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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrq. 2& 
Ar. 23 
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Das Gewitter 
Woifgang von Lengerke 
M "V ie saßen unter dem großen Baum, der 
(V UT Jwie ein riesiger Pilz auf dem Hügel 
^ \ stand. Die Erde war warm und trocken 
4\ wie fiebernde Haut. Die Felder rings- 
Y um, deren gelbes Korn stumm und still 
\ k CjTqj\ j im Glast der Sonne stand, weiteten sich 
\ WM jl bis zum fernen Saum des Waldes hin, 
hinter dem scharf, wie eine Lanzen- 
* spitze, der Kirchturm eines Dorfes 
in . den wedßglühenden Himmel ragte. Die Luft stand 
regungslos und schwer. 
Die beiden sprachen nichts zusammen, sie waren zu 
müde. Auf der Landstraße, die sich wie ein grauweißes 
Band durch die Felder schlängelte, kam langsam ein 
Wagen daher, von einem müden Gaul gezogen, dessen 
Kopf und Hals ständig wie der Schwengel einer Pumpe 
auf- und abpendelte. Auf dem Bock saß ein Bauer und 
schlief, das Gesicht hatte er mit einem bunten Taschen 
tuch bedeckt. Das Gefährt bewegte sich im Schritt vor 
wärts, gleichsam als kämpfe es sich durch eine zähe 
Masse. 
„Wenn wir damit bis zum Dorf fahren könnten!’“ 
sagte sie und richtete sich halb auf. Ihr Gesicht war 
blaß und müde Schatten lagen unter den großen dunklen 
Augen. 
Er hob den Kopf und blinzelte in das flimmernde 
Licht, das sich über die Landschaft breitete. 
„Wenn wir mitfahren könnten!“ und sie zeigte auf 
den Wagen. „Es wird bald ein Gewitter geben.“ 
„So schnell kommt kein Gewitter!“ antwortete er und 
zog den Strohhut wieder über das Gesicht. 
Der Wagen entfernte sich langsam und wirbelte hinter 
sich eine kleine, graue Wolke Staub auf. Sie wollte auf 
stehen und hinlaufen, aber bleischwere Müdigkeit 
fesselte sie an ihren Platz. Sie strich sich mit der Hand 
über die Stirn und bog den Kopf zurück. Ein dumpfer, 
lastender Schmerz bohrte in ihrem Gehirn. Es schien, 
als staue sich das Blut und mache den Schlag des 
Herzens mühsam und schwer. Sie atmete tief und die 
trockene Luft weitete ihre Brust, die sie wie Zentner 
last spürte. Ihr voller, roter Mund öffnete sich schmal 
wie ein Spalt, und die kleinen, blauen Adern an ihren 
Schläfen traten unter der blassen Haut hervor, die 
feucht schimmerte. 
Die Insekten summten mit gequälter Hast über das 
Gras. Wie ein ferner klingender Ton flirrte es in der 
Luft. Die Konturen des Waldes und des Kirchturms 
wurden ungewiß und verschwommen. Die Blätter des 
Baumes, unter dem sie saßen, rollten sich wie sengendes 
Papier. Ein weißer Falter torkelte umher und sank dann, 
die Flügel zitternd gespreizt, auf einen Grashalm, der 
sich schwankend neigte. Wie Saugen schien es plötzlich 
durch den trockenen, rissigen Boden zu gehen, wie 
schwaches, nutzloses Saugen. 
„Ach“, flüsterte sie, „ach, wie heiß es doch ist.“ 
Plötzlich schien das Licht fahler zu werden. Der 
Dunst in der Ferne verdichtete sich zu blaugrauem Ge 
wölk. Ein dumpfer, murrender Ton klang von dort 
und ließ die feinen Spitzen der Gräser, die zarten 
Formen der Blätter unmerklich vibrieren. Matter wurde 
das Licht und senkte sich lautlos über die Felder. Am 
Horizont richtete sich eine dunkle, scharfgezackte Wand 
auf, wie ein praller, frei in der Luft schwebender Gegen 
stand. 
„Das Gewitter kommt!“ Sie beugte sich vor. Sie 
spürte ein feines Prickeln in ihren Haarwurzeln. Die 
schmalen Flügel ihrer Nase dehnten sich und die Augen 
öffneten sich weit. „Das Gewitter kommt!“ 
Sie sahen auf die grauschwarze Wolke, die mit un 
heimlicher Schnelligkeit wuchs und wuchs. 
In den großen, dunklen Augen des Mädchens stand 
Angst, ungewisse Angst. 
Sie richtete sich auf, nahm ihren Strohhut in die Hand 
und strich hastig das zerknitterte Kleid zurecht. „A_h, 
wären wir doch mit dem Wagen gefahren!“ 
„Du fürchtest dich vor dem Gewitter, sage es nur 
ruhig!“ spottete er. 
Sie antwortete nicht, sondern ging schnell vor ihm 
her, den Hügel hinab. 
Auf dem halben Wege jagte ein Windstoß über sie, 
der sie in eine Wolke heißen Staubes hüllte, daß ihnen 
die Augen tränten. Blätter führten einen wilden, wirren 
Tanz um sie auf. 
Sie blieb stehen, blaß und zitternd. 
„Wir kommen nicht mehr hin!“ rief sie und preßte die 
Hände aneinander. Ihr schmaler Körper zitterte vor 
Angst. Der Himmel, der sich über ihnen wölbte, war 
bleigrau und lastend. Eine jähe Stille ringsum. 
„Ach, wir kommen nicht mehr ins Dorf!“ Und sie 
begann zu schluchzen. „Wären wir doch nur mit dem 
Wagen gefahren!“ 
Sie liefen in der dumpfen, schwülen Luft und sahen 
sich nach einem Platz um, wo sie sich verstecken 
konnten. Sie fühlten die Wolke über sich, die jeden 
Augenblick zu platzen drohte und waren erregt wie die 
Tiere, die sich in ihre Schlupfwinkel flüchteten. Sie 
fühlten es wie einen magnetischen Strom durch ihre 
Glieder dringen und faßten sich an der Hand, als 
fürchteten sie sich zu verlieren. Etwas verband sie 
lastend mit dem staubigen, dürstenden Boden und der 
schwangeren Wolke über sich . .. 
Langsam und schwer fielen die ersten Tropfen, 
klatschten laut und breit auf die Erde. 
„Ich habe Angst“, flüsterte sie, „ich habe solche 
Angst!“ 
Er fühlte ihre zarten, schmalen Hüften, die ängstliche 
Umschlingung ihrer Arme, und nahm sie, trug sie, so 
schnell er konnte dem Dorfe zu. 
Alles um sie her schien nach dem Himmel zu starren, 
auf den Regen zu lauschen, der schneller und schneller 
herniederströmte, in dem gierigen Schoß der Erde ver 
sinkend. 
Jäh zerrte der blendende Schein der Blitze den lauen 
Dunst des Regens, und hart wie berstendes Metall 
tönte der Donner. 
Sie versteckte ihr Gesicht an seiner Schulter und 
stöhnte angstvoll auf: „Wenn es uns trifft, wenn es uns 
nun trifft!“ 
Ihr weißes Kleid lag schwer um die Glieder und ihr 
Haar hing wirr in die Stirn. 
So erreichten sie endlich das Dorf und ließen sich im 
Gasthaus ein Zimmer geben. 
„Ach“, sagte sie, als sie im Trockenen war, „ach, mein 
Kleid, das ist nun hin.“ Und sie begann es auszuziehen, 
Er stand am Fenster und blickte in den strömenden 
Regen. 
„Und mein Hut. Sieh doch nur!“ sagte sie und hielt 
ihm den Hut hin, der ganz durchweicht war. 
Nun mußte er lachen und beugte sich über sie. 
„Aber Angst hattest du, wie ein kleines Kind!“ 
„Angst“, sagte sie, „Angst? — Ach, was du sagst. Soll 
ich vielleicht keine Angst haben . . . wenn mein . . . 
Kleid, mein . .,. Hut. . . und ... meine neuen . .. Schuhe 
. . . kaputt sind?“ 
Dann schwieg sie ganz still. 
Draußen hatte sich das Gewitter verzogen.
        
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