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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

J'-nrg 28 
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FLIEDERRAUSCM 
JOSEF STOLLREITER 
n einer meiner Vasen äugte und 
zitterte ein Strauß Flieder vor 
Eigenwonne und wollüstiger Lebens- 
"\ pracht. Es war mein erster. All’ 
) meine Fibern, all’ meine schönheits- 
durstigen Nerven bebten im Zauber 
seines herrlichen Duftes. Mir war, 
-als umfinge mich ein purpurn strö 
mender Opiumrausch, aus dem ich 
nur wehmütig erwachte, wenn der süße, betäubende 
Duft sich manchmal verflüchtigte. Darum stellte ich die 
Vase so, daß ein leiser Luftzug, der sich durch einen 
Fensterspalt stahl, mir den Duft unausgesetzt in das 
Gesicht fächeln mußte. Und dann versank ich in tiefe 
Stille. 
Alle Nerven, alle Sinne lösten sich auf in Duft. Welch 
eine schwermütige Schönheit durchströmte meine 
Adern, welch eine wollüstige Schwermut! Mein Blut, 
meine Augen, meine Tastsinne — alles ward Flieder. 
Und hätte ich zu weinen vermocht — ich glaube, es 
wären mir lilafarbene Tränen von Fliederduft enttropft. 
Draußen regnete es in zarten, innigen Schleiern Ambra 
und Kühle. 
Mit einem Male war mir, als wäre ich selbst Flieder. 
Ein windumwobener, im Vollgefühl innigster Selbst- 
berauschtheit wonnig im Sonnenkusse schwankender 
Fliederstrauch. Meine Finger, meine Augen, jedes 
Flaar, ja mein ganzer Leib wurde eine einzige 
schwellende Blütendolde Flieder. Und jedes einzige 
Blütennägelchen ward ein Auge, ein schönheitdurstiges, 
schönheitvergeudendes Auge. 
Ach! und was sah ich! Was sah ich mit all diesen 
duftenden, sternenlichten Augen! 
Das waren ja gar keine Sonnenstrahlen, die da her 
niederströmten! O, das waren ja alles nur Blütenflocken, 
die mit unsäglichem Leuchten unaufhörlich hernieder 
gossen und alles berauschten! Alles! Alles! — Ich 
sah, ich fühlte, wie der Boden, die Scholle in Sonnen 
blütentrunkenheit bebte, und jede Faser, jeder Hauch 
in mir bebte und zitterte mit. — Und das war auch 
keine Luft um mich her — da war ja nur Klang, Melodie, 
Rauschen! Die Vogelstimmen fielen wie schwere 
Tropfen Versunkenheit, wie helles Lachen Verückter 
in dieses unendliche, uferlose Meer von Tönen und Har 
monien. Und niemals war dieser Klang stärker und 
intensiver als in der großen Stille, von der die Menschen 
sagen; Nicht ein Lüftchen regt sich, nicht ein Vogel 
wagt zu singen, nicht ein Falter zu schweben vor glück 
licher Gottesehrfurcht. 
Da war jeder Dufthauch eine Saite, auf der die große 
Stille fiedelte, jauchzte und schluchzte, auf die die gött 
liche Schwermut der Natur ihre Sandeltränen tropfen 
ließ mit berückcndemVolltönen glückgepackten Wei 
nens. Da schmetterten alle hellen, lohenden Farben ihre 
Feierfanfaren zur großen Sonnendolde empor, da war 
die ganze Natur ein einziges, fliederwonniges Freuden- 
wüten. 
Und wie ich die Menschen sah — und vollends die 
Frauen! 
Jede einzelne eine Sinfonie von Blütenduft und ge 
körpertes, zu edelstem Lichtgebilde zusammengeflos 
senes, wundersam geklärtes Sonnenlicht, verzückter 
Sonnenduft, Purpur, ganz verwoben mit dem damastenen 
Hauchschnee seidiger Blüten, 
Und mit einem Male wußte ich, warum Gold und 
Edelgesteine sich so tief, so abgrundtief in den Schoß 
der Scholle verkrochen — Neid, Neid hat sie da hinab 
gepeitscht, ewiger, brennender Neid! Denn ein einzig 
Frauenauge birgt mehr Licht als alles Edelgestein der 
ganzen Welt zusammen. Sind sie doch nichts anderes, 
als dem Schöpfer mißlungene Frauenaugen, die doch 
wieder überglücklich sind, einmal prangen und strahlen 
zu dürfen an Frauenarmen, an Frauenöhrchen, am weiß 
weißen Hals und im berückenden Haar, 
Und immer, wenn eine Frau an mir vorüberwandelte, 
erklangen und zitterten all meine Blütentröpfchen und 
Blütenfaserchen, und ein traumhaft-verzückter Purpur 
ton strahlte durch all meinen schwellenden Duft — und 
wenn sie sprachen, quoll der Urrausch der Scholle aus 
meinen trunkenen, ambrosischen Wurzeln auf, tropfte 
würzig, harzig und fruchtschwer aus allen meinen Staub 
fäden, sprengte jauchzend alle noch unerschlossenen 
Knospen, daß sich jeglicher Tropfen Duft zu einer 
Meerflut vertausendfachte und das süße Frauenherz 
beglückte, wie noch nie ein Frauenherz in der Welt be 
glückt ward. 
So unsägliche, überirdische Wunder regnete der Flieder 
über mich hin. 
DER JUNGE PRIESTER 
ARTHUR SILBERGLEIT 
Ah ein junges Weib sein Ohr erreichte 
Und ihr Duft in seine Sinne schmolz. 
Schwieg er überwältigt von der Beichte 
Und erzitterte voll leisen Grolls, 
Daß er nie in Frauenarme sänke, 
Da ihm jeder Venusdienst verwehrt. 
Und er nie aus den Pokalen tränke, 
Die berauscht der Liebe Zedier leert. 
Heiß erschaudernd hielt er ihr entgegen 
Zur Entsühnung steil sein Kruzifix 
Und erflehte sich Madonnas Segen 
Für den Anprall jenes Augenblicks, 
Da ihn Satan selber überfalle, 
Jäh vom Höllenfeuerrot amfegt. 
Und der Grimme seine scharfe Kralle 
In sein Herz, der Heiligen Heimat, schlägt. 
ln der Schattennacht des Domes schossen 
Kerzenpfeile feindlich schon nach ihm 
Aber Schaaren bunter Schutzgenossen 
Fand er in gemalten Seraphim.
        
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