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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 21 
Jahrg. 28 
mit schleuniger Abreise glaubte entrinnen zu können. 
Im Laufe des Lenzes, der sich nun schon dem Sommer 
vermählt hatte, war er nämlich zu der erschrecklichen 
Feststellung gelangt, daß sein Herz, wo immer er nur 
des Mägdeleins ansichtig wurde, von recht sündlichen 
und verwerflichen Gefühlen bestürmt wurde. Und 
hätte er sich selbst auch in die sittsame Einsiedelei 
moralischer Abhandlungen retten können, so lag doch 
die Schwierigkeit eben darin, daß Röselein sichtbarlich 
von einem ganz ähnlich verderblichen Beelzebub be 
sessen schien. Ein Blick, ein Warten vor der amt 
männlichen Haustür, sobald er in die Nähe kam, ein 
Erröten, wenn er dann seinen Gruß absolvierte — 
o nein! Frommhold Leberecht Mittelstraß war nicht ■ 
so weltfremd, daß er nicht des kohlrabenschwarzen 
Pferdehufes in seinem und in Röseleins Herzen ge 
wahr geworden wäre! 
Wochen verstrichen solcherart, der Huf zertrampelte 
nach Herzenslust das Beet der theologischen Gelehr 
samkeit, bangend schlich Frommhold zwischen den 
Wänden seines Studierzimmers auf und nieder und 
fand kein Wachs, das seine Ohren verstopfen wollte. 
Und dann war das Entsetzliche geschehen! Der hoch 
wohllöbliche Magistrat hatte ihn kommen lassen und 
ihm eröffnet, daß demnächst die Hilfspredigerstelle 
frei werden würde. Und der Herr Amtmann schüttelte 
ihm gar freundschaftlich die Hand, und auf dem Rück 
weg sah Frommhold richtig wieder das Röselein am 
Fenster, und wenn nicht alles täuschte, waren die 
Augen der schönen Jungfrau runder und glänzender 
noch als sonst. Was aber konnte dies alles anderes 
bedeuten, als daß man Taten ungeheurer Kühnheit von 
ihm erwartete, einen Griff in das Rädlein seines Ge 
schicks, eine Kette von Handlungen, für die er in 
keinem Brevier seiner gelehrsamen Bibliothek eine An 
leitung finden wollte? 
O, daß eine verbotene Frucht am Bäumlein der Er 
kenntnis hing, das war leichtlich zu ertragen. Man 
konnte sich mit den güten Geboten wappnen und dem 
Satan ein Schnippchen schlagen. Aber da die Ehr 
würdigkeit eines Vaters und einer hohen Behörde 
nichts mehr gegen die Ernte des Früchtleins einwand, 
da sie vielmehr selber bereit schien, das natürliche 
Diktat bürgerlich und kirchlich zu segnen — ei, wer 
sollte da noch ausweichen können? Und o, wie sollte 
ein weitabgewandter, schüchterner und bescheidener 
Jüngling das geheimnisvolle Zeremoniell bewältigen 
können, so bisher unter sieben Siegeln verborgen lag? 
' Und also hatte sich Frommhold Leberecht Mittel 
straß auf seinen Rucksack gestürzt, hatte etliche an 
sehnliche Schriften und einigen Mundvorrat eingepackt, 
auch einen Zehrgroschen zu sich gesteckt und des 
Morgens in aller Heimlichkeit die Postkutsche be 
stiegen. Da saß er nun, gepeitscht vom guten und 
vom bösen Gewissen, nicht sicher, welches das eine 
und welches das andere war, und suchte vergeblich, 
sich die Gedanken des ehrwürdigen Buches plastisch 
vor die Seele zu bringen. 
In einem Ruck des Wagens aufschreckend erkannte 
er, daß man sich am Fuß eines recht steilen Berges 
befand, der von einer prächtigen Burg gekrönt war. 
Der Weg führte über die Höhe. Kutscher und Fahr 
gäste stiegen vom Wagen, um den Pferden die Last 
zu erleichtern. Mit Muße beschaute Frommhold auf 
dem Bergpfad die Anlage der Burg und war noch in 
der Betrachtung der schmiedeeisernen Tür versunken, 
als diese sich plötzlich öffnete und ein Diener sehr 
artig auf ihn zutrat. Mit Erstaunen vernahm er — und 
wähnte einen Augenblick ins Märchenland geraten zu 
sein —, daß die Burgherrin, ihrem stets geübten 
Brauche folgend, den Reisenden mit einem Frühstück 
zu bewirten wünsche. Dieweil der Postwagen im 
Städtchen jenseits des Berges die Mittagsruhe halte, 
sollte er ihr recht willkommen sein. Da schmunzelte 
der Kandidat der Gottesgelahrtheit recht vergnügt, 
denn es dünkte ihm nicht übel, in dem reichen Schlosse 
zu rasten und wohl gar einen kräftigen Imbiß zu sich 
zu nehmen. 
Die Gräfin, eine wohlgestaltete Dame in jenem 
Alter, da die jungfräuliche Befangenheit gegenüber den 
Männern längst einer kühlen Energie ausgewichen ist, 
empfing ihn sehr huldvoll und führte ihn augenblicks 
vor eine wohlbesetzte Tafel, daß er vermeinte, einen 
schlaraffischen Traum zu träumen. Indem blieb es 
ihm nicht verborgen, daß die Burgherrin von einer 
allzu starken Ausdehnung des Mahles nichts hielt, 
vielleicht daß sie grübelnden Sinnes recht bald einige 
geistlichen Fragen mit ihm besprechen und sich nun 
ihrerseits an der Tafel seiner Weisheit speisen lassen 
wollte So beeilte er sich nach Kräften mit Schinken, 
Geflügel und Pasteten sowie einer Bouteille feurigen 
Süßweins. Danach führte sie ihn in ein reich aus 
gestattetes Gemach, und Frommhold hielt sich bereit, 
mit allen Kenntnissen seines guten Studiums zu glan 
zen Indessen geschah etwas ganz anderes, daß er 
glaubte sein letztes Stündlein sei gekommen. Die 
Gräfin hieß ihn nämlich Platz nehmen und legte ohne 
viele Umstände mit einem schelmischen Lachen die 
schweren, weißen Arme um den erschrockenen 
Nacken Aus eiskalter Seele stieß er ein Gebet in 
das Antlitz der Gräfin, die jedoch keineswegs, wie 
er erhofft hatte von hinnen entfloh, sondern sich nur 
erstaunt und unwillig aufrichtete und ihn mit herber 
Stimme fragte, ob etwa er sich weigern wo le den Ge 
setzen ihrer Burg zu gehorchen. Der Jüngling bejahte 
dies unbesonnenerweise so heftig, daß die Burgherrin 
darob sehr erzürnte. Und als ihre guten Reden die sie 
geduldigen Herzens doch noch an ihn verwandte gar 
nichts helfen wollten, Frommhold vielmehr fortfuhr, 
sie mit heiligen Gesten bannen zu wollen, griff sie flugs 
nach einer Pistole und bedeutete ihm kuzerhand, daß 
er also zwischen Leben und Tod wählen möge. 
Frommhold Leberecht Mittelstraß war baß entsetzt. 
Zitternd zerrann ihm die innere Sprache die ihm an- 
befahl also als Märtyrer der Tugend zu sterben. Wem 
nützte wohl ein stummes Skelett in dunklem Burg 
verließ? Dem Herrn Amtmann? Der Jungfrau Rose 
lein? „O Röselein“, stöhnte er und verwünschte von 
Herzen die Flucht aus dem behaglichen Heimat 
städtchen Nenn’ Er mich immerhin Sophie! 
herrschte‘ihn "aber die Gräfin an „und entscheide Er 
sich! Meine Pistole ist nicht mit Gedu d geladen! 
Man liebt die Tugend, sagte sich Frommhold fliegenden 
Herzens vor dieser Drohung, aber man hebt auch das 
Leben . 
Und er verbeugte sich, noch zitternd, aber mit einem 
Anfluge weltmännischer Artigkeit so ihn die Angst 
lehrte vor der gestrengen Frau und beteuerte, er wurde 
über Maßen glücklich sein, wenn er irgendetwas tun 
könnte, sie zu erfreuen. 
Darüber wurde er nun alsbald kurzweilig belehrt, 
daß er für einige Zeit sämtliche Sätze seiner morali 
schen Abhandlung aus den Augen verlor. 
Als nun die Stunde zur Weiterreise drängte und auch 
kein gewichtiger Grund vorlag den unerfahrenen 
Tünölinö zu einem Verweilen auf der Burg einzuladen, 
geleitete ihn die Gräfin sehr freundlich bis an das 
schmiedeeiserne Tor. Hier zog sie einen Beutel Dukaten 
hervor und reichte ihn dem Jüngling. „Dies Gast- 
rt^rhenk“ so sagte sie hierbei, „ist Brauch in meinem 
Hoheitsgebiet.“ Verwirrt und nicht übel entzückt 
nahm er den Schutz entgegen. „Fernerhin aber“, fügte 
die Gräfin hinzu, „pflege ich den männlichen Eigen 
schaften eine Zensur auszustellen. Hier ist sie!“ Und 
ehe Frommhold es sich noch versah, brannte ihm eine 
gewaltige Ohrfeige auf der verstörten Wange. Im 
selben Augenblick flog das schwere Tor hinter ihm 
ins Schloß.
        
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