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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. -U 
JaBrg. !S 
Eines Tages erhielt Thorbjörn Espeland aus Kopen 
hagen einen BrieT von seiner Jugendgeliebten Margrit 
Brixius. Ich habe ihn hier — Espeland hat ihn mir ge 
geben.“ — Der Sprechende zog einen verknitterten 
Brief und las seinen Inhalt laut vor: 
„Lieber Thorbjörn! Deine Mutter ist kurz nach dem 
Tode Deines Vaters erblindet. Sie hat mir ge 
schrieben. Sie sehnt sich danach, Dich wieder in ihre 
Arme zu schließen. Mich hast Du wohl ganz ver 
gessen? Ich muß Dir gestehen: ich kann Dich mir gar 
nicht mehr verstellen. Komm bald! Margrit.“ 
Dieser Brief, meine Herren, wurde das Schicksal der 
beiden. Espeland zeigte ihn Bjerregaard. Und eines 
Tages war Bjerregaard verschwunden; am Tage zuvor 
hatte er mich um einen größeren Vorschuß erleichtert. 
Espeland mußte die Nummer aufgeben; aber weil er 
mir leid tat und im Grunde ein ehrlicher und anständiger 
Mensch war, habe ich ihn zu meinem Teilhaber ge 
macht — mit fünfundzwanzig Prozent Beteiligung. 
Da hörten wir eines Tages eine unglaubliche Neuig 
keit: in Kopenhagen hatte sich Margrit Brixius verlobt 
— mit Thorbjörn Espeland! Mit einem Schlage wußten 
wir’s: dahinter steckte kein anderer als Noldus Bjerre 
gaard. 
Ich selbst riet meinem Sozius, nach Kopenhagen zu 
fahren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er ist 
abgereist — ich habe von ihm ein Telegramm be 
kommen, worin er mir die Adresse des .Mannes auf 
dem Kronleuchter* anzeigte: Henrik Ibsens Vej 8. Das 
ist mit anderen Worten die Adresse jenes Noldus 
Bjerregaard, der sich den Namen Thorbjörn Espeland 
beigelegt hatte. Denn er wußte, daß Espeland, wenn 
auch nicht reiche Verwandte, so doch gute Verbin 
dungen hatte — und da ihm die fabelhafte Ähnlichkeit 
mit dem wirklichen Espeland als Gottesgeschenk in den 
Schoß gefallen war, so konnte er seine Geschäfte mit 
guten Chancen starten. 
Seit jenem Telegramm habe ich nichts mehr von 
meinem Sozius gehört. Und darum bin ich persönlich 
nach Kopenhagen gekommen, um nach ihm zu forschen. 
Er ist im Hotel Köngen af Danmark seit Dienstag 
voriger Woche verschwunden. Aber der Teufel soll mich 
holen, wenn ich sagen könnte, ob es der echte oder der 
falsche Espeland war, der ums Leben gekommen ist.“ 
Der Präfekt sah Jenkins an, der seinen Blick auf 
Margrit heftete. „Darüber können vielleicht Sie uns am 
besten Auskunft geben, gnädige Frau?“ 
Margrit öffnete den Mund zu einer Antwort, aber 
lauschend wandte sie den Kopf. Irgendwo aus dem 
Treppengewirr dieses fremden und feindseligen Hauses 
klang ein Schritt auf, kam näher. Es war, als ob Margrit 
Espeland diesen Schritt in sich einsauge, als ob alle ihre 
Sinne, ihre Augen, ihr Gehör und ihre Hände, die sich 
zuckend krampften, diesem Schritt entgegenzitterten. 
Dann wurde die Klinke gedrückt — ohne anzuklopfen, 
trat jemand ein — ein hochgewachsener Herr in dunkel 
blauem Anzuge. 
„Was wünschen Sie?“ fragte der Präfekt. 
Ein Laut ließ ihn sich umwenden; Margrit hatte ihn 
ausgestoßen. Eine vollkommene, blutlose Blässe hatte 
ihr Gesicht bedeckt, und ihre Augen waren unnatürlich 
geöffnet. Ihre Hände streckten sich bebend wie die 
eines brünstigen Gläubigen, der zu einem ungesehenen 
Gott fleht, dem Ankömmling entgegen, der sie mit 
einem ruhigen und leuchtenden Blick umfaßte. 
„Wer sind Sie?“ wiederholte der Präfekt — und eine 
jähe Erinnerung, ein zögerndes, ungläubiges Verstehen 
ging über sein Gesicht. 
Der Ankömmling wandte sich ihm zu und sagte voll 
kommen beherrscht, mit ruhiger Stimme; 
„Ich bin Thorbjörn Espeland.“ 
Mit einem lauten Schrei stürzte Margrit auf ihn zu. 
Sie umklammerte seinen Hals mit ihren Armen, sie 
tastete nach seinen Wangen und preßte seinen Kopf in 
ihre Hände. Wieder umschlang sie ihn — die Tränen 
flössen unaufhaltsam und ungehindert aus ihren Augen, 
und mit einem Stöhnen, in dem eine schluchzende 
Mischung von Todesangst und von einem jauchzenden 
Glück klang, sank sie an ihm nieder. 
Joe Jenkins trat auf die beiden zu. „Es ist eine mutige 
Tat von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich bin mir 
natürlich nicht im Zweifel darüber, warum Sie hier sind; 
Sie hörten, daß Ihre Frau unter Mordverdacht steht — 
und Sie sind erschienen, um sie zu retten.“ 
Der Ankömmling nickte. 
Und Sie, gnädige Frau — Jenkins hob die noch 
immer Schluchzende sanft empor — „haben Sie noch 
immer Bedenken, mir zu gestehen, warum Sie Ihren 
Gatten verlassen haben, den Sie über alles liebten? So 
will ich statt Ihrer die Antwort geben: Sie fanden 
Ihren sterbenden Mann und erkannten zu Ihrem Ent 
setzen daßesnicht IhrMannwar. Sie haben 
zweifellos schon vor dem Drama um die Täuschung 
feCW Margrit nickte. „Am Abend vor der Hochzeit hat 
er mir’s gestanden. . 
Sie hatten aber den falschen Espeland so rettungslos 
liebgewonnen, daß Sie bereit waren, zu ihm zu stehen, 
es komme, was da wolle Als Sie nun das Entsetzliche 
erkannten- daß der wirkliche Espeland in Ihrer Woh 
nung sterbend lag, da sahen Sie blitzschnell die furcht 
bare Konsequenz, die das alles nach sich ziehen mußte: 
der Betrüb würde herauskommen — und kein anderer 
als Ihr Gatte der falsche Espeland, der Sohn seines 
eigenen Kammerdieners Bjerregaard, konnte sein Mör 
der sein. Darum flohen Sie in die Nacht hinaus - 
darum konnten Sie zug eich den Grund Ihrer Flucht nie 
mand sagen, ohne zugleich zu verraten, daß Ihr wirk 
licher Gatte noch lebte - und daß er der Mörder seines 
DnnnphJänöers war. Denn so ist es doch, nicht wahr, 
Herr 3 Bjerregaard?“ wandte er sich an Margrits Gatten. 
Der Gefragte sah zu Boden und schwteg. 
„Gestehen Sie ein - der Präfekt trat vor - „daß 
Sie Espeland getötet haben r 
Die Tür ging auf. . 
In ihrem Rahmen stand der alte Anton Bjerregaard. 
T ! * . : ct fia“ sagte er mit emem tiefen Seufzer, 
während ein glückliches Lächeln über sein Gesicht ging. 
Die beiden, die mir das Liebste sind, was ich je gehabt 
habe, haben sich gefunden Und jener andere ist tot. 
Nun ist alles gut, nun will ich gern sterben Und darum 
gehört es sich wohl, daß ich nun auch den letzten Irrtum 
zerstöre: Mein Sohn ist unschuldig — ebenso unschuldig 
wie seine Frau. I c h ha b e e s g e ta n. 
Die Sonne spielte auf dem regenfeuchten Pflaster, als 
Margrit Espeland an der Seite ihres Gatten auf die 
Straße trat. Sie hatte seine Hand gefaßt; sie ging wie 
im Traum neben ihm auf dem Fahrdamm in jene stille 
Seitenstraße hinein, die zu fernen Wiesenplätzen führte. 
Ein paar Kinder liefen jauchzend an den beiden vorüber; 
sie gingen weiter, einem fernen, unbekannten Ziel zu. 
Dort drüben an der Ecke war eine kleine Garten 
wirtschaft. Dis beiden traten, fast gegen ihren eigent 
lichen Willen, durch das saubere Holzportal; hier rechts 
war die Laube, das Prachtstück des Gartens. Ein junges 
Mädchen erschien; Espeland bestellte irgend etwas; sie 
Vnnkcf- und wiederholte in ihrem bäuerischen Akzent 
den" Auftrag. Dann eilte sie ins Haus. 
„Die ist aus Jütland.“ 
Wie du“, sagte sie und sah ihm ins Gesicht. „Wie 
du” Thorbjörn.“ , , . 
Zögernd nahm sie seine Hand, scheu und schämig 
preßte sie sie an ihre Wange. „Nun wollen wir bei 
einander bleiben, Thorbjörn“, sagte sie leise. Und 
schluchzend stammelte sie, das Gesicht an seiner Brust 
verbergend: „Immer, hörst du, immer.“ 
„Ja, Margrit“, antwortete er mit einem glücklichen 
und klaren, Lächeln. „Nun wollen wir beieinander 
bleiben. Immer.“
        
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