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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 23 
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ERIKA 
HANS HAIN 
raußen vor der Stadt, wo die halbver 
fallenen Häuser mit den niedrigen 
Dächern stehen und im Straßenstaub 
kleine, lärmende Kinder ihre anspruchs 
losen Spiele spielen, war jene zarte und 
scheue Erika auf gewachsen, die jeden 
Werktag von acht Uhr morgens bis 
acht Uhr abends hinter dem weißen 
Tisch stand und frischgestärkte Her 
renwäsche bügelte. — Hinter jenem Tisch träumte 
sie auch von den Freuden der großen Stadt und von den 
eleganten Damen und Herren, die manchmal am Fenster 
vorbeigingen oder gar in leise gleitenden Autos gleich 
Schattenbildern aus einem Wunderland vorbeihuschten. 
Einmal hatte sie auch so geträumt und nicht auf das 
heiße Eisen in ihrer schmächtigen Hand geachtet, das 
ein großes Loch in ein feines Hemd brannte. 
Da war die Inhaberin des Ladens gekommen und hatte 
sie kurzerhand fortgeschickt. Ihren Lohn bekam sie 
nicht mehr, weil sie das Hemd ersetzen mußte. Ja, die 
Inhaberin hatte sie sogar noch ein nichtsnutziges Ding 
gescholten und behauptet, daß ihr Lohn nicht die Hälfte 
des Schadens ersetze, den sie angerichtet habe. 
Sie war stumpf und gleichgültig nach Hause gegangen. 
Aber als sie in die Tür trat und den Vater schimpfen 
hörte, weil er kein Geld zu Schnaps und Tabak mehr 
hatte, zitterte sie vor Angst. Sie wußte, daß ähr Vater 
roh war und sie nicht schonen würde. 
Er hatte Geld von ihr verlangt und sie mußte von 
ihrem Unglück erzählen. Der Vater packte sie an den 
Haaren, nannte sie ein liederliches Ding und verbot ihr 
das Haus. 
Sie lag weinend am Wegrand und schluchzte fassungs 
los. Nun hatte sie auch kein Heim mehr, war wehrlos 
wie ein junger Vogel, der aus dem Nest gefallen war 
und noch nicht fliegen konnte. Sie würde von den kalt 
herzigen Leuten fortgestoßen werden und vielleicht von 
der Polizei eingesperrt werden, weil sie bettelte. 
Sie suchte, irgendwo Arbeit zu bekommen, aber nie 
mand wollte sie beschäftigen. Der eine verlangte Zeug 
nisse, der andere hatte gerade vor fünf Minuten ein 
anderes Mädchen engagiert und der dritte warf ihr 
wütend die Tür vor der Nase zu. 
Sie irrte in der Stadt umher, ihr Magen knurrte. Mit 
müden Schritten schlich sie dahin und achtete des feinen 
Herrn nicht, der ihr in die dunkle Nebenstraße ge 
folgt war. 
Das Licht einer Laterne zuckte im Wind und schien 
sie zu rufen. Ihr Kopf schmerzte und sie glaubte, auf 
dieses zuckende Licht zugehen zu müssen. Als ihr 
Magen wieder knurrte, erschrak sie, sie wußte gar nicht 
mehr, daß sie Hunger hatte. Nur weiter, das Licht rief 
sie ja. An der Laterne sprach der Herr sie an. 
Sie verstand ihn nicht. Ah, er hatte auch so ein feines 
Hemd an. Ob es wohl sein Hemd war, um das sie ge 
schlagen wurde und jetzt hungerte und heimatlos war? 
Ach nein, dieser Herr würde sicher viele feine Hemden 
haben und das eine nicht vermissen. 
Funken tanzten vor ihren Augen. 
Wieder sprach der Herr. Sie verstand ihn nicht. 
„Ich habe so Hunger“, weinte sie und sank neben dem 
Laternenpfahl zusammen. 
* 
Sie träumte einen schönen goldenen Traum. 
Sie lag auf einem Ruhebett auf weichen, duftenden 
den Kissen. Von der Decke des Zimmers strahlte mildes 
Licht, das ihren Augen so wohl tat. Ob sie bei einem 
Prinzen war? Sicherlich. Denn die schönen Möbel und 
die glitzernden Gläser und Schalen auf den Schränken, 
die Teppiche und die seidenen Vorhänge an den Fen 
stern konnte ja nur ein Prinz besitzen. Und das Zimmer 
war groß und breit und nicht so eng und dumpfig wie 
im Vaterhause. Sie lächelte, der Traum war so schön, 
so eigenartig schön. 
Ein Geräusch weckte sie. Da kam der Herr, der sie 
angesprochen hatte, auf sie zu. 
Ängstlich wich sie zurück. 
“Hast du gut geschlafen, Kleine?“ 
Sie blickte den Herrn groß und fragend an. 
„Komm, armes, kleines Ding, iß erst ein wenig.“ 
Sie stand auf und ging an den großen Tisch. Da 
blinkten Gabel und Löffel. In einer Tasse dampfte 
Milch. 
Hastig trank sie. Ein wohliges Gefühl durchrann sie. 
Träumte sie doch nicht? 
Der Herr war freundlich zu ihr. Er führte sie in ein 
Schlafzimmer, darin ein feines, weißes Bett stand. Die 
Kissen und Decken trugen Spitzen. Der Herr wünschte 
ihr eine gute Nacht und ging hinaus. 
Langsam zog sie ihr ärmliches Kleidchen aus und legte 
sich in das weiche warme Bett. 
Am nächsten Morgen weckte sie ein Dienstmädchen 
und brachte ihr schöne Kleider. Sie nahm ein Bad, zog 
die Kleider an und freute sich, daß sie so schön aussah. 
Es tat ähr leid, daß sie nicht den ganzen Tag vor dem 
Spiegel sitzen konnte. 
Am Abend kam der Herr wieder. Sie eilte ihm froh 
entgegen und küßte seine Hand. Da wehrte er un 
wirsch ab. 
Sie glaubte, ihn gekränkt zu haben und Tränen 
stiegen ihr ip die Augen. Aber er streichelte ihr weiche« 
Haar und sagte, daß sie nun immer bei ihm bleiben 
dürfe. 
Er fragte sie nach ihrem Namen und ihrem Schicksal. 
Sie erzählte ihm die traurige Geschichte ihres Lebens, 
das zwischen harter Arbeit, Schelten und Prügel ohne 
Sonntage und ohne Freude dahingegangen war. Aber 
sie war erst siebenzehn Jahre alt und wollte schon noch 
glücklich werden. 
Der Herr stimmte ihr lächelnd zu und erzählte ihr, 
daß er eine Fabrik besäße und sie immer bei sich be 
halten wolle. 
Nach dem Abendessen setzte sie sich zu ihm. 
Er sah sie lange prüfend an. Als seine Augen auf dem 
Ausschnitt ihres Kleides haften blieben, - errötete sie. 
Aber sie wagte sich nicht zu rühren. Er faßte ihre Hand 
und sagte ihr, daß er sie sehr lieb habe. 
Seine "Lippen küßten ihren Mund und sie erschauerte. 
Kein Mann hatte sie noch geküßt. Aber sie wehrte ihm 
nicht, denn seine Küsse taten ihr wohl. Als der Herr 
sie fragte, ob sie ihn auch ein wenig lieb habe, ant 
wortete sie mit einem einfachen Ja. 
Dann tranken sie zusammen Wein und als sie müde 
war, brachte sie der Herr in das Schlafzimmer. 
Sie wartete, bis er ging, aber er blieb bei ihr. Ver 
wirrt sah sie ihn an. Der Herr lachte nur, nahm sie in 
seine Arme und küßte sie. Da schlang sie ihre Arme um 
seinen Hals und küßte ihn wieder, denn sie wußte in 
diesem Augenblick, daß sie ihren Retter liebte und ihm 
gehörte. 
* 
Wochen waren vergangen. Erika war eine große 
Dame geworden und war bald von vielen eleganten
        
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