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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg, 23 
Nr. 22 
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dem aber — hachja! — zudem befindet man sich auf 
der Hochzeitsreise. 
Man ist schon wieder stundenlang unterwegs, nach 
dem man in einem first class-Hotel die Nacht luxuriös 
genug verbracht hat. Man hat die Ereignisse des ver 
gangenen, geschehnisschweren Tages nach allen Rich 
tungen hin erörtert, alle Themen ausgeschöpft und hat 
sich nun -begreiflicherweise nichts mehr zu sagen. 
„Friedrich-Karl!“ 
„Bitte?“ 
„Wie lange müssen wir noch in diesem entsetzlichen 
Kasten zubringen?“ 
„Zwei Stunden noch, mein Schätzchen.“ 
„So. — Schauderhaft!“ 
Pause. 
„F riedrich-Karl!“ 
„Du wünschst, Puppchen?“ 
„Kannst du das Rauchen nicht etwas einschränken?“ 
Sie wedelt mit dem Taschentuch, dessen Größen 
verhältnisse diesen nützlichen Gebrauchsgegenstand zu 
einem schattenhaften Zierdasein verurteilen, und müht 
sich mit unvollkommenem Erfolge, die auf sie ein 
dringenden Rauchschwaden zurückzuschlagen. 
„Wenn du Wert darauf legst “ Seine Stimme 
klingt etwas schärfer. Er blättert in der Zeitung und 
pfeift leise vor sich hin. Das Spitzenfähnchen weht. 
„Friedrich-Karl!“ 
„Ja?“ 
„Friedrich-Karl, du konntest dich eigentlich mit mir 
unterhalten, statt zu lesen und zu pfeifen.“ 
„Gewiß, mein Kind, das könnte ich eigentlich.“ 
Er ist aufgestanden, streckt sich und gähnt, daß die 
Kinnladen knacken. Dann steht er am Fenster, blickt 
in den frischen, klaren Frühjahrstag hinaus, reckt die 
Brust und zieht die Luft ein. 
„Eine verdammt üble Atmosphäre hier. Du ge 
stattest wohl . . .“ Er faßt nach Fensterriemen 
und -ring. 
„Laß das Fenster doch lieber zu, Friedrich-Karl!“ 
„Ich finde die Luft aber scheußlich.“ 
„Ja, wenn du rauchst wie ein Fabrikschlot . . .“ 
Schweigen. Die Landschaft fesselt urplötzlich ihre 
Aufmerksamkeit. 
„Ist das nun Eigensinn oder . . .?“ 
„Ich bin nie eigensinnig, mein Lieber.“ 
„So. Na, dann kann ich das Fenster wohl auf- 
machen.“ 
„Das Fenster bleibt zu.“ 
„n Augenblick nur.“ Das Fenster schreit auf und 
rutscht quietschend in sich zusammen. 
„Ich bitte dich dringend, das Fenster zu schließen.“ 
„Gleich, mein Schatz.“ 
„— Friedrich-Karl!! — Du bist rücksichtslos.“ 
„Das kann ich nicht finden.“ 
„Friedrich-Karl, du wirst augenblicklich das Fenster 
schließen. Ich erkälte mich auf den Tod.“ 
Sie hat sich hinter ihrer Pelzjacke verbarrikadiert 
■und blickt ihn -mit grünlichen Augen an. 
„Ich nehme mir die Freiheit, das zu bezweifeln.“ 
„Mach’ das Fenster zu!!“ 
„Nein. Noch nicht.“ 
Mit einem kleinen Satz und zwei Schritten steht sie 
am Fenster und reißt und zieht am Riemen, versucht 
■zu ziehen. Sie rüttelt und schüttelt ihn wütend. Die 
Scheibe ruckt und zuckt ein wenig, bleibt dann aber 
■fest sitzen. Rührt und regt sich nicht. Sie stampft 
auf mit dem blitzenden Lackschuh. 
„Wirst du gleich das Fenster schließen?!“ 
„Das Fenster bleibt offen.“ 
„Friedrich-Karl!!“ 
„Nun?“ 
„Du bist roh.“ 
„Meinst du?“ 
„Du bist brutal.“ 
„Darüber läßt sich streiten.“ 
„Wenn du nicht sofort das Fenster schließt, dann — 
steige ich aus, dann ziehe ich die Notleine, dann “ 
„Bitte. Ich lehne aber nachdrücklich dis Verant 
wortung dafür ab. Ich empfehle dir, die daraus ent 
stehenden Folgen . . .“ 
„Friedrich-Karl, ich fordere dich zum letztenmal auf: 
Mach das Fenster zu!“ 
„Ich habe meine Gründe, diesem Wunsche nicht zu 
willfahren.“ 
„So“ 
„Schwerwiegende Gründe, die ich dir keineswegs vor 
enthalten möchte. Ich verfolge damit eine bestimmte 
Taktik, einen pädagogischen Zweck Ich will unsere 
Ehe auf solide Grundlagen stellen. Das Petruccio- 
System nach Shakespeare möchte ich nur im Notfall 
anwenden. Was nun den gegenwärtigen Fall anlangt, 
so bitte ich dich, in Ruhe zu überlegen, liebe Margot, 
ob dein ganzes Verhalten dazu angetan ist . . .“ 
„Willst du mich höhnen, Friedrich-Karl? Auf lang 
atmige Erläuterungen und Begründungen deines un 
glaublichen Benehmens verzichte ich liebend gern. Ich 
erkläre dir dagegen in aller Gelassenheit, daß ich auf 
der nächsten Station aussteigen und umkehren werde, 
wenn . . .“ 
„Beruhige dich erst mal!“ 
„Ich bin ruhig, bin ganz ruhig, du Scheusal!“ 
„Friedrich-Karl, ich schwöre dir, daß ich mit dem 
nächsten Zuge zu meinen Eltern zurückkehren werde.“ 
„Des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmel 
reich. Ich bin rücksichtsvoll genug, diesen deinen 
Wunsch gebührend zu respektieren.“ 
„Gut. Ich halte mein Wort.“ 
„Das Weitere wird sich dann finden.“ 
„Das ist so der Lauf der Dinge.“ 
Wütendes Schweigen. Sie schluckt erregt und zer 
knüllt ihr Taschentuch. Er verbohrt sich in nervöser 
Verbissenheit in die Zeitung. Die Räder knirschen 
und knattern, Schienen dröhnen, Bremsen kreischen. 
Dann braust der Zug in eine Bahnhofshalle. 
„Bitte, rufe einen Gepäckträger!“ 
„Aber . . .“ 
„Einen Gepäckträger, bitte! — Möchtest du mir 
sagen, ob ich gleich zurückfahren kann?“ 
„Augenblick. Hm . . . ja . . . jawohl ... du kannst 
in zehn Minuten schon zurückfahren, wenn du willst.“ 
„Selbstverständlich will ich. Das ist doch ab 
gemachte Sache.“ 
Da stürzt auch schon ein schnauzbärtiger Herkules 
herbei, der mit nervigem Griff sich der Koffer be 
mächtigt, die er ihm zögernd herabreicht. 
„Leb’ wohl, Friedrich-Karl! 
„Auf Wiedersehen, Margot!“ 
Poltern von Gepäckstücken, Rufen, Schieben und 
Drängen einer abflutenden Masse. Dann und wann 
sieht er noch ihre silberleuchtende Seidenkappe in dem 
Gewoge auftauchen, verschwinden. Langsam setzt sich 
der Zug wieder in Bewegung. Noch einmal blickt er 
zum Fenster hinaus, -schließt es. Als er sich zu dem 
anderen wendet, dessen Gardinen im Luftzug wehen, 
stutzt er, lächelt mit ironischen Mundwinkeln. Dann 
schließt er es ebenfalls mit einem kräftigen Ruck. Kurze 
Zeit später verschwindet er hinter einer großen Zeitung, 
seiner dicken, gewählten Zigarre bläuliche Wolken eines 
duftigen Rauches entlockend, die er sorgsam und mit 
behaglichem Nachdruck in die Luft stößt. 
.Mittlerweile sitzt sie in einem kahlen, kümmerlichen 
Wartezimmer eines Kleinstadt-Bahnhöfchens, starrt 
durch ein großes, leeres Fenster mit schmutzigen 
Scheiben auf ödes, gepflügtes Feld und versucht, Ord 
nung in das Chaos ihrer Gefühle zu bringen. Plötzlich 
preßt sie das Taschentuch an die Augen und flüstert; 
„Dieser Schuft! Dieser . . . dieser . . . O, er hat mich 
nie geliebt!“ — 
Einem begründeten „Man sagt“ zufolge wurde diese 
Ehe nach einigen Monaten nicht mit Unrecht geschieden 
— wegen unüberwindlicher gegenseitiger Abneigung.
        
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