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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 2q 
Jahrg. 2S 
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„Ach, Unsinn . . Er nahm eine neue Zigarette und 
zündete sie ah, während Carmens Stimme in der Ferne 
singend verklang . . . 
Auf ihre Bitte ging er noch einmal durch die ganze 
Wohnung und zündete überall Licht an . . . Er kam 
zurück . . . „Es ist nichts ... Es war niemand da, du 
bist heut nur nervös . . . und den Hund hast du auch 
schon angesteckt . . . Kusch dich, Fox . . .“ Aber der 
Hund blieb stehen und schaute fragend nach Vera 
herüber. 
„Siehst du ... er versteht mich . . . Laß uns fort- 
gehen, Kurt. . . ich kann nicht hierbleiben . . .“ sie fuhr 
sich über die Augen, wüe um etwas zu verwischen, was 
hinter der schönen Stirne festsaß . . . „Komm . . . 
ins Freie.“ 
„Aber bei dem Wetter . . . und hier ist es doch so 
gemütlich . . .“ 
„Nein, nein . . . Ich bitte dich . . .“ sie ging nach dem 
Kamin, auf den sie ihre Handschuhe und den Pelz ge 
legt, und setzte den Hut vor dem Spiegel auf. Ihre 
Hände zitterten ... sie fror . . . „Meinen Mantel“, hat 
sie . . . „Wir wollen irgendwohin . . . unter Menschen 
. . . ins Freie ... in irgendein Cafe mit Musik . . .“ 
Sie gingen . . . 
Als sie auf die Straße traten, wirbelte ihnen der Schnee 
entgegen in großen, nassen Flocken . . . 
„Schade“, sagte er . . . 
Sie gingen schweigend durch die nachtstille, breite 
Straße. Die Häuser waren fast alle dunkel, aus den An 
lagen tauchte aus dem Dunkel die gespenstig leuchtende 
Gestalt eines Reiters auf, irgendein Fürst, der dort auf 
seinem steinernen Roß saß. 
In dem erleuchteten Cafe war buntbewegtes Treiben, 
mna hörte gedämpfte Musik von der Estrade, an kleinen 
Tischen saßen Paare beim Sekt, Damen in aus 
geschnittenen Gesellschaftskleidern und großen, schwar 
zen, reihergeschmückten Hüten, die Herren dm Frack 
oder Smoking. 
Vera atmete auf . . . Sie waren unter Menschen . . . 
es war hell um sie. Sie fanden einen Platz in der Ecke, 
dem Büfett gegenüber, das Kellner und Herren im 
Zylinder bedrängten . . . 
Die Musik stimmte eben eine neue Weise an, es war 
ein gutes Cello darunter und eine ausgezeichnete erste 
Geige. Castagnetten klirrten. 
„Was ist das?“ fragte sie . . . 
Er reichte ihr das Programm. Sie warf einen Blick 
darauf, erblaßte und knitterte das Papier in der Hand 
zusammen. 
Er bemerkte es . . . „Was ist es denn?“ 
„Etwas von Massenet“, sagte sie. 
Und er erkannte es nun auch. Es war der Dance 
macabre . . . 
Die beiden in ihrer Ecke schwiegen. 
Es lag etwas auf ihnen, das sie nicht erklären konn 
ten . . . und der Baron sah, daß Vera oft mit der be 
handschuhten Hand über die Augen fuhr, wie um etwas 
fortzuwischen, das immer wiederzukommen schien . . . 
Allmählich wurde er von ihrer Stimmung angesteckt. In 
dem blauen Rauch, der über dem rottapezierten Saal 
lagerte, verschwammen die Paare. Man sah nur noch 
einzelne nackte Arme, die sich um die Schultern der 
Tänzer legten, eine weiße Hand, die nach einem Mantel 
griff, einen Kellner, der sein Tablett mit den Sektgläsern 
durch die Menge balancierte, und im Hintergrund am 
Büfett die weiße Jacke eifies Koches, der dort frische 
Pasteten verkaufte. 
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Die Stimmung, in der sich Krenski seit jenem Sonn 
abend befand, hielt auch die folgenden Tage an. 
Er war nervös und glaubte die Ursache dieser Laune 
in seinem Diener gefunden zu haben. Sein Schreibtisch 
war plötzlich nicht mehr aufgeräumt und geordnet, wie 
er das zu haben wünschte, die Blumen verwelkten in 
den Jardinieren, und eines Tages war seine Krawatten 
nadel verschwunden. Es war ein Geschenk Veras mit 
einer kostbaren blauen Perle, die er am liebsten trug. 
Er beschuldigte den Diener, er habe sie entwendet. . . . 
Der Mann verteidigte sich erregt . . , „Ich habe noch 
nie gestohlen, Herr Baron . . .“ 
„Nun, wer soll sie denn genommen haben ... es 
war ja niemand in der Wohnung . . . “ 
Der Diener schwieg und sah ihn mit seinen hellen 
Augen fest an. „Doch“, sagte er, „es war jemand hier.“ 
„Wieso . . . wann denn?“ 
„Am Sonnabend“, sagte der Diener . . . 
Krenski durchfuhr es wie ein Schlag ... Er wandte 
sich brüsk um und sagte: 
„Was soll das heißen, Emil? Wen meinen Sie damit?“ 
Der Mann zuckte die Achseln und stand stumm . . . 
Dieses Achselzucken empörte Krenski. Der Zorn 
stieg ihm auf bei dem Gedanken an diese Verdächtigung 
einer geliebten Frau ... Er stieß seinen Stuhl zurück 
und sagte ruhig und fest: „Sie sind entlassen . . .“ 
Emil ging . . . Wortlos . . . ohne sich zu erklären und 
ohne Entschuldigung. 
Am anderen Tag trat der neue Diener seine Stelle an. 
Dann rief er Vera an und sagte ihr, daß er Emil ent 
lassen habe. 
„Gott sei gelobt“, klang’s aus der Ferne. 
„Und die Kräwattennadel?“ 
„Hat sich eben unter dem Kaminsessel gefunden . . .“ 
„Das ist ja seltsam, wer fand sie denn?“ 
„Der neue Diener entdeckte sie gleich beim Auf 
räumen . . . Ich muß sie wohl am Sonnabend dort ver 
loren haben . . . Jedenfalls ist der Neue ein ehrlicher 
Mensch . . .“ 
Diese Ehrlichkeit war aber auch alles, was dieser neue 
Diener an Tugenden aufzuweisen hatte, und er wurde 
nach ein paar Tagen entlassen. Der Nachfolger stahl 
am ersten Tag schon die Zigarren, Alle diese Diener, 
die jetzt durch sein Haus gingen, waren nur Gelegen 
heitsarbeiter, und der Baron ertappte sich darauf, sich 
seinen alten Diener wieder herbeizuwünschen. 
Eines Tages besuchte ihn sein alter Onkel Krenski. 
Er hatte sich die Treppen herauftragen lassen, um seinen 
Neffen noch einmal wiederzusehen und ihn um eine 
Auskunft zu bitten. Sein alter Kammerdiener war 
plötzlich gestorben, er suchte einen Ersatz, und es hatte 
sich unter anderen auch Emil gemeldet. Er wollte 
wissen, aus welchem Grunde sein Neffe diesen lang 
jährigen Diener entlassen hatte, da sein Zeugnis gut war 
und der Mann auch über den eigentlichen Entlassungs 
grund nichts Bestimmtes auszusagen wußte oder wollte. 
Krenski versicherte seinem Onkel, daß er immer mit 
dem Manne zufrieden gewesen war und er sein Weg 
gehen eigentlich bedauere. 
„Weshalb hast du ihn denn entlassen?“ 
„Die verschwundene Krawattennadel war schuld dar 
an“, sagte Krenski . . . „Ich war heftig geworden und 
er unverschämt, ich war gereizt und hatte ihn entlassen 
. . . weil ... er eine freche Antwort gab . . . aber 
eigentlich würde ich ihn am liebsten heute wieder 
nehmen . . . wenn “ 
„Nun?“ 
„Wenn sein Gesicht nicht wäre . . .“ 
„Nun, dasselbe Gesicht hat er doch seit zwanzig Jah 
ren . . . solange war er ja bei dir . . .“ meinte der alte 
Herr Und es hat dich bis dahin nicht gestört. 
Ich finde ihn anständig aussehend, etwas feminin, wie 
mir scheint, korrekt, sauber, schreibt eine gute Hand, 
hat gute Manieren. Wenn es also sonst nichts war . . .“ 
„Nein, sonst war es nichts . . . Die Nadel fand sich 
ja wieder.“ 
„Dann nehme ich ihn.“ 
Und die beiden schüttelten sich die Hand. 
„Wenn’s ihm nicht zu einsam bei mir ist“, war das 
einzige Bedenken des alten Herrn. 
Sein Neffe konnte ihn auch darüber beruhigen. Der 
Diener war ein solider Mensch, der sich gär nichts aus 
dem Großstadtleben machte.
        
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