der Nase schießen?“ 
„Nein, nicht!“ 
Sie schmiegte sich an ihn. Viel zu schnell dämmerte 
der Morgen. 
Um zehn Uhr brachte man den schwerverwundeten 
Fürsten zurück. Laut aufschreiend warf sich Erika 
über ihn. 
„Er war schneller — verflucht schneller — keine Angst 
— ich ändere das Testament — du bist reich — hole das 
Testament —“ 
Als sie wiederkam, schlief der Fürst. Der Arzt riet 
dringend ab, ihn zu wecken. 
Sie saß an seinem Bett, dachte an den Studenten, an 
Walter, an den Fürsten und weinte. 
Der Fürst erwachte und stöhnte vor Schmerzen. Sie 
rannte in den reichen Gemächern fassungslos auf und 
ab. Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen. Sie sah im 
Spiegel, daß sie jetzt häßlich war . . . 
Der Arzt trat zu ihr: „Der Fürst ist . . .“ 
Mit einem Schrei stürzte sie an das Totenbett. 
Das Testament war unverändert . . . Der Fürst hatte 
keine Zeit mehr gehabt, es zu ändern . . . 
* 
Die Gesellschaft kannte Erika nicht mehr. Ihr letzter 
Schmuck war bald verkauft und das letzte Geld noch 
schneller verzehrt. Sie wankte die Straße entlang, wo 
vor der Stadt die halbverfallenen Häuser mit den 
niedrigen Dächern standen. . . . 
Einsam lag die staubige Landstraße da . . . einsam wie 
einst ....
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.