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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 21 
Jahrg. 2* 
29 
r^ke^acht ohne 
ROMAN VON PAUL ROvTENHAYN 
10 BUdenBoht 
Jenkins blickte schweigend von einem zum andern. 
Der Präfekt sagte kalt: „Bitte, nehmen Sie Platz. Und 
wenn Sie uns irgend etwas zu sagen haben, so empfehle 
ich Ihnen, es zu tun; ein offenes Geständnis kann Ihre 
Lage nur verbessern.“ 
Margrit schwieg. 
„Sie wissen, welches Verdachtsmoment den Aus 
schlag gegeben hat. Es ist der Brief, den Sie kurz vor 
dem Mord an Ihren Gatten gerichtet haben — und in 
dem Sie ihm mitgeteilt haben, Sie liebten jenen andern 
und würden jeden unschädlich machen, der sich Ihrer 
Liebe in den Weg stellen würde.“ 
„Pardon, Herr Präfekt“, fiel ihm Joe Jenkins ins Wort. 
„Ich erinnere Sie daran, daß dieser Brief seitens der Frau 
Espeland gar nicht an ihren Mann gerichtet war, sondern 
an jenen andern im Hotel Köngen af Danmark.“ 
„Ich muß Ihnen gestehen, Mr. Jenkins“, erwiderte der 
Präfekt mit einer unverkennbaren Schärfe im Ton, „daß 
ich an diese Geschichte von den beiden Espelands nicht 
recht glaube. Sie klingt ziemlich märchenhaft, das 
müssen Sie zugeben. Wer weiß, was dieser Norregaard 
dafür bezahlt bekommen hat, daß er uns eine solche Ge 
schichte aufgebunden hat.“ 
„Hm. Was sagen Sie dazu, Frau Espeland?“ 
Margrit zuckte die Achseln. 
„Vielleicht halten Sie jetzt den Augenblick für ge 
kommen“, sagte Joe Jenkins leise, „uns über die letzten 
Dinge die volle Wahrheit zu sagen. Warum haben Sie in 
der Mordnacht Ihren sterbenden Gatten verlassen. 
Margrits Augen füllten sich mit Tränen. Aber sie sah 
zu Boden und antwortete nicht. 
Es klopfte. Der Bureaudiener brachte eine Karte. 
„Mr. Lloyd Munro“, las der Präfekt laut — „Donner 
wetter, ist das nicht der Adressat des Telegramms, das 
bei dem sterbenden Espeland gefunden wurde? Das 
Rechtsanwalt ögle expediert hat? Lassen Sie den Herrn 
eintreten!“ 
Ein älterer, gutgekleideter Mann vom Typ des Lon 
doner Eastend-Geschäftsmannes trat in das Zimmer. 
„Ich muß einmal persönlich kommen, Herr Präfekt — 
denn ich sehe, die Geschichte, um die es sich handelt, 
setzt ganz Kopenhagen in Aufregung, und niemand ist 
imstande, die Zusammenhänge zu erklären. Das ist kein 
Wunder, denn die Sache ist verteufelt merkwürdig. Also 
hören Sie.“ Damit zog er sich einen Stuhl heran und 
nahm ohne Ziererei Platz. „Es mag nun sechs Jahre her 
sein, da trafen sich an einem trüben Novemberabend 
im Nachtasyl der Heilsarmee in London zwei arme 
Teufel. Sie sahen einander an und prallten zurück — 
denn sie sahen sich ähnlich wie ein Ei dem andern. Beide 
waren Dänen. Der eine war aus Kopenhagen und hieß 
Thorbjörn Espeland 1 , der andere stammte aus Roskilde 
und hieß Noldus Bjerregaard. Bjerregaard, der wohl 
der intelligentere und unternehmendere von den beiden 
war, fühlte mit einem Schlage die Chance: aus dieser 
Ähnlichkeit mußte sich irgendwie Kapital schlagen 
lassen. 
Er kannte allerhand Zauberkunststücke, was bei pro 
fessionellen Spielern nichts Seltenes ist. Er hatte auch 
Fühlung mit den unteren Artistenkreisen, und er kannte 
kleine Unternehmer, die für neue Varietenummern In 
teresse hatten. 
Ich will es Ihnen nämlich gestehen: ich habe in Shad- 
well, östlich von Whitechapel, eine Music Hall. Sie 
wissen wohl: in Ost-London. 
Ein paar Tage später gab es in Munros Music Hall 
eine neue Attraktion: 
Der Mann auf dem Kronleuchter. 
Die Geschichte war kurz so: Auf der Bühne produ 
zierte sich ein junger Mann. Er stieg auf eine Leiter, 
die zwei Diener hielten. Sie zogen ein Tuch vor die 
Leiter und rissen es im nächsten Augenblick wieder 
fort. Der Mann war verschwunden. 
Im selben Moment tönte aus dem Zuschauerraum 
ein Schuß. Der Tuchbehang des Kronleuchters teilte 
sich — der eben auf der Bühne Verschwundene stand 
in rotem Lichte auf den Sprossen des Kronleuchters 
und ließ sich an einem Seil nieder, das ihm zugeworfen 
. der von der Bühne Verschwundene stund ln rotem Uchte auf den Sprossen 
Das Publikum konnte sich überzeugen, daß er es 
wirklich und leibhaftig war; denn er schritt durch das 
Parkett und schüttelte jedem, an dem er vorbeikam, 
die Hand. 
Ich kann wohl sagen, meine Herren: die Nummer 
schlug ein wie eine Bombe. Jeden Abend ausverkauftes 
Haus — eigentlich doppelt ausverkauft. Niemand ahnte 
die Lösung des Rätsels: daß hier zwei Artisten ar 
beiteten, die sich — ein seltsames Naturwunder — zum 
Verwechseln ähnelten. 
Auch die beiden jungen Leute hatten es gut; wer mit 
mir arbeitet, soll mit mir verdienen. Der eine von ihnen 
— der Kopenhagener, Thorbjörn Espeland — war ein 
junger Taugenichts. Der andere — Noldus Bjerregaard 
— kam aus der Tiefe. Er war seinem Partner in jeder 
Beziehung überlegen; er war wohl im Grunde ein 
tüchtiger und vor allem ein fabelhaft energischer 
Mensch, und der andere stand völlig in seinem Bann.
        
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