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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jafirg.28 
Nr. 2 
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nichts vorlag, als ein Vergehen seiner eigenen Tochter? 
Er war jetzt schon dicht vor dem Palazzo des Kar* 
dinals und stand überlegend und unentschlossen still. 
Aus dem hellerleuchteten Tore kam eben ein junger 
Geistlicher und schritt über den Platz auf ihn zu. Der 
General beschloß, den jungen Priester anzureden, da 
hörte er seinen Namen. 
„Onkel, du hier?“ 
„Matteo, du? In Rom? Bei dem Kardinal?“ 
„Seine Eminenz hatte die Gnade, mich vor zwei 
Monaten in seine Kanzlei zu berufen.“ 
„So hat er Großes mit dir vor.“ 
„Ich bin nicht ehrgeizig und lege mein Schicksal in 
seine Hand.“ 
Matteo schien in diesen Monaten gealtert. Über 
seinem Wesen war zwar noch der Schimmer der eben 
dem Knabenalter entwachsenen Jugend, aber im Gegen 
satz dazu stand eine für seine Jahre wunderbare Ruhe 
und über seinen Augen lag ein Schleier von Entsagung. 
„Du warst soeben bei Seiner Eminenz?“ 
„Ich arbeite mit ihm.“ 
„Wäre es möglich, Seine Eminenz zu sprechen?“ 
„Jetzt in der Nacht?“ 
„Wenn es angängig wäre.“ 
„Ist es so Wichtiges, was du mit ihm zu besprechen 
hast, Oheim?“ 
„Es betrifft Margerita und —“ 
Matteo überlegte. 
„Ich werde dich zur Eminenz führen. Sie wird mir 
verzeihen.“ 
Kardinal Gampolla, einer alten Adelsfamilie des 
Landes entstammend, war trotz seiner fast achtzig 
Jahre ein stattlicher, Ehrfurcht gebietender Greis. Er 
liebte es, sich mit dem ganzen Glanz eines hohen 
Kirchenfürsten zu umgeben und auch das Gemach, in 
das der General jetzt geführt wurde, nachdem Matteo 
zuerst allein eingetreten, war mit einem erlesenen Ge 
schmack und dabei mit allen Behaglichkeiten des Reich 
tums ausgestattet. Der Kardinal saß in einem hohen 
Lehnsessel und erhob sich, als der Graf Drogo eintrat, 
während Matteo sich lautlos zurückzog. 
„Willkommen in Rom, lieber Vetter. Es freut mich, 
Sie zu begrüßen. Dort ist ein bequemer Sessel — dort 
steht der Wein. Ich bitte Sie, machen Sie es sich be 
haglich und erzählen Sie mir, was Sie zu mir führt. 
„Eminenz, ich komme in bangen Zweifeln und bitte 
um Rat.“ 
„Vom Kardinal oder vom Freunde?“ 
„Von beiden.“ 
Des Kardinals Gesicht hatte sich in ernste Falten 
gelegt. Ein gemütliches Gespräch, vielleicht über die 
Weingärten von Piemont, wäre ihm — verbunden mit 
kleiner Festprobe lieber gewesen, jetzt in der Nacht, 
als eine ernste Beratung. 
„Wie fanden Sie Ihre entzückende Tochter? Ganz 
Rom schwärmt von ihrem bezaubernden Lachen.“ 
Der Graf blieb ernst. 
„Um Margerita handelt es sich.“ 
Der Kardinal horchte auf. 
„Ich hoffe nicht, daß jemand meiner reizenden Nichte 
zu nahe trat.“ 
Der General faßte ein Herz. 
„Verzeihen Eminenz, wenn ich als bekümmerter 
Vater in schweren Sorgen zu nächtlicher Stunde zu 
Ihnen dringe und ich bitte Sie, nehmen Sie das, was ich 
Ihnen zu sagen gezwungen, zugleich als die Worte eines 
Beichtenden und als die Bitte um weltlichen Rat.“ 
„Etwas so ernstes? Sie machen mich erschrecken.“ 
Der General erzählte alles, was ihm in dieser Nacht 
widerfahren. Mit ruhigem Antlitz hörte der Kardinal 
zu, dann konnte der Weltmann nicht hindern, daß un 
bemerkt vom Grafen ein Lächeln über sein Gesicht 
huschte. 
„Mein lieber Vetter, wir sind unter uns. Ich bin über 
zeugt, daß die Diplomatie mit dem kleinen Seitensprung 
der reizenden Margerita nichts zu tun hat.“ 
Der General sprang auf. 
„Eminenz meinen, daß —“ 
Der Kardinal zuckte die Achseln. 
„Daß die schöne Contessa sich für manche Ent 
täuschung, die ihr mein leichtsinniger Neffe bereitet, 
durch eine kleine Liebe gerächt hat. Seien wir nicht 
so streng und sehen wir nicht, was wir nicht sehen 
müssen. In der großen Gesellschaft denkt man nicht 
gar so streng und im Vertrauen, man nennt die 
schöne Margerita die kleine Heilige und nein, nein 
lieber Graf — stellen Sie sich, als glaubten Sie an die 
hohe Diplomatie und seien Sie froh, daß ihre Tochter 
ihren Ruf so zu wahren versteht, wie sie es tut. Was 
unter dem Schleier der Nacht geschieht, im Vertrauen 
ihr Mann ist ein Greis und auch die Jugend 
hat Rechte.“ 
Der General war stehen geblieben. 
„Verzeihen Eminenz, daß ich, der Landedelmann, 
wenn Sie wollen der plumpe Bauer, mich an solche 
römische Auffassung der Moral nicht gewöhnen kann.“ 
Unliebsam berührt sah der Kardinal auf. 
„Sie wollen einen Skandal verursachen? Die Ehre Ihrer 
Tochter bloßstellen?“ 
„Ich denke, das hat s i e getan.“ 
„Lieber Vetter, Sie sind ein Hitzkopf und werden 
einsehen —“ 
„Daß eine Frau ihrem Manne die Treue brechen darf? 
Nie!“ 
Auch des Kardinals Stimme war schärfer geworden. 
„Und was wollen Sie tun?“ 
„Ich danke Euer Eminenz für die Aufklärung, die 
ich brauchte. Ich weiß nunmehr, daß ich keinen 
politischen Agenten des Vatikans zu schonen habe. Den 
Buhlen meiner ehebrecherischen Tochter und diese selbst 
werde ich zu züchtigen wissen.“ 
„Sie wollen also einen Skandal. Sie wollen die Nichte 
des Kardinals Gampolla öffentlich bloßstellen?“ 
Der Graf fühlte den aufsteigenden Zorn des 
Kardinals. 
„Bedenken Eminenz, es ist derselbe Mann, der sich 
schon früher an sie herandrängte, schon damals redeten 
beide von ihrer Liebe.“ 
„So ist es ein Zeichen von Treue, daß sie ihm an 
hänglich blieb. Unter uns. Ich kenne den Marchesse 
nicht, aber ich hörte den Namen und weiß, daß mein 
Neffe ihn selbst in sein Haus führte. Was wollen Sie, 
er ist nun einmal eine Art von Krüppel, mein Neffe 
und — wenn ich mich selbst zu schwach fühle meinen 
Pflichten gerecht zu werden, nehme ich einen Vertreter. 
Auch ich habe meine Sekretäre. Was sollen wir uns 
in die Geheimnisse einer Ehe mischen, die vollkommen 
glücklich ist — fragen Sie Rom.“ 
Der General mußte alle Energie aufbieten um ruhig zu 
bleiben. 
„Verzeihen Euer Eminenz nochmals, aber ich sehe, 
daß ich zu alt und zu dumm bin, um das Glück einer 
solchen Ehe verstehen zu können. Gestatten Euer 
Eminenz, daß ich mich zurückziehe und verübeln Sie 
mir nicht, daß ich als Vater es nicht dulden werde, daß 
mein Kind mit einem hergelaufenen Abenteurer, der im 
Gefängnis zu Venedig unter dem Verdacht schweren 
Betruges saß, der weder Marchese noch Doktor ist, 
ihrem ihr angetrauten Gatten die Ehe bricht und ihren 
Vater schmählich belügt.“ 
Blitzschnell hatte der Kardinal überlegt. Man hätte 
ihm bitter Unrecht getan, wenn man aus seinen Reden 
auf eine Frivolität seiner Gesinnung geschlossen hätte. 
Er war nur ein kluger, welterfahrener Mann und ein 
Kind seiner Zeit, und seitdem der Hof Ludwigs des Vier 
zehnten von Frankreich für die ganze Welt in seinem 
moralischen Leichtsinn ein Vorbild geworden, wußte er, 
daß die Gesellschaft von Rom auch leichtsinnig ge 
worden war. Auch kannte er den Krebsschaden dieser 
Ehe und war der jungen Frau von Herzen dankbar, daß 
sie so trefflich den Schein wahrte. Und nun wollte 
dieser Mann, dieser in Provinzanschauungen erstarrte
        
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