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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jakrf. 2t 
Nr. 23 
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NACHTBESUCH 
PAUL ROSENMAYN 
1s Reinhold Volkmann, der junge 
Maler, um zwei Uhr nachts seine Pfeife 
ausklopfte und sich im Bett ausstreckte, 
bemerkte er, daß ein paar glühende 
Tabakkörner zu Boden gefallen waren: 
auf den Vorleger, der früher einmal wie 
ein persischer Gebetteppich ausgesehen 
hatte. Die brennenden Fünkchen 
schwelten in dem trockenen Stoff 
dampfend weiter. Eben wollte der junge Maler die 
Karaffe über den kleinen Brandherd ausgießen, als zu 
seinem Erstaunen eine Hand unter dem Bett hervorkam 
und mit einigen geräuschlosen Bewegungen das Feuer 
erstickte. 
Reinhold Volkmann sagte sich, daß zu dieser Hand 
eine Fortsetzung existieren müsse, die mit einiger Wahr 
scheinlichkeit unter seinem Bett zu vermuten war. Er 
richtete sich auf und fragte, etwa in der Art eines Ge 
schäftsmannes, der am Telephon steht: „Ist dort 
jemand?“ 
Einen Augenblick blieb es still; dann antwortete eine 
freundliche Stimme: „Jawohl.“ 
Reinhold Volkmann nickte. „Darf ich fragen, was Sie 
wünschen?“ 
Wieder blieb es einen Augenblick ruhig. Dann sagte 
dieselbe, nicht unsympathische Stimme in sachlichem 
Ton: „Medn Besuch ist geschäftlich.“ 
Unter dem Bett entstand ein gleitendes Geräusch. Ein 
paarmal stieß jemand von unten gegen die Matratze; 
dann tauchte eine lange Gestalt auf, die von oben bis 
unten in einen braunen Mantel gehüllt war, und einen 
Augenblick später stand ein wohlhabend aussehender 
Herr vor dem Bett, der Herrn Volkmann mit einem 
freundlichen Lächeln zunickte. 
„Meier“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung. 
„Volkmann.“ 
„Sehr angenehm.“ 
„Darf ich fragen, was mir das Vergnügen verschafft?“ 
Der andere blickte den Maler mit einem ruhigen 
Lächeln an; dann sagte er, indem er die Achseln zuckte: 
„Gott, was kann man schon wollen, wenn man nachts 
um zwei Uhr in einer fremden Wohnung unter dem 
Bett liegt!“ 
Rednhold Volkmann riß die Augen auf und sah seinen 
Besucher mit ungeheucheltem Erstaunen an. 
„Sie wollten einlbrechen?“ fragte er überrascht. 
Herr Meier nickte. „Ich kann es nicht leugnen“, ent- 
gegnete er ein bißchen verlegen. 
„Sie wollten einbrechen — ja, da muß ich Ihnen aller 
dings —“ 
„Sie wollten sagen —“ lachte Herr Meier, „da habe 
ich auch noch ein Wort mkzureden! Nicht wahr?“ 
„Im Gegenteil.“ 
„Bitte?“ 
„Im Gegenteil. Ich wollte sagen: Sollten Sie in diesem 
Raum irgend etwas finden, was mitnehmenswert er 
scheinen würde, so würde mich das außerordentlich 
freuen. Ich selbst suche hier nämlich seit mehreren 
Wochen vergeblich nach irgend etwas, was man ver 
kaufen oder versetzen könnte. Sollten Sie also etwas 
entdecken, und Sie würden mich nur mit zehn Prozent 
daran beteiligen, so wäre ich Ihnen von Herzen 
dankbar.“ 
Der Besucher wandte den Kopf und ließ den Blick 
über die Wände des Zimmers gleiten, über die kleine 
Kommode und über den alten Kleiderschrank, der an 
der Wand lehnte wie ein Betrunkener. Ein fehlender 
Fuß hatte ihm das Gleichgewicht geraubt, und seine 
Tür stand beständig halb offen. 
„Haben Sie denn gar nichts?“ erkundigte sich Herr 
Meier beklommen. 
Der Maler schüttelte traurig den Kopf. 
„Darf ich einmal nachsehen?“ 
„Ich bitte darum“, war die artige Antwort. 
„Das ist ja entsetzlich!“ sagte der Besucher dumpf. 
„Ein junger Mann — jung, talentiert . . . Darf ich 
übrigens fragen, wo Sie Ihr Portemonnaie haben?“ 
Reinhold Volkmann wies auf seine Beinkleider, die 
über dem Fußende des Bettes hingen. 
Sein Besucher faßte mit der ihm eigenen Treffsicher 
heit in die Revolvertasche und brachte ein dünnes 
Ledertäschchen zum Vorschein. Er öffnete es und ließ 
es seufzend auf den Boden fallen. 
„Das ist ja geradezu fürchterlich!“ murmelte er. „Wie 
machen Sie denn das? Sie müssen doch essen und 
trinken! Das kostet doch Geld!“ 
Der Maler lachte bitter. 
„Nun ja, ich spreche in allem Ernst. Bevor Sie zu 
Bett gegangen sind, haben Sie doch jedenfalls irgendwo 
zu Abend gegessen.“ 
Der Maier machte ein gekränktes Gesicht. 
„Herr Meier“, sagte er, „ich habe nichts dagegen ge 
habt, daß Sie mir zu so imgewöhnlicher Stunde einen 
so ungewöhnlichen Besuch gemacht haben. Wenn Sie 
aber nur gekommen sind, um mir den Mund wässerig 
zu machen mit Erzählungen von Abendbrot und von 
Essen und Trinken, so muß ich dagegen auf das 
schärfste protestieren. Denn dies kann ich nur als eine 
verwerfliche Quälerei bezeichnen.“ 
Herr Meier sah den jungen Mann mit einem langen 
Blick an. 
„Sind Sie hungrig?“ fragte er plötzlich. 
„Ich habe nur meine Pfeife geraucht, um meinen 
Magen ein bißchen zu beruhigen.“ 
Der Besucher schüttelte den Kopf. „Nein, das kann 
ich nicht mitansehen.“ Er faßte in die Tasche. „Meine 
Frau gibt mir, wenn ich so — wenn ich so auf Nacht 
arbeit ausgehe, gewöhnlich zwei Stullen mit. Sehen Sie 
hier, eine mit Gänsebrust, eine mit Speck.“ 
„Speck — Gänsebrust — sowas gibt es heute noch?“ 
„W i r haben alles!“ sagte Herr Meier mit beschei 
dener Würde. „Darf ich Ihnen vielleicht das Brot mit 
Speck anbieten?“ 
Herr Volkmann nahm hastig die dargebotene Gabe 
und biß hinein. „Herrlich“, sagte er, behaglich kauend. 
Auch Herr Meier hatte sioh’s bequem gemacht. 
„Wenn man eine Flasche Bier hätte!“ meinte er. 
„Nichts leichter als dies“, erwiderte der junge Maler. 
„Wenn Sie die Güte haben wollten, aus dem Fenster 
zu langen und an die Scheibe rechts zu klopfen — dort, 
wo das Licht schimmert —, es ist die Wirtschaftsstube. 
Sie brauchen nur zwei Zehnpfennigstücke hinüberzu 
reichen — so ist’s richtig —, warten Sie nur einen 
Augenblick —, sehen Sie, da sind schon die beiden 
Flaschen — ich danke Ihnen.“ 
Die beiden Männer stießen an und ließen gluckernd 
den Inhalt der Flaschen in die Hälse laufen. 
„Nun sagen Sie einmal“, fuhr Herr Meier fort, in 
dem er sich zufrieden den Bart wischte und die geleerte 
Flasche behutsam unter das Bett stellte, „wenn Sie nun 
morgen früh aufstehen, dann müssen Sie doch — nun 
ja, dann müssen Sie doch Kaffee trinken und ein paar 
Brötchen dazu essen!“ 
Herr Volkmann seufzte: „Kaffee — Brötchen! — 
Wenn ich morgen früh aufstehe, dann geht die alte
	        
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