Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

3 
Nr. 13 
Jahrg. SS 
Leier wieder los: treppauf, treppab bei den Kunst 
händlern, bei den Witzblättern.“ 
Feuchten Auges blickte Herr Meier ihn an. „Mit 
hungrigem Magen?“ 
„Mit hungrigem Magen.“ 
Herr Meier wischte sich verstohlen eine Träne ab. 
„Gott strafe mich!“ sagte er. „Aber das kann ich 
nicht zulassen. Man ist doch auch nur ein Mensch. 
Warten Sie mal“, er zog seine Brieftasche. „Ich bin 
ja nicht eigentlich zu dem Zweck hergekommen, um 
Ihnen etwas zu bringen. Aber ich bin nun mal so ein 
gutmütiger Mensch — ich kann keinen leiden sehen. 
Also, wenn Sie mir erlauben wollen: hier sind fünf 
Mark. Ich lege sie hier auf den Nachttisch. Nehmen 
Sie sie lieber bald weg, sonst sind sie vielleicht nach 
her — ich habe es nun mal so in der Gewohnheit: wenn 
ich Geld liegen sehe . . 
Reinhold Volkmann griff schleunigst nach dem Fünf 
markschein und sprang mit einem Satz aus dem Bett, 
um seinem Besucher die Hand zu reichen. 
„Gehen Sie mit Gott, Herr Meier“, sagte er, während 
es ihm im Halse aufstieg, „und ich danke Ihnen für 
Ihren lieben Besuch.“ 
„Adieu!“ 
„Noch eine Bitte hätte ich“, setzte Volkmann 
schüchtern hinzu. 
„Nun?“ 
„Ich könnte vielleicht eine Stellung bekommen. Ich 
soll mich morgen früh vorstellen. Aber sehen Sie sich 
diese Hose an. Sagen Sie selbst: wenn ich mich mit 
dem Ding irgendwo sehen lasse, ist jedes Vertrauen 
dahin.“ 
Herr Meier warf einen Blick auf das verschossene 
Beinkleid. „Toll!“ sagte er dumpf. 
„Und darum meinte ich . . 
„Was meinen Sie, mein junger Freund?“ murmelte 
Herr Meier, während ihm wieder die Tränen in die 
Augen stiegen. 
„Nun, ich meinte: Sie haben doch einen so langen 
Mantel, der bis auf die Fersen geht. Und zu Hause 
haben Sie gewiß noch sehr viele Hosen. Ich dachte: 
wenn Sie sich entschließen könnten, Ihre Hose viel 
leicht auszuziehen — jetzt mitten in der Nacht würde 
es niemand bemerken — es sei denn, daß Sie vielleicht 
noch weitere Besuche vorfiätten . . .“ 
Herr Meier schüttelte traurig den Kopf. „Dafür ist 
es zu spät“, sagte er seufzend. „Ich gehe direkt nach 
Hause.“ 
„Um so besser. Niemand würde das kleine Manko 
in Ihrer Kleidung bemerken. Also — wenn Sie Ihrer 
Güte sozusagen die Krone aufsetzen wollten . . .“ 
„Also in Gottes Namen!“ stöhnte Herr Meier, löste 
die Gürtel und zog mit einem entschlossenen Ruck 
seine Hose aus. „Nehmen Sie sie hin!“ 
Und während sein Besucher die Treppe hinunterstieg, 
hielt Reinhold Volkmann als Profit dieser seltsamen 
Nacht einen Fünfmarkschein und eine Hose in der 
Hand. Nicht gerechnet ein Butterbrot mit Speck und 
eine Flasche Bier, die sich bereits in seinem Magen 
befanden. 
Erst am nächsten Morgen kam Herrn Meier ganz 
zu Bewußtsein, ein wie schlechtes Geschäft er gemacht 
hatte. Er war in aller Form von seinem Mitleid rein 
gelegt worden. Und er nahm sich vor, nie wieder bei 
einem Maler einzubrechen.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.