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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 22 
Jahrg. 2S 
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Arbeit bringen“, horte sie ihn sagen. Schon Schritt er 
ferner, ohne ein Zeichen des Erkennens, sie sah, wie 
er sich rückwärts wandte zu seiner Frau, nun mochten 
sie vor dem Abteil sein, denn er verglich die Platz 
karte. Sie stand immer noch, ohne eine Bewegung, 
ohne einen Laut — aber es war ihr, als müßte im 
nächsten Augenblick Schreien aus ihr herausbrechen wie 
Schreien eines Tieres. Da drehte sie sich um, lief — 
hörte das Schlagen der Türen, die Rufe der Schaffner. 
Noch einmal hielt sie inne im Lauf, der Zug fuhr aus 
der grellen Umklammerung der Halle hinaus, den 
blitzenden Schienen en tgegen, die in die W eit hinaus liefen, 
Sie stand auf dem Platze vor dem Bahnhof, der Lärm 
der großen Stadt dröhnte. In ihr war der Schmerz wie 
ein stählerner Hammer, der gegen ihr Herz anrannte, 
immer stärker, immer gewaltiger. Es war nicht mehr 
zu ertragen, sie mußte fliehen, fliehen vor dem 
stählernen Schlagen in ihrem Körper, da war der Fahr- 
damm, sie lief, aber das Schlagen lief mit — und nun 
schrie sie, schrie in langgezogenen Tönen — das war 
Befreiung, aber noch nicht genug, genug. — Menschen 
starrten, aber man konnte nicht sehen noch hören vor 
diesem fürchterlichen Dröhnen des stählernen Ham 
mers — man konnte nicht sehen — wie eine Mauer 
war da etwas Dunkles dicht vor ihren Augen, sie 
schrie und lief — mit einem Fluch riß der Chauffeur 
an dem Steuer, aber es war zu spät. 
DIE UNNAHBARE FRAU 
IDA BOCK (Wien) 
pV au l Friedhart fuhr sich lockernd an den 
I Hemdkragen. Ekelhaft, daß man schließ- 
I jt) lieh in der Liebe eben doch immer wie- 
der bei dem Punkt anlangte, wo sich 
einem das Unbehagen beengend um die 
Gurgel legte! Der Anfang — ent 
zückend! Man sollte immer nur an 
fangen. Wenn man so ein hübsches, 
kleines Weib umwirbt, belagert, all’ die 
tausend Phasen des Katz- und Mausspiels durchkostet, 
die man kennt und die doch immer wieder neu und 
reizvoll sind. Wonnig der Augenblick, da man sich 
als Sieger fühlen darf. Und nun eine Zeit des Ge 
nusses des ruhigen Behagens, der Freude bis, na ja, 
bis eben unabweislich doch immer wieder der gewisse 
tote Punkt eintritt, der nicht zu überwinden ist. Der 
Punkt, der einem blondes Haar begehrenswert erschei 
nen läßt, wenn man bisher schwarzes entzückend ge 
funden, feurige Augen als die einzig interessanten, 
wenn sanfte aufleuchten, sobald der Blick sich Erlitt 
— usw. Es dauert eben nichts ewig, nichts. Auch “ie 
stärkste Liebe nicht, und Jeanette muß sich einfach da 
mit abfinden, daß ihr zweifellos bisher ganz reizendes 
Verhältnis auch einmal ein Ende nahm. Schließlich 
über ein halbes Jahr bestand jetzt diese zweifellos 
reizende Freundschaft, aber — Paul war sich darüber 
im klaren — eine bequeme Geliebte ist Jeanette nie 
gewesen! Gewiß, sie war eine vollendete Dame, und 
es gewährte ihm einen eigenen Reiz, der Einzige zu 
sein, der ihr näher stand, denn bei ihr konnte man 
dessen sicher sein, so skeptisch er sonst auch in der 
Hinsicht von allen Weibern dachte. Aber das war 
eigentlich einer von seinen Angriffspunkten, daß 
Jeanette eben übertrieb! Gut — eine Frau soll aut 
sich halten, auf ihren Ruf bedacht sein, besonders wenn 
sie jung, schön, reich und Witwe ist! Er gestand sich 
auch, daß es nicht ganz leicht war, sich gegen die 
Schar von Fliegen zu wehren, die dieses lockende Beute 
stück in der unerhörtesten Weise belagerten — aber 
Jeanette übertrieb doch! Man war heute nicht mehr 
so engherzig, einer hübschen Frau jede Freiheit zu ver 
sagen! Und die unbequeme Ängstlichkeit, mit der 
Jeanette den Schein wahrte, hatte ihn manchmal schon 
sehr geärgert. 
Im- Anfang, ja, da war das Versteckenspiel ganz 
reizend gewesen! Daß sie sich nur heimlich und ver 
stohlen zusammenfanden, umgab ihre Liebesstunden 
mit einem Zauber, den er bisher noch nie empfunden 
hatte. Es war ein immer neues Erobern, ein immer 
neues Siegen, wenn sie ihm atemlos, verängstigt und 
doch so voll Sehnsucht in die Arme sank — nur dauerte 
dieser Reiz schon ein bißchen lange und hatte dadurch 
seine Wirksamkeit eingebüßt! Schließlich — heutzu 
tage ist es doch nichts Außerordentliches, daß eine 
verheiratete Frau ihr Verhältnis — oder doch wenig 
stens einen Freund hatte, „bei dem man nicht recht 
wußte . . .“, und gerade Jeanette vermied es mit kin 
discher Ängstlichkeit, daß man ihr, die doch ganz un 
abhängig war, auch nur das geringste Interessante nach 
sagte. Das war langweilig! Man zeigt sich doch 
schließlich auch einmal gern mit seiner Geliebten — 
läßt sich beneiden! Dieses Sichversteckenmüssen hatte 
ihn müde gemacht, den guten Paul, und den Vorsatz 
gezeitigt, ein Ende herbeizuführen. Schon seit ein paar 
Wochen trug er siöh mit diesem Gedanken, — aber, 
wenn er dann mit Jeanette zusammen war, fand er 
nicht den Mut, ehrlich mit ihr zu sprechen. Er war 
wütend über seine Feigheit, aber noch behielt sie die 
Oberhand. Heute indessen war er mit dem festen Ent 
schluß erwacht, die Sache zu Ende zu führen. Jeanette 
hatte ihm gestern telephonisch ausdrücklich verboten, 
zu ihr zu kommen, solange heute die offizielle Gratu 
lationscour andauerte, denn ihr Geburtstag bildete 
immer einen Anlaß für all die Vielen, sich der hübschen 
Frau in Erinnerung zu bringen. 
Er sollte erst gegen Abend erscheinen, da würde sie 
schon allein sein — nur für ihn zu Hause. Paul hatte 
verlangt, mit den anderen kommen zu dürfen; es gab 
eine kleine Auseinandersetzung am Telephon, die mit 
einer Verstimmung endete — und ihm endlich zu der 
bestimmten Empfindung verhalf: „Nun ist es genug 
— morgen wird Schluß gemacht!“ 
Weil er ein weicher Mensch war und niemandem 
gern wehe tat, graute ihm ja vor dem Abschied ent 
setzlich, und er hätte die Chose viel lieber rasch und 
schmerzlos schriftlich abgemacht, aber das erschien 
ihm denn doch zu feig und banal, — also bewaffnete er 
sich mit einem wundervollen „Abschiedsstrauß“ und 
trat seinen schweren Gang an, nicht ohne sich zu 
schwören, daß Jeanettes Nachfolgerin ein ganz junges, 
ganz harmloses, bequemes, liebes, süßes Mädel sein 
müsse, mit dem man nicht so viel Geschichten zu 
machen habe: weder vorher — noch während — noch 
nachher! ... 
Paul war nervös. Und natürlich viel zu früh vor 
Jeanettes Haus. Alles festlich erleuchtet — also für 
ihn noch kein Einlaß. Ärgerlich setzte er sich in das 
Kaffeehaus gegenüber — und wurde sofort von zwei 
güten Freunden mit großer Herzlichkeit begrüßt, die 
gleichfalls in dem Kaffeehaus saßen, das er sonst als 
ganz „ungefährlich“, weil von Bekannten frei, kannte. 
„Ja, Paul — du? Wo kommst du denn her?“ 
„Und ihr? Was verschlug euch denn in dieses Lokal?“
        
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