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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

JaBrg. iS 
A / 2o 
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„Freund“ schon an der nächsten Straßenecke! Das ist 
ja selbstverständlich . . sie ist jung und schön . . . und 
keineswegs so romantisch, auf einen Märchenprinzen zu 
warten, der sie ohne Mitgift heiratet . . 
Als er sich nach dem einsamen Abendessen mit einem 
Reisewerk unter der Lampe zurechtsetzte, sah er den 
Brief aus Graz auf dem Tische liegen. Er brach ihn 
zögernd auf und las zuerst die Unterschrift: 
Käte Kernrod . . . 
Der zweite Name war ihm unbekannt . . . aber Käte? 
Das war jedenfalls die Tochter der Nachbarsleute, mit 
denen sein Onkel in grimmigster Feindschaft gelebt 
hatte. Paul und Käte waren gute Kameraden gewesen, 
aber dies lag ja so weit zurück . . . nun waren es beinahe 
zwölf Jahre! 
Er begann zu lesen; 
„Lieber Paul, 
Sie werden erstaunt sein, nach so langer Zeit von 
mir zu hören. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt 
hätte, Ihnen zu schreiben, falls ich nicht seit einigen 
Jahren wieder zu Hause leben würde, bei Mama. Auch 
will ich nichts von mir selbst erzählen. Man hatte 
mich, nachdem ich eine Reihe guter und vernünftiger 
Partien ausgeschlagen hatte, mit dem ältlichen Fabri 
kanten Kernrod verheiratet Es muß schon so unser 
Schicksal sein, daß man schließlich gerade das tut, was 
man starrköpfig vermeiden wollte. Übrigens bin ich 
ja Witwe geworden, ehe es mir noch recht zum Be 
wußtsein kam, daß ich verheiratet war. Und wenn ich 
Ihnen jetzt schreibe, so kommt dies, weil ich Ihren 
Roman in einer Auslage sah und weil der Buchhändler 
mir sagte, daß es ein sehr großer Erfolg sei. Ich habe 
das Buch seither immer und immer wieder gelesen, 
und was mich vor allem ergriff, war dieser wehmütige 
Ton, da Sie von Ihrer Jugendzeit erzählen. Aber am 
meisten habe ich über die Vorrede grübeln müssen, 
weil Sie da ankündigen, daß Sie gleichsam auf der 
Suche nach einer verlorenen, verklungenen Zeit sind 
und in tiefster Stille und Einsamkeit die begrabenen 
und verschollenen Erlebnisse eines nach dem andern 
aufspüren. Es muß etwas mit Ihnen vorgegangen sein, 
daß Sie zu einer völlig anderen Denkweise gebracht 
hat, und ich quäle mich umsonst, es herauszufinden. 
Denn ich will Ihnen auch gestehen, daß ich den sehn 
süchtigen Wunsch habe, von Ihnen zu hören, ob Sie 
noch immer Vertrauen zu mir haben, wie zu einem 
Kameraden, der still in seinem Winkel verharren will, 
wenn es ihm nur beschieden ist, von Ihnen manchmal 
ein freundschaftliches Wort zu empfangen. Und in 
dieser Hoffnung grüße ich Sie von Herzen! 
Ihre Käte Kernrod.“ 
Paul schob den Brief entmutigt von sich und dachte: 
„Arme Käte .... wenn sie mich jetzt sehen könnte . . . 
wie schnell würde ihr da die Lust vergehen, die einstige 
Freundschaft Wiederaufleben zu lassen. Ich sollte ihr 
eigentlich reinen Wein einschenken, damit sie mit ihren 
törichten Träumen ein für allemal abschließt, an die 
Zukunft denkt und dem braven Kernrod einen etwas 
solideren Nachfolger gibt....“ 
Er rückte sich die Schreibmappe zurecht. 
„Liebe Käte! 
Ich wollte Ihnen als Antwort auf Ihren lieben Brief 
zuerst ausführlich schreiben. Aber nun fehlt mir dazu 
doch der Mut. Ich hatte etwas Unglück, aber es ist 
ja nicht gar so schlimm und jammern wäre langweilig 
. . . Ich lebte an die zehn Jahre in Paris, es ging mir 
dort anfänglich recht elend, aber dann kam ein Tag 
des Glückes. Ein Berliner Theater nahm mein Stück 
an, und gleichzeitig machte mir ein Verlag ein 
günstiges Angebot. Und gerade an jenem Tage, da 
ich wie berauscht in den Straßen umherlief, machte 
mich das Schicksal kleinlaut. Ich hatte das Pech, das 
Opfer eines Vitriolattentats zu werden. Allerdings 
war dieser Gruß für einen Don Juan bestimmt, der 
gerade an mir vorbeilief, als ihm seine eifersüchtige 
Geliebte von einer Haustür aus das Geschoß an den 
Kopf werfen wollte. Als ich das Spital verließ, kam 
ich mir wie ein Aussätziger vor und faßte den Ent 
schluß, auch fortan wie ein Aussätziger zu leben. 
Und ich habe mich mit meinem Schicksal langsam 
ausgesöhnt. Ich wohne in Wien in einem großen 
Hause, das vom Schwall und Lärm vieler Menschen 
widerhallt, aber Wände und Türen meiner Zimmer 
sind schalldicht und ich kann jederzeit die größte 
Stille um mich schaffen, als wäre ich auf die ein 
samste Insel verschickt. Ich habe lange Monate ge 
braucht, ehe ich begriff, daß mir mein Heil aus 
diesem Innenleben erwachsen könne, um trotzdem 
meine Laufbahn als Schriftsteller fortzusetzen. Diese 
Erkenntnis kam mir langsam, ich fühlte mich so 
schwach und elend, daß ich mein Schlafzimmer fast 
nie verließ, und verschlief die Tage und verträumte 
die Nächte, und das Lichtrund der Lampe schien 
mir das einzig Lebendige in diesem Schweigen. Aber 
ich spürte auch, wie sich mein inneres Schauen 
schärfte, ich baute mir eine neue Welt auf, mit allem 
Glanz und strahlendem Flimmer, mit aller Musik, 
allen Rhythmen, allen Schaudern der wirklichen Natur. 
Für mich gab es kein wirkliches Erleben mehr, keine 
von außen körnenden Eindrücke, und deshalb begann 
ich zurückzuschreiten statt vorwärts, suchte neu auf 
leben zu lassen, was ich vor Jahren schon empfunden 
hatte. Und die Sensationen tauchten mir auf, aber 
in einer Stärke, die mich erbeben ließ. Hunderte von 
Einzelheiten, die ich früher nie beachtet hatte, dräng 
ten sich mir auf, wuchsen ins Breite, gewannen klare 
Formen. Mein Roman, dem einige Jahre meiner 
Jugend zum Vorwurf dienten, ist aus dieser Stim 
mung heraus entstanden. Er ist der erste Schritt auf 
diesem Wege, der mich in ein bisher nur unklar ge 
fühltes, verschollen geglaubtes Wirrsal von Erinne 
rungen zurückführt. Ich möchte auf diesem Wege 
weiter gehen als irgendein anderer vor mir, möchte 
Schleier um Schleier abheben und in eine Region ge 
langen, die sich für gewöhnlich unseren Erinnerun 
gen verschließt. Jawohl . . . ich bin auf der Suche 
nach einem Lande, von dem ich bisher nichts ahnte
        
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