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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 2 
Jahrg. 2S 
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für Alfred hegte, war zunächst absolut rein von irgend 
welchen sinnlichen Liebesgedanken; es war die Zu 
neigung einer bei all ihrer Jugend doch geistig so hoch 
stehenden Frau, daß ein weniger guter Kenner der 
Frauenseele als Alfred es sehr leicht für rein freund 
schaftlich hätte halten können. 
Auch Alfred fing an, die entzückende Baronesse mit 
den Augen des allzeit nach Schönheit ausspähenden 
Mannes zu betrachten. Sein glühendes Herz fing an den 
körperlichen Reizen von Melanie umso schneller Feuer, 
je mehr sich die junge Dame Mühe gab, den Tollkopf 
durch die Macht ihres Geistes zu einem „besseren 
Lebenswandel“, wie sie es nannte, bekehren zu wollen. 
Zunächst allerdings blieben die Beziehungen zwischen 
Alfred und er bildhübschen Baronesse durchaus 
korrekte. Klug vermied Melanie, als sie sich über die 
wahren Gefühle ihres Herzens Alfred gegenüber klar 
geworden war, ein Alleinsein mit dem geliebten Manne. 
Eines Tages aber fügte es der Zufall doch; Alfred ver 
suchte diesmal, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, 
die Festung im Sturm zu nehmen. Aber Melanie ent 
wand sich seiner Umarmung und sagte kühl: 
„Mein lieber Freund, ich fürchte mit Recht, daß Sie 
die gleichen Beteuerungen und Beschwörungen jeder 
Dame sagen, die Ihnen gefällt und dch glaube. Ihnen ge 
fällt jede.“ 
Da merkte Alfred, daß die Festung noch nicht sturm 
reif sei, und er beschloß, auf einem anderen Wege ans 
Ziel zu gelangen. Er fiel vor Melanie auf die Knie und 
stammelte; ' 
„Sie irren sich, Melanie, Sie sind die einzige Frau, die 
ich liebe; aber wie soll ich mich bessern, wenn Sie mich 
darben lassen, wenn Sie nicht Mitleid mit mir haben? 
Gewiß, ich gestehe es: die anderen Frauen erwecken 
Begierde in mir, aber auch nur Begierde; lieben aber 
kann ich nur Sie allein und Sie sindso grausam gegen mich!“ 
Alfreds hitzigen Umarmungen hatte Melanie wider 
stehen können, vor dem Anblick seiner Tränen aber 
schmolz ihr Stolz dahin wie Schnee vor der Sonne. Sie 
beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn auf den Mund; 
dann sprang sie rasch auf und lief davon. Diese gewiß 
nicht unwichtige Begegnung zwischen Alfred und 
Baronesse Melanie fand in einem der vielen Neben 
zimmer der Meckenthalerschen Villa im Grunewald 
statt, während eines Balles, der im großen Saal der 
Villa unter der üblichen Betätigung der tanzlustigen 
Jugend vor sich ging. 
Infolge der von der Natur gewollten notwendigen 
Entwicklung der Dinge ereignete es sich nun, oaß 
Baronesse Melanie von W. ungefähr acht Tage nach 
dieser stürmischen Aussprache in der Meckenthaier- 
schen Villa ihren Freund Alfred in seiner von Frau 
Adele so behaglich hergerichteten Junggesellenwohnung 
am Kaiserdamm besuchte. Natürlich war dieser Besuch 
nicht einem von der jungen Dame ersonnenem Projekt 
entsprungen, sondern veranlaßt durch die Bitten 
Alfreds, ihm doch einmal eine Tasse Tee persönlich be 
reiten zu wollen. 
Nach mancherlei Zaudern und Seelenkämpfen hatte 
Baronesse Melanie sich entschlossen, an dem_ von 
Alfred vorgeschlagenen Mittwoch Nachmittag um 5 L1hr 
zu ihm nach dem Kaiserdamm herauszufahren. 
Alfred aber, der aus langjähriger Praxis wußte, daß 
nichts auf die Liebesglut, besonders der anständigen 
Frauen, so anfeuernd wirkt, wie wenn man sie ein wenig 
zappeln ließ — war eigens an diesem Nachmittag aus 
gegangen, mit dem festen Vorsatz, erst um 6 Uhr nach 
Hause zu kommen, damit die reizende Baronesse, deren 
Ankunft er sehr richtig auf 5,15 Uhr kalkulierte, un 
gefähr eine halbe Stunde auf ihn warten mußte. Liebte 
sie ihn wirklich, so würde sie warten, überlegte er 
weiter; und wenn nicht aus Liebe, so schon aus Neu 
gierde gegenüber dem zu erwartenden Abenteuer. 
An jenem denkwürdigen Nachmittag klingelte um 
5 Uhr 15 Minuten Baronesse Melanie von W., ein wenig 
zaghaft zwar, aber innerlich voller Entschlossenheit, an 
der Tür von Alfreds Junggesellenwohnung. Auf die 
freundliche, aber unumstößliche Auskunft seiner alten 
Wirtschafterin, der Herr Doktor sei ausgegangen, müsse 
aber bald zurück sein, antwortete sie mit großer Ent 
schiedenheit: „Dann werde ich eben warten, bis der 
Herr Doktor zurückkommt.“ 
So wartete denn Melanie bereits 10 Minuten in 
Alfreds behaglichem Wohnzimmer, als sie draußen die 
Entreeklingel schellen hörte; zuerst wunderte sich das 
junge Mädchen zwar ein wenig, daß der Herr dieser 
hübschen und eleganten Wohnung keinen Korridor-
        
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