Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Ar 21 
26 
HUMOR 
* '■ r 1 1 l li r'"iTf.-Trmf.v.. ■■ ■ j.. ■ ■ » 
„Ach, Herr Schupo, könnten Sie mir vielleicht sagen, um wieviel 
Uhr ich mich hier mit meinem Freund verabredet habe?“ 
kann man nicht ergründen, und das 
Coupe passieren doch viele Leute. 
Anfangs beschloß ich, die ganze 
Nacht nicht zu schlafen, da ich nun 
aber trotzdem regelmäßig einschlief, 
blieb mir nichts anderes übrig, als 
diesem Umstande eine stichhaltige 
Begründung zu geben. Ich ent 
kleidete mich, soweit es ging und 
stopfte mir alles unter den Kopf. 
Da man mir aber selbst unter dem 
Kopf mein Portefeuille und einem 
Nachbarn eine Pelzmütze stahl, ver 
lor ich den Glauben an die Gefahr 
losigkeit dieser Methode. 
Seit dieser Zeit schlafe ich folgen 
dermaßen: Ich stopfe alle wertvollen 
Sachen in die Hosentaschen und 
stecke auch noch die Hände hinein, 
wo ich sie die ganze Nacht lasse. 
Die Pelzmütze aber drücke ich mir 
derart ins Gesicht, daß ich sie mit 
Leichtigkeit auch mit den Zähnen 
festhalten könnte. In dieser Stellung 
sich umzudrehen, ist allerdings nicht 
ganz leicht, und man kann auch nur 
ganz flach liegen, mit dem Rücken 
nach oben oder nach unten, dafür 
ist es aber ganz gefahrlos. 
Ich erinnere mich eines äußerst 
unangenehmen Zwischenfalles. Wir 
hatten kaum den Bahnhof verlassen 
und brachten es noch fertig, uns 
gegenseitig kennen zu lernen, als der 
Stationschef in Begleitung eines 
Gendarmen in das Coupee trat und 
sagte: 
„Meine Herren, Vorsicht. Im 
Zuge befindet sich ein geschickter 
Taschendieb. Bitte auf die Sachen 
gut achtzugeben!“ 
„Was hat er für besondere Merk- 
Auf der Eisenhahn 
LEONID ANDREJEW 
Nicht eine Sache hat mir soviel Kopfzerbrechen be 
reitet, wie das Schlafen im Waggon. Kaum hatte ich 
meinen Platz eingenommen, begann ich schon, meine 
Nachbarn von dem Gesichtspunkte aus zu beurteilen: 
wird er mich bestehlen oder nicht? und hatte dabei die 
Empfindung, auch selbst derselben Beurteilung unter 
worfen zu sein. Ich kam zu der Erkenntnis, daß von 
diesem Standpunkte aus alle menschlichen Gesichter 
ein absolutes Rätsel darstellen. Man kann nach dem 
Gesicht beurteilen, ob jemand gut oder schlecht, klug 
oder dumm ist, aber zu entscheiden, ob er stehlen wird 
oder nicht, ist unmöglich. Nach vieljährigen Versuchen 
gelangte ich zu der Überzeugung, daß man sich in dieser 
Frage nach anderen Kennzeichen richten muß: wie sich 
der Betreffende kleidet, und hauptsächlich, ob er eine 
Uhr hat oder nicht. Warum ein Dieb keine Uhr haben 
soll, weiß ich nicht, es steht aber fest, daß der Besitzer 
einer Uhr Vertrauen einflößt. Dein Sitznachbar spielt 
mit seiner Uhrkette, du schaust gleichgültig auf deine 
Uhr — und das genügt, um zwischen euch beiden ein 
stummes Bündnis herzustellen. 
Aber selbst die günstigste Lösung der Frage der 
Moral deines Nachbars gibt dir noch immer nicht die 
Gewißheit eines ruhigen Schlafes. Alle Menschen 
male?“ fragten wir. 
„Blondes Haar, ungefähr dreißig Jahre alt , erwiderte 
der Gendarm. , ., , . .< , 
Aber nein 1 Er ist brünett und jung , verbesserte der 
Stätionschef. ’ Sie stritten ein wenig und gingen dann 
weiter, andere Fahrgäste zur Vorsicht zu mahnen. 
, Wie ich nun nach deren Fortgehen auf meinen 
Nachbar blickte, wollte ich im ersten Impuls um 
Hilfe rufen. Er war blondhaarig, ungefähr dreißig 
Jahre alt und hatte das Äußere eines geriebenen 
Taschendiebes. Er kam mir aber zuvor. 
„Sie sind ja noch ganz jung , sagte er. 
„Nun ja, so ziemlich. 
„Und brünett.“ . 
Was wollen Sie damit sagen? schrie ich ihn an. 
”Oh nichts.“ — Und er rückte ein wenig zur Seite. 
Allem Anschein nach hatte er die Unverschämtheit, 
mich für den Taschendieb zu halten. Was aber noch 
schrecklicher war, auch andere waren seiner Meinung, 
und ich konnte aus allen Blicken lesen: „Ich kenne 
dich, du Taschendieb.“ Dabei waren sie selbst typische 
Gauner, besonders mein linker Nachbar, der Blond 
haarige,’ und dann der rechte Nachbar, der Brünette. 
Bis Tagesanbruch saßen wir unbeweglich auf unseren 
Plätzen. Und wenn sich auch nur einer von uns ein 
wenig rührte, schrien gleich alle in wildem, ver 
zweifeltem Chor; „Zu Hilfe!“ 
Am lautesten aber schrie der Betreffende selbst. 
(Aus dem Russischen übertragen von Grete Neufeld.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.