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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. Sc 
Jabrg. ZS 
26 
HUMOR 
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„Aber, Herr Kniddieh, warum stehen Sie denn bei diesem Weiter, 
in dem Aufzuge vor Ihrer Haustür?, 
„Ith hatte nur eine kleine, gemütliche Aussprache mit meiner 
lieben Frau/“ ' 
DIE GUTE PARTIE 
Ml 
LOTHAR SACHS 
ir saßen auf der Terrasse eines Cafes im Ber 
liner Westen, tranken unseren Mokka und hatten 
uns in die Lektüre von Zeitungen vertieft. Plötz 
lich stieß mein Freund ein impulsives, erstauntes 
Donnerwetter!“ aus, reichte mir ein Blatt, deutete auf 
eine Annonce und sagte kurz: „Lies!“ 
Ich las: 
Rassige Brünette, 
elegante Erscheinung, Mitte 20, makel 
lose Vergangenheit, unabhängig und 
ohne Anhang, vielseitige Bildungs- 
interess., sucht zwecks baldigster Hei 
rat die Bekanntschaft eines geeigneten 
Herrn, der es versteht, mit einem 
großen Vermögen zu operieren. Beruf, 
Alter und Vermögen des Bewerbers 
ganz Nebensache, da Inserentin infolge 
einer großen Erbschaft, die bei Heirat 
zur unbeschränkten Verfügung steht, 
ganz dem Zuge ihres Herzens folgen 
kann. Offerten unter „Ideal-Ehe“ an 
die Expedition dieses Blattes. 
„Na — und?“ Ich gab ihm das Blatt wieder zurück. 
„Na — und?“ Er sah mich mit hilfloser Verblüffung 
an. „Aber ich bitte dich, das ist doch ’ne Frau für mich. 
So was suche ich schon lange.“ 
Ich lachte: „Du hast keinen Beruf, kein Vermögen.“ 
„Aber das ist ja gerade das Reizvolle daran.“ 
Er ereiferte sich immer mehr. „Bei mir kann sie ganz 
dem Zuge ihres Herzens folgen. Und was das Operieren 
mit einem großen Vermögen anbelangt — du lieber 
Gott, das soll meine kleinste Sorge sein. Ich habe schon 
ganz andere Vermögen durchgebracht.“ 
Ich mußte ihm lachend recht geben. 
Nach Arierzehn Tagen kam er triumphierend zu mir. 
„Was hab’ ich dir gesagt: es hat geklappt. Sie hat 
auf meinen Brief regagiert. Am Sonntag speise ich mit 
ihr im „Fürstenhof“ zu Mittag. Du bist wohl so liebens 
würdig und pumpst mir hundert Mark. Wenn ich ver 
heiratet bin, zahle ich dir die Bagatelle mit Dank zu 
rück. Übrigens, wenn du Lust hast, kannst du am Sonn 
tag im „Fürstenhof“ den stillen Beobachter spielen . . .“ 
Ich war wirklich neugierig, wie die so ideal veranlagte 
Millionen-Braut aussehen würde und mischte mich an 
dem verabredeten Tage unter die Gäste im Speisesaal 
des Hotels. Kaum hatte ich Platz genommen, betrat 
auch schon mein Freund mit der Dame den Saal. Er er 
blickte mich und zwinkerte mir heimlich verständnis 
innig iind mit unverkennbarem Stolz zu. Jetzt konnte ich 
seine Begleiterin, ohne daß ich auffiel, genau mustern 
und — nein, ich mußte mich doch täuschen — gab es * 
denn so was von Ähnlichkeit? — aber ich täuschte mich 
nicht — sie war es wirklich — Lissy, mit der ich vor 
Jahresfrist eine flüchtige Liaison hatte . • - Mir wir 
belten allerlei Gedanken durch den Kopf. Sollte sie eine 
Erbschaft gemacht haben? Vorübergehend reich ver 
heiratet gewesen sein?“ Zum Glück saß ich so, daß sie 
mich nicht sehen konnte. Mein Freund bestellte ein 
fabelhaftes Diner mit allen Delikatessen der Saison, 
Wein, Sekt, zum Schluß Mokka und Liköre. (Alles für 
mein Geld.) Die beiden waren in bester Stimmung, aber 
bei mir hatte sich ein leiser Argwohn festgesetzt und 
ich beschloß, den Dingen einmal auf den Grund zu 
gehen ... Als sich mein Freund von Lissy verabschiedet 
hatte, folgte ich ihr und sprach sie gerade in dem Mo 
ment an, als sie einen Autobus besteigen wollte. Sie 
schrak zusammen und war sichtlich verlegen. Als ich 
ihr sagte, daß ich sie bereits im Hotel „Fürstenhof“ 
beobachtet hätte, suchte sie zunächst nach einer harm 
losen Erklärung für das Rendezvous mit meinem 
Freunde, bis ich ihr den wahren Zweck der Zusammen 
kunft unter Hinweis auf die Annonce auf den Kopf zu 
sagte. „Sag’ einmal, seit wann bist du denn so reich 
und — so ideal?“ fragte ich halb neugierig, halb ironisch. 
Da nahm sie mich beim Arm und lachte hell auf. „Ich 
bin selbstverständlich heute weder reicher noch idealer 
wie vor einem Jahr, nur vielleicht — raffinierter. Und 
wenn du mir versprichst, zu schweigen, will ich dir 
mein „Geschäftsgeheimnis“ verraten.“ Ich versprach ihr 
strengste Diskretion auch meinem Freunde gegenüber. 
„Ich habe diese Annonce“, begann sie ihre Ent 
hüllungen, „in der Zeitung aufgegeben in der Ver 
mutung, daß auf dieses verlockende Angebot sich zahl 
reiche Interessenten finden dürften. Und so war es auch. 
Ich habe 325 Bewerbungen erhalten. 325 Männer 
spekulieren auf mein Geld und eskommt ihnen natürlich 
bei dem in Aussicht stehenden hohen Preis auf einige 
Geschäftsspesen nicht an. Darauf beruht meine ganze 
Taktik. Schon seit vierzehn Tagen bestelle ich mir die 
einzelnen Bewerber: den einen zum Frühstück, den 
anderen zum Mittagessen, den dritten zum Abendessen, 
den vierten ins Theater, den fünften zum Rennen. Ich 
lebe in einem ununterbrochenen Rausch von Vergnü 
gungen und ein Herr ist hebenswürdiger, galanter und 
splendider Avie der andere, weil natürlich einer den 
anderen auszustechen versucht. Da gibts keine Launen 
und Eifersuchtsszenen wie bei Freunden und keine 
Langeweile wie bei Ehemännern. Es stehen mir noch 
herrliche Wochen bevor, bis ich die 325 Bewerber alle 
persönlich kennen gelernt habe . .. .“ Lachte voll queck 
silbrigen Übermutes, reichte mir die Hand und war 
schon auf eine vorüberfahrende Straßenbahn aufge 
sprungen .... 
Als ich nach Hause kam, umarmte mich mein Freund 
mit voller Begeisterung: „Du kannst mir gratulieren . . 
Mir schwindelt vor Glück“ . . . Erst später erfuhr er, 
daß sein ganzes Glück — Schwindel war.
        
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