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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr 21 
Jafirg. SS 
16 
auflöste. Diesmal glaubte er seiner Sache ganz sicher 
zu sein und in Gedanken zeichnete er liebevoll einen 
bildhübschen blonden Mädchenkopf in das Tapeten 
muster hinein. Bis jetzt waren derartige Versuche an 
einem Punkte gescheitert, an der Musik. Er hielt sich 
nämlich für einen großen Künstler, weil er Violine 
spielte, zumindest nahm er die Freiheiten eines solchen 
für sich in Anspruch; er nannte die Musik das stärkste 
Moment in seinem Leben und hatte auf der Gegenseite 
mit dieser Ansicht gewöhnlich wenig Anklang ge 
funden. Wenn auch manche von den Mädeln Klavier 
spielten, so betrieben sie diese Kunst, wie er zürnend 
erklärte, nur als eine Art weiblicher Handarbeit, ohne 
von dem göttlichen Funken eine Ahnung zu haben, der 
in einem Künstler glühte, und mit dem er gelegentliche 
— sagen wir — Bedenklichkeiten entschuldigte. Aber 
jetzt lag der Fall anders; Ruth Dirkens war eine 
brillante Klavierspielerin, spielte weit besser als der 
Durchschnitt guter Dilettanten, er ahnte den göttlichen 
Funken in ihr — so schlug die Flamme, die sie entfachte, 
immer wieder auf sie zurück. 
In der Musik hatten sie sich gefunden. Am Abend 
seiner Ankunft hörte er sie in der Halle Klavier spielen, 
eilte spornstreichs auf sie zu, stellte sich vor — selbst 
verständlich auch der Mama Dirkens — und rückte mit 
seinem Vorschlag heraus, zusammen zu musizieren; 
Ruth, überrascht und belustigt durch seine eruptive 
Art, willigte ein, worauf er beglückt seine Geige holte. 
Seither hatten sie jeden Tag vor dem Diner Sonaten 
gespielt. Und damit begann für ihn das neue Beben; 
er entdeckte in sich eine Menge solider Grundsätze, 
empfand eine frühlingszarte Liebe nach so vielen tollen 
Leidenschaften, aber er sprach kein Wort davon, um 
ihr die Unbefangenheit nicht zu nehmen. Erst an einem 
der letzten Tage wollte er alles sagen und das weitere 
sollte ihr überlassen bleiben. 
Doch was er nicht sagte, verriet die Geige. Seine 
Sehnsucht nach einer großen, befreienden Liebe klang 
in den Saiten auf, die Töne bebten wie eine heiße, 
lebendige Menschenstimme und schlangen einen Kranz 
von Flehen und Begehren um das blonde Mädel, und 
als ihn nachher ein langer Blick aus den großen, blauen 
Augen traf, der eindringlich fragte und forschte, trat 
er, da er sich verstanden wußte, neben sie, blätterte in 
den Noten, als suche er etwas, und flüsterte, sich herab 
beugend: „Ich glaube, ich könnte Sie sehr lieb haben.“ 
Sekundenlang blieb das blonde Köpfchen gesenkt, dann 
leuchteten die Augen auf: „Ich kenne Sie zu kurz, gm 
zu wissen, ob ich Ihnen vertrauen darf, aber — ich 
will’s versuchen.“ Das mußte er sich sagen lassen, 
ohne den blonden Kopf und die blühenden Wangen in 
beide Hände nehmen und küssen — küssen zu können, 
Herrgott, weil in der anderen Ecke der Halle eine 
dumme Bridgepartie sich geräuschvoll betätigte! 
Und immer dichter spannen die beiden das Netz 
ihrer Liebe aus der graziösen Anmut Mozarts, dem 
weinseligen Übermut Schuberts, aus dem naiv-gläubigen 
Genie Haydns und der romantischen Leidenschaftlich 
keit Schumanns. Im Überschwange seines Herzens be 
geisterte er sich für ihre Lieblingskomponistsn, die er 
sonst in ihrer allzuhäufigen Wiederholung und Aus 
schließlichkeit ein wenig langweilig gefunden hätte. Er 
vermißte nicht einmal die klare kosmische Größe 
J. S. Bachs, die tragische Wucht Brahms' und Beet 
hovens; aber das würde alles noch kommen. In weni 
gen Tagen ging sein Aufenthalt zu Ende und die nächste 
Zeit in Wien würde zur Reife bringen, was hier so viel 
versprechend begonnen. 
Er klopfte die Pfeife aus, streckte sich, dann lenkten 
seine Gedanken in ein anderes Kapitel ein. Er mußte 
irgendwo eine richtige Anstellung mit einem festen Ge 
halt bekommen. Wenn er es wagen sollte, so wie er 
jetzt lebte, vor Mama Dirkens hinzutreten, so würde 
sie ihn, das sah er sofort ein, trotzdem sie eigentlich 
eine liebe, nette Dame war, glatt hinauswerfen; speziell 
dem Papa Dirkens, vor dem er, obwohl er ihn noch 
nicht kannte, wie vor allen Vätern, einen heillosen Re 
spekt hatte, war eine solche lieblose Handlungsweise 
ohne weiteres zuzutrauen. Also, was kam in Betracht? 
Bank, Fabrik, Handelshaus? — Er hatte genügend Be 
ziehungen und schlimmstenfalls müßte er sich an die 
Verwandtschaft wenden, die den verlorenen Sohn zwar 
in die Arme schließen, aber kein Kalb zur Feier seiner 
Rückkehr schlachten, sondern in ein Hohngelächter 
ausbrechen würden. 
Auf alle Fälle — fühlte er— hatte er bei diesen nicht 
sehr erfreulichen Gedanken einige Stärkung vonnöten, 
und er wanderte hinüber in die Bar. Der kleine Raum 
war gepreßt voll, schreiende, lachende Menschen 
trauben umdrängten beängstigend die Tische. Er wand 
sich durch, bestellte einen Cocktail. Neben ihm saß 
eine Frau auf einem der hohen Sessel. Schwarze, silber 
gestickte Seide schmiegte sich in der Andeutung eines 
Kleides um den schlanken Körper, die wunderbar lang 
gezogenen perlgrauen Beine waren frei bis über die 
Knie. Sie unterhielt sich mit einigen Herren, wandte 
sich aber herum, als hätte sie die Blicke gespürt, die 
ihren schimmernden Rücken liebkosten, und sah ihm, 
den einen Ellbogen auf die Metallplatte des Bartisches 
stützend, voll ins Gesicht. Cornelius kannte sie vom 
Sehen, einige Male hatte sie ihm zugehört, und heiße 
Wünsche waren in ihm aufgestiegen, die er aber als 
mit seinem neuen Leben unvereinbar strenge abwies. 
Doch nun brannte ihre wilde, faszinierende Schönheit 
dicht neben ihm, ein Strom berauschender, sinnlicher 
Wärme drang herüber und seine Augen mußten sich 
an ihr sattrinken. 
Einige Male kreuzten sich beider Blicke wie blitzende 
Degen, dann sagte sie nachlässig mit einer dunklen 
Cellostimme:. 
„Ach ja — der Geiger —“ 
Er verbeugte sich knapp; „Zu dienen, Madame —“, 
ärgerlich darüber, daß ihm das Blut glühend in die 
Wangen schoß. 
„Nicht untalentiert“, setzte sie fort; die schmalen, 
roten Lippen, die auf jede Nachhilfe einer Schminke 
verzichteten, bewegten sich kaum beim Sprechen. 
„Wenig schmeichelhaft“, antwortete er, nicht gerade 
begeistert. „Woran fehlt es Ihrer geschätzten Meinung 
nach, wenn ich fragen darf? 
Die großen, hellgrauen Augen lächelten spöttisch, 
„Ich möchte es den göttlichen Funken nennen, wenn 
Sie verstehen können, was ich damit meine — etwas, 
das einem im Blut brennen muß.“ 
„Wirklich?“ höhnte er, eine aufsteigende Wut unter 
drückend. Was fiel dem verrückten Weib eigent 
lich ein? 
„Gott — für Mozart und Haydn mag es ja bei Ihnen 
langen, Sie verzeihen meine Aufrichtigkeit —“ 
„Und was meinten Sie mit dem Blut?“ fragte er, 
während er das geleerte Glas dem Barkeeper reichte. 
Das marmorblasse, schmale Gesicht lauerte. „Haben 
Sie nie bemerkt, daß jeder von uns das Blut eines 
Tieres in seinen Adern trägt, eines Raubtieres oder —“ 
das Ende des Satzes verschluckte sie, da sie eben eine 
Zigarette anzündete. 
Er fühlte, wem der Hieb galt, hätte aufschreien 
mögen vor Qual. Warum stand er nicht auf und ging 
einfach fort? 
„Können Sie überhaupt Klavier spielen?“ fragte 
er frech. 
„Ich?!“ Sie lachte ein helles, gefährliches Lachen. 
„Ich bin Tatjana Werschinska.“ 
„Der Name sagt mir gar nichts“, erwiderte er bos 
haft, „wollen Sie vielleicht einmal die Gnade haben, 
mit mir zu musizieren?“ 
Wiederum lachte sie. „Warum nicht? Sie werfen 
mir zwar diese Einladung wie einen Fehdehandschuh 
hin, aber ich fürchte mich nicht. Hier meine Antwort: 
Kennen Sie die dritte Suite von Alexei Feodorowitsch 
Nischatin?“
        
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